Ein Mann fährt mit einem Transporter in die Menge, die sich zum Christopher Street Day in Berlin versammelt hat. Er tötet eine Frau, verletzt neunundzwanzig weitere, einige lebensgefährlich, und wird Stunden später bei der Fahndung erschossen. Der Mann heißt Abdul Ballout, ist einschlägig bekannt, wegen versuchter Ausreise zum IS. Der Bundesinnenminister nennt es einen islamistischen Terroranschlag. So weit die Fakten.
Am Sonntag habe ich in die großen muslimischen Dachverbände hineingehört, ins Schweigen. Es gab dann am Sonntag doch noch erste Stellungnahmen. Eine davon in einer bezeichnenden Zwischenfassung. Ein Funktionär verurteilte zunächst diesen „islamistischen Terror“. Kurz darauf war aus dem Text das Wort „islamistisch“ wieder verschwunden, übrig blieb nur noch „Terror“, unbestimmt, unverortet, für jeden Anlass verwendbar. Er hat seine Formulierung bewusst amputiert. Jemand hat die erste Formulierung gelesen, das Wort als Problem erkannt und operativ entfernt. Er hat das Wort „islamistisch“ bewusst herausgeschnitten, weil er Angst hatte, was es bedeutet.
Die heutige Presseerklärung des Koordinationsrats der Muslime (KRM) setzt diese Linie fort. Sie benennt die Opfer nicht, den CSD nicht, das Tatmotiv nicht. Wer die Erklärung liest, weiß nur, das etwas in Berlin passiert ist. Alles andere wird verdrängt.
Was am Wochenende und am heutigen Montag in den Pressestellen der Verbände passiert ist, ist nur die aktuellste Ausgabe eines Musters, das ich seit knapp acht Jahren beschreibe, ohne dass sich daran etwas geändert hätte. Im November 2018 habe ich unter dem Titel „Pride“ ein Freitagswort veröffentlicht. Der Titel war doppelt gemeint: als Verweis auf die Achtung, die muslimische Gemeinschaften queeren Menschen verweigern, und als Verweis auf den Hochmut, mit dem sie diese Verweigerung als besondere Frömmigkeit ausgeben. Ich schrieb damals, dass wir als muslimische Gemeinschaft über dieses Thema nicht reden, „denn das, was wir in den meisten Fällen dazu zu sagen haben, besteht aus Ablehnung und Ächtung. Und das ist noch vorsichtig formuliert.“ Ich schrieb, dass unsere Stigmatisierung von Vorwürfen der Besessenheit über die Forderung nach medizinischer „Heilung“ bis zur offenen Legitimation von Gewalt reicht. Und ich schrieb den Satz, der mir heute, acht Jahre später, am schwersten im Magen liegt: „Erst dann zu reagieren und Pressemitteilungen zu veröffentlichen, wenn es zu Gewalt gegen queere Menschen kommt, reicht nicht aus.“
Ein Text und s(k)eine Folgen
Genau das ist am Wochenende wieder passiert. Erst die Gewalt, dann die Pressemitteilung. Und selbst die öffentliche Erklärung eines Funktionärs musste noch nachträglich von ihrem unbequemsten Wort befreit werden. Die Reaktionen auf das damalige Freitagswort erklären mir bis heute, warum sich seither nichts bewegt hat. Mein Text von damals hatte auf persönlicher Ebene das Ende einer Freundschaft zur Folge. Jemand, der sich selbst wahrscheinlich als politisch progressiv beschreiben würde, kündigte mir die Freundschaft auf, weil ich mit meinem Text Muslime pauschal beschuldigen würde.
Und ein Imam, der von sich ein progressives Selbstbild hat und bis heute als verlässlicher Dialogpartner gefeiert wird, fragte damals öffentlich seine Facebook-Freunde, ob jemand diese „ungewöhnliche Alternativ-Predigt“ gelesen habe und was „die Muslime“ dazu sagten – als müsse er sich erst vergewissern, was innerhalb seiner Gemeinschaft opportun ist, bevor er selbst eine Haltung äußert.
Ein anderer beschrieb mich als jemanden, der sich „aus reinem Opportunismus geistig prostituiert“ und sich bei „neuen Fütterern“ anbiedert. Wer in diesen Kategorien denkt, kennt nur ein Verhältnis zur eigenen Gemeinschaft, nämlich das der bedingungslosen Loyalität, in dem Kritik automatisch Verrat ist und der Kritiker automatisch ein Fremder, der von außen angreift. In einem solchen Klima ist das Schweigen zu den Berührungspunkten islamistischer Gewalt mit den Realität unserer Glaubensgemeinschaft die rationale Antwort auf ein System, das jede klare Positionierung sozial bestraft.
Verteidigungslogik
Es gibt für dieses Schweigen inzwischen sogar eine explizite Rechtfertigungslehre, die insbesondere in einschlägigen islamistischen Kreisen kursiert, gerade jetzt, in den Tagen nach dem Anschlag. Sie ist in ihren Grundzügen aber auch in den Verlautbarungen öffentlicher muslimischer Stimmen des religiösen Mainstream zu finden. Ihre Pointe lautet, verkürzt: Wer in solchen Momenten auf eine klare Positionierung dränge, übe in Wahrheit Druck aus, um religiöse Inhalte fremden Maßstäben zu unterwerfen, und wer diesem Druck nachgebe, gebe die eigene politische Autonomie auf. Schweigen wird darin zur Standhaftigkeit erklärt, Verweigerung zur Souveränität. Das Religiöse wird zum Politischen erklärt – und damit schwindet die Distanz des radikalen Randes zur muslimischen Mitte.
Bemerkenswert an dieser Verteidigung ist, was sie tatsächlich verteidigt. Es geht in ihr nicht darum, ein theologisches Urteil über Homosexualität gegen äußeren Druck zu behaupten. Das ist die Behauptung, aber nicht die Realität dieser Verteidigung. In Wirklichkeit will sie die praktische Abwertung verteidigen, die aus dem theologischen Urteil folgt. Es geht darum, gar nicht erst über das sprechen zu müssen, was aus diesem Urteil im Alltag der muslimischen Gemeinschaften wird: über Ausgrenzung, über Unsichtbarmachung, über ein Klima, in dem queere Menschen ihre Existenz verbergen müssen, um dazuzugehören.
Diese Haltung verteidigt vermeintlich eine theologische Position gegen einen Angriff, der so nicht stattfindet, und schweigt genau zu der Gefährdung, die aus dieser Position für reale Menschen hervorgeht. Wer so argumentiert, hat die Frage, um die es eigentlich geht, längst durch eine andere ersetzt, die sich leichter beantworten lässt. Niemand erwartet von den muslimischen Verbänden, eine gefestigte theologische Lehrmeinung über Nacht zu revidieren. Aber die religiöse Lehrmeinung wird mit der oben erwähnten Verteidigung deshalb zur Festung erklärt, damit das, was diese Lehrmeinung an Abwertung, Angst und im Zweifel an Gewaltbereitschaft in der eigenen Gemeinschaft erzeugt, gar nicht erst zur Sprache kommt.
Das zeigt sich auch an der Umkehrung des Generalverdachts-Arguments. Es wird behauptet, eine klare Positionierung zum Anschlag auf den CSD würde den Verdacht gegen Muslime nicht entkräften, sondern legitimieren. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Es ist gerade das Schweigen zu den alltäglichen Folgen der eigenen Lehrmeinung, das den Verdacht nährt. Es bestätigt das Bild einer Gemeinschaft, die sich lieber verteidigt – notfalls mit Gewalt – als reflektiert.
Keine Sicherheit für Menschen
Am aufschlussreichsten ist, was in dieser gesamten Verteidigungslogik fehlt. Die Frau, die bei diesem Anschlag starb, die Verletzten – und auch die queeren Muslime, die sich fragen müssen, ob ihre eigene Gemeinschaft für sie überhaupt Trauer empfindet. Es geht ausschließlich um die eigene diskursive Position. Wenn selbst ein Anschlag auf queere Menschen zuerst als Bedrohung der eigenen theologischen Autonomie verarbeitet wird und die Abwertung, die aus dieser Position hervorgeht, gar nicht erst als eigenes Problem erkannt wird, dann hat sich die Gemeinschaft längst dafür entschieden, wessen Sicherheit ihr wichtiger ist – die der eigenen Lehrmeinung oder die der Menschen, die unter ihr leiden. Das ist der Grund, warum die Opfer des Anschlages in der Erklärung des KRM nicht konkretisiert werden, warum der Funktionär sein anfängliches „islamistisch“ wieder löscht.
Das ist auch der Grund, warum ich der Erklärung „strukturelle Überforderung“ nicht mehr abnehme, dass am Wochenende niemand im Büro war, dass viele im Urlaub sind, dass Pressearbeit am Wochenende eben ihre Grenzen hat. Diese Erklärung beschreibt vielleicht die konkrete Uhrzeit, das Datum einer Stellungnahme. Sie erklärt nicht, warum die Stellungnahme, die dann irgendwann kommt, ihr schärfstes Wort verliert, sobald jemand länger draufschaut. Oder warum die Erklärung vollkommen vage und austauschbar bleibt. Man könnte konkreter werden. Man könnte präzise sein. Man will nur nicht, jedenfalls nicht so genau.
Die Abwertung, die bleibt
Es ist also keine faktische Unmöglichkeit. Es ist eine Entscheidung, die Abwertung queerer Menschen nicht anzutasten, weil das Antasten mehr kostet als das Schweigen. Eine solche Entscheidung wird nicht am Wochenende nach einem Anschlag getroffen. Sie wird an jedem gewöhnlichen Montag getroffen, an dem in Moscheegemeinden über dieses Thema nicht gesprochen wird, an dem queere Muslime nur unter der stillschweigenden Bedingung Teil der Gemeinschaft bleiben dürfen, dass sie unsichtbar sind, an dem ein junger Imam lieber schweigt, als sich vor der Meinung seiner Glaubensgeschwister zu exponieren.
Am Montag nach dem Anschlag sieht dieser Alltag dann so aus: Man holt die Beileidsbekundungen zu früheren Anschlägen aus dem Ordner, tauscht Datum und Ort aus, der Rest der Formulierung bleibt bewährt. Für Freitag sucht man einen älteren Predigttext zu Familie und moralischen Werten heraus, damit die politisch Mächtigen im Hintergrund der eigenen Strukturen sich sicher sein können, dass mit dieser „Verurteilung aufs Schärfste“ nicht an der Lehrmeinung gerüttelt wird. Und am Jahresende wundert man sich wieder, warum die Stimmung im Land immer düsterer wird, und warum man dagegen nichts tun kann.
Der Weg zur Gewalt
Die Verteidigung eines theologischen Urteils hat Abdul Ballout, den Täter von Berlin, nicht zu dem gemacht hat, was er wurde. Das wäre eine Kausalkette, die sich nicht belegen lässt und die auch nicht meine These ist. Meine These ist eine andere. Im Buch, das ich vor fünf Jahren geschrieben habe, habe ich sie so formuliert: Die Vorstellung von einem Ungleichgewicht des Wertes menschlichen Lebens kommt nicht unvermittelt. Sie beginnt sich zu formen, wo ein Klima geduldet wird, das auf der Vorstellung von Überlegenheit und sittlich-moralischer Höherwertigkeit beruht. Wer sich daran gewöhnt hat, das Leben und die Würde bestimmter Menschen als verhandelbar zu betrachten, weil sie „falsch“ lieben oder „falsch“ leben, hat einen ersten Schritt schon getan, lange bevor er zur physischen Gewalt fähig ist.
Die muslimischen Gemeinschaften haben diesen ersten Schritt seit Jahrzehnten geduldet, ohne ihn zu benennen. Sie haben Wächter, Hirten und selbst ernannte Religionspolizisten in ihre Strukturen gelassen, die genau bestimmen, wer noch dazugehört und wer nicht, und sie haben dieses System nie ernsthaft infrage gestellt, weil es bequem organisiert, wer Autorität hat und wer sich zu fügen hat.
Die Abwertung ist eine Entscheidung
Wenn es die Religion ist, die die Abwertung queerer Menschen zwingend vorschreibt, bliebe den Verbänden also gar keine andere Wahl. Dann hätten alle recht, die dem Islam grundsätzlich Gewalt- und Homophobiebereitschaft unterstellen, und unsere Religion wäre tatsächlich das Problem. Ich bestreite das. Gemessen an der Häufigkeit seiner Erwähnung im Koran ist das Thema Homosexualität für das Verhältnis zu Gott weniger relevant als Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit oder Nachsicht. In der tatsächlichen Religionspraxis kehren wir Muslime dieses Verhältnis aber um und stigmatisieren mit einer Vehemenz, die wir bei der tatsächlich häufiger benannten Habsucht, dem Vertragsbruch oder der Veruntreuung fremden Besitzes nie an den Tag legen. Warum das so ist, hat mehr mit einem verletzlichen, patriarchalisch geprägten Männlichkeitsbild zu tun als mit dem Koran. Wenn diese Entscheidung zur Abwertung also nicht religiös zwingend ist, wovon ich überzeugt bin, dann bleibt nur eine Erklärung übrig: Die muslimischen Organisationen versagen. Wir als muslimische Community versagen. Und dieses Versagen muss die Grundlage unserer Debatten sein.
Deshalb kann ich mich nicht damit zufriedengeben, wenn Solidarität mit den Opfern eines Anschlags, der Menschen traf, die sichtbar anders leben wollten, sich in einer Erklärung erschöpft, deren Wortlaut noch nachträglich entschärft wird oder die inhaltlich völlig beliebig bleibt. Solidarität verlangt eine Ansage an uns selbst, dass jede Gewalt mit der Abwertung ihrer Opfer beginnt, lange bevor sie zur Tat wird. Und die eigentliche Herausforderung, vor der die muslimischen Gemeinschaften seit Jahrzehnten ausweichen, ist keine theologische. Es interessiert mich wenig, ob sich am Ende eine liberalere Koranauslegung finden oder erstreiten lässt, die Homosexualität für vereinbar mit dem Glauben erklärt. Diese Debatte kann geführt werden, sie wird geführt, sie wird noch lange geführt werden, und sie ist nicht meine.
Keine Frage der Theologie
Die Herausforderung, um die es mir geht, liegt vor dieser Debatte und ist viel grundsätzlicher. Sie liegt darin, einen gleichberechtigten, respektvollen Umgang mit Menschen zu finden, die nicht nach islamischen Normen leben oder lieben, und zwar unabhängig davon, wie diese theologische Debatte irgendwann ausgeht. Man muss nicht mit jemandem einer theologischen Meinung sein, um ihn als vollwertiges Mitglied der eigenen Gemeinschaft oder der größeren Gesellschaft zu behandeln. Man muss nicht die Lebensweise eines anderen für theologisch richtig erklären, um dem anderen seine Würde, seinen Platz im Gebetsraum, seinen Anspruch auf seelsorgerischen Beistand, seine Unversehrtheit und seinen Anspruch auf gesellschaftliche Geltung nicht abzusprechen.
Genau das aber verweigern die Verbände und die muslimischen Apologeten der oben beschriebenen Verteidigungslogik. Sie verweigern sich mit ihrer Verteidigungslogik nicht in erster Linie einer Diskussion über ein bestimmtes theologisches Urteil, sondern der Bereitschaft, mit Menschen, die diesem Urteil nicht entsprechen, überhaupt gleichberechtigt zusammenzuleben. Sie verstecken sich hinter der Frage nach dem religiösen Verbot, weil die eigentliche Frage nach der gelebten Gleichwertigkeit unbequemer ist. Sie ließe sich nämlich nicht mit einem Verweis auf den Koran beantworten, sondern nur mit einer Entscheidung, wie man in der eigenen Gemeinde, im eigenen Freitagsgebet, in der eigenen Jugendarbeit mit dem queeren Neffen, der lesbischen Kollegin, dem Bruder umgeht, der sich outet. Diese Entscheidung trifft man nicht in einer Fatwa über theologische Fragen. Man trifft sie im gelebten Alltag, oder man trifft sie eben nicht, und genau das ist seit Jahrzehnten der Fall.
Wer am Montag nach einem solchen Anschlag als Erstes den alten Ordner mit den alten Formulierungen öffnet, hat die Frage längst beantwortet, ob er sich und die Zustände in seiner Gemeinschaft ändern will. Ich habe diese Frage vor knapp acht Jahren gestellt. Sie ist noch offen.