„Dafür sind wir heute hier“

Am vergangenen Freitag saßen in Berlin-Neukölln vier Vertreterinnen und Vertreter demokratischer Parteien nebeneinander: Steffen Krach für die SPD, Bettina Jarasch für die Grünen, Elif Eralp für die Linke und Christoph Meyer für die FDP. Eingeladen zu diesem „Wahlforum“ hatte der Rat der Berliner Imame, die Räume stellte der Moscheeverein Neuköllner Begegnungsstätte. Die CDU hatte abgesagt. Gewählt wird am 20. September.

Meyer hielt im Verlauf des Gesprächs ein Foto aus dem Jahr 2017 hoch. Zu sehen sein soll darauf der Imam und Vereinsvorsitzende Taha Sabri, der an diesem Gesprächsabend nicht anwesend war, in einer Reihe mit Majed al-Zeer und Amin Abu Rashid. Al-Zeer galt als Strippenzieher, Finanzier und ranghoher Vertreter der Hamas in Deutschland, lebte bis etwa 2024 in Neukölln und wird von den deutschen Behörden per Haftbefehl gesucht. Abu Rashid, ein Niederländer mit palästinensischen Wurzeln, gilt in Europa als gewichtiger Spendensammler für die Hamas.

Es kam zum Wortgefecht. Elif Eralp antwortete: „Man muss auch über muslimisches Leben reden können, ohne über religiösen Fundamentalismus zu reden. Und dafür sind wir eigentlich heute hier, um darüber zu reden.“ Der Saal jubelte und applaudierte.

Bettina Jarasch warf Meyer vor, er unterstelle dem Imam Kontaktschuld. Auf einem Foto stehe man ohnehin immer mit jemandem, mit dem man besser nicht darauf stünde. Steffen Krach sagte, auch auf seinen eigenen Wahlkampfveranstaltungen könne er nicht sicher sein, dass alle im Publikum auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen; die Veranstalter des Wahlforums seien „keine Extremen“.

Vorbemerkung in eigener Sache

Die kritischen Anmerkungen, auf die der Eralp-Satz eine Antwort war, kamen von Christoph Meyer von der FDP. Eren Güvercin, stellvertretender Vorsitzender der Alhambra Gesellschaft, die ich mitgegründet habe, macht derzeit Wahlkampf für dieselbe Partei. Wir arbeiten gemeinsam im aktuellen Projekt der Alhambra Gesellschaft zur Digitalen Resilienz. Ich mache das hier transparent, damit dieser Text nicht auf eine Absicht hin gelesen wird, die er nicht hat. Er ist keine Wahlkampfhilfe.

Mich interessiert nicht, wer in diesem Podiumsgespräch die bessere Figur gemacht hat, und ich habe niemandem zu raten, wo ein Kreuz zu setzen wäre. Mich interessiert eine konkrete Denkfigur. Elif Eralp hat sie in ihrem oben zitierten Satz sichtbar gemacht. Diese Denkfigur steht meinem Eindruck nach zunehmend im Mittelpunkt der öffentlichen Debatten über muslimisches Leben in Deutschland. Die Haltung hinter dieser Denkfigur war bei diesem Podiumsgespräch auch bei den Vertretern von SPD und Grünen zu besichtigen und sie bestimmt weite Teile unserer öffentlichen Debatten, weit über Berlin und weit über diesen Wahlkampf hinaus. Es geht mir also nicht um konkrete Personen. Wäre der Satz von jemand anderem gefallen, stünde hier ein anderer Name.

Die Übersetzung

Ich halte diesen Satz, seinem Inhalt und seiner Wirkung nach, für sehr aufschlussreich im Hinblick auf den Zustand unserer Debatte um muslimisches Leben in Deutschland. Und ich halte den Applaus für diesen Satz für ebenso aufschlussreich. Er zeigt, dass hier niemand einen Fehler gemacht hat. Der Eralp-Satz war die erwartete Antwort auf das problematische Foto und diese Antwort wurde durch das Publikum belohnt.

Gefragt war nach einem Foto. Ein konkretes Foto, aus dem sich eine konkrete Zurechnungsfrage und eine konkrete Verantwortung ergibt. Der Adressat dieser Frage war eine konkrete Person und sein Verein. Geantwortet wurde aber über eine Kategorie: muslimisches Leben. Zwischen der Frage und Eralps Antwort liegt eine Übersetzung, die weitreichende Folgen hat und über die beteiligten Personen hinausgeht.

Diese Übersetzung kritisiere ich seit Jahren, wenn Moscheeverbände sie vornehmen, um aus Kritik an ihrer Struktur und ihrer Ideologie einen Angriff auf Muslime zu machen. Sie ist der Kernmechanismus einer Debatte, die zwischen Organisationen und Gläubigen nicht mehr unterscheiden kann oder nicht mehr unterscheiden will. Und genau mit dieser Intention, also der Auflösung der Trennlinie zwischen muslimischem Glauben und politischer Ideologie, gehört dieser Mechanismus auch zum wiederkehrenden Narrativ der radikalisierenden islamistischen Szene. Es handelt sich also um einen sehr beliebten Mechanismus. Neu ist an diesem Podiumsgespräch in Berlin nur, wer diesen Mechanismus angewandt hat. Der Hausherr musste das nicht selbst leisten. Es wurde ihm von einer Spitzenkandidatin abgenommen und die Kandidaten von SPD und Grünen stützten sie darin.

Die Immunisierung

Eralps Satz beantwortet die aufgeworfene Frage nicht. Er disqualifiziert den Fragenden. Wer nach dem Foto fragt, ist in der Logik dieser Antwort jemand, der über Muslime offenbar nur im Sicherheitsmodus sprechen kann. Er hat damit kein legitimes Interesse an Aufklärung, sondern ein Problem mit der Zielgruppe.

Das ist eine Immunisierungsfigur, die immer routinierter angewandt wird und immer zuverlässiger funktioniert. Sie verlangt vom Fragenden, zuerst eine Rechtfertigung vorzulegen, bevor er seine Frage stellen darf. Sie verschiebt die Verantwortung von dem, der auf dem Foto zu sehen ist, auf den, der es gesehen hat. Und sie tut das ohne jede inhaltliche Aussage: Der Satz enthält keine Information über den Verein, keine über das Foto, keine über die Hamas. Er enthält ausschließlich das Signal an das Publikum, dass diese Frage nicht legitim ist.

Kritik am politischen Islam als Generalverdacht gegen Muslime umzuetikettieren, gehört zum Standardrepertoire legalistisch-islamistischer Akteure in Deutschland. Es ist keine spontane Verteidigungsreaktion, sondern eine eingeübte Diskurstechnik mit erheblicher Erfolgsbilanz. Sie hat über zwei Jahrzehnte dafür gesorgt, dass Fragen nach Netzwerken, Geldflüssen und Kontakten regelmäßig auf halbem Weg abbrechen, weil der Fragende beginnt, sich zu erklären. Ich unterstelle Eralp nicht, mit diesem Kalkül gesprochen zu haben. Ich vermute sogar, dass ihr Satz als diskriminierungssensibler Ausdruck von Solidarität intendiert war. Aber Solidarität mit was oder wem? Argumente haben eine Herkunft und eine Wirkung. Beides bleibt und entfaltet sich unabhängig von der Absicht dessen, der sie ausspricht.

Die Trennlinie, die weggeredet wird

Der zweite Vorwurf, der an diesem Abend ausdrücklich erhoben wurde: Wer ein Foto zum Thema macht, betreibe Kontaktschuld. Er halte einem Mann vor, neben wem er gestanden hat und schließe daraus auf seine Überzeugungen.

Dieser Einwand ist grundsätzlich ernst zu nehmen. Niemand haftet für die Ansichten aller, die ihn ansprechen. Nur greift der Einwand hier in diesem Fall trotzdem nicht. Kontaktschuld setzt Zufall voraus, eine flüchtige Begegnung etwa oder ein Gruppenbild auf einer Konferenz.

Zur Vorgeschichte gehört aber mehr als dieses eine Bild. Der Berliner Verfassungsschutz erwähnte den Moscheeverein von 2014 bis 2016 in seinen Jahresberichten. 2018 untersagte das Oberverwaltungsgericht dem Nachrichtendienst bestimmte Formulierungen: Dem Gericht fehlte die Bewertung, welche Funktion der Verein im Gefüge des legalistischen Islamismus einnimmt, und es blieb unklar, ob er wegen eigener verfassungsfeindlicher Bestrebungen genannt wurde oder nur als Dritter, um die Vorgehensweise des legalistischen Islamismus zu illustrieren. Die Beobachtung des Vereins hat das Gericht dem Verfassungsschutz ausdrücklich nicht untersagt.

Sabri fiel zudem durch Verbindungen zur 2023 aufgelösten „Palästinensischen Gemeinschaft in Deutschland“ auf, die den Sicherheitsbehörden über Jahre als wichtigster Anlaufpunkt und Auffangbecken für Anhänger der Hamas in Deutschland galt. Das alles betrifft die Zulässigkeit behördlicher Veröffentlichungen und die Geschichte eines Vereins. Es klärt nicht, wer auf dem Foto steht.

Und genau darum geht es hier. Das Bild und die Geschichte, in der es steht. Ein Vereinsvorsitzender mit dieser Vorgeschichte steht nicht zufällig in einer Reihe mit zwei Männern, die den Behörden als führende Hamas-Akteure in Europa gelten.

Und was der Einwand der Kontaktschuld in diesem Kontext tut, wenn man ihn dennoch erhebt, geht weit über den Schutz einer konkreten Person hinaus. Er erklärt, dass es keine Linie gibt, deren Überschreitung sich feststellen ließe oder diskutiert werden muss. Wenn die Frage nach Nähe zur Hamas keine Antwort mehr erfordert, weil sie als unzulässiger Vorwurf der Kontaktschuld zurückgewiesen wird, dann ist Nähe zur Hamas keine unterscheidbare Position mehr, sondern Teil des muslimischen Spektrums. Der Begriff des „Islamisten“ verliert damit seinen Anwendungsbereich. Und ein Begriff ohne diesen ideologischen Anwendungsbereich lässt sich vom Begriff des „Muslims“ nicht mehr trennen.

Der Vorwurf der Kontaktschuld und die Weigerung, über diesen Sachverhalt zu reden, verteidigen die Trennlinie zwischen Muslimen und Extremisten aber nicht. Sie beseitigen sie. Diese Immunisierungsfigur – nicht über religiösen Fundamentalismus reden zu wollen, wenn über muslimisches Leben geredet wird – verhindert nicht den Generalverdacht gegen Muslime, sie bestätigt ihn vielmehr.

Zwei Gleichsetzungen, ein Ergebnis

Die extreme Rechte behauptet seit Jahren, Islam und Islamismus seien dasselbe, Muslime und Islamisten ununterscheidbar, jede Moschee sei ein Vorposten einer gewaltbereiten Ideologie. Sie behauptet es als Anklage. In diesem Podiumsgespräch in Berlin wurde dieselbe Gleichsetzung als Schutz, als Verteidigung vorgetragen.

Denn wenn ein solches Foto zu den Dingen gehört, über die man nicht reden will, wenn über muslimisches Leben geredet wird, dann wird dieses Foto in den Bestand muslimischer Normalität eingemeindet, die nicht der Rede und schon gar nicht der kritischen Rede wert ist. Es gehört dann zum muslimischen Leben, so wie das Freitagsgebet, der muslimische Kindergarten und das interreligiöse Gespräch dazugehören. Ideologischer Extremismus wird zum Bestandteil muslimischer Normalität erklärt, nicht zum Fremdkörper in ihr. Er ist dann nicht mehr etwas, das unter Muslimen geschieht und sich auch gegen viele von ihnen richtet, sondern etwas, das zu ihnen gehört. So sind „die Muslime“ dann halt, und wer sind wir schon, dass wir uns darüber eine Meinung, gar eine kritische, anmaßen dürften?

Beide Fassungen – die antimuslimische Anklage und die vermeintlich promuslimische Verteidigung – brauchen dieselbe Prämisse. Nämlich, dass es ein muslimisches Kollektiv gibt, das eine einheitliche Position hat. Wer diese Prämisse akzeptiert, hat den Schaden für uns Muslime bereits verursacht, gleich auf welcher Seite er sie akzeptiert. Der eine benutzt sie, um uns alle zu verdächtigen. Der andere benutzt sie, um niemanden mehr von uns zur Rechenschaft ziehen zu können. Das Ergebnis ist in beiden Fällen dasselbe: eine Öffentlichkeit, die zwischen einem Gläubigen und einem ideologischen Kader nicht mehr unterscheiden kann.

Anwaltschaft ohne Mandat

Die Frage, ob Eralp mit ihrer Verteidigung auch für sich gesprochen hat, also aus einer eigenen muslimischen Perspektive heraus, ist völlig irrelevant für die Wirkung ihrer Worte. Als politische Spitzenkandidatin, im Wahlkampf, auf einem öffentlich wahrnehmbaren Podium hat sie vor allem für andere gesprochen. Gut gemeint, im Ton der Solidarität, als Anwältin für „die Muslime“ und „das muslimische Leben“. Wer hat dieses Mandat erteilt oder diese Anwaltschaft erbeten?

Wer eine Gruppe verteidigen will, braucht jemanden, der für sie steht. Wer das muslimische Feld nicht kennt, hält dafür die, die am lautesten auftreten und im Namen einer Organisation Repräsentanz behaupten. Er verteidigt dann aber nicht Muslime, sondern Organisationen und bemerkt den Unterschied nicht. Wer das Feld kennt und dennoch so spricht, bemerkt ihn sehr wohl. Er nimmt dann in Kauf, dass ideologische Akteure zum normalen Spektrum „der Muslime“ gerechnet werden. Welcher der beiden Fälle hier vorliegt, kann dahinstehen. Die Wirkung ist dieselbe: die ideologische Organisation wird zum Kollektiv „der Muslime“, pars pro toto zum „muslimischen Leben“.

Viel wichtiger ist ohnehin eine zweite Notwendigkeit. Diese Form der Anwaltschaft kann sich innermuslimischen Streit nicht leisten. Streit würde sie zwingen, unter Muslimen Partei zu ergreifen, zu differenzieren und innermuslimische Kritik an problematischen Entwicklungen sichtbar zu machen – aber das fühlte sich an wie Verrat am eigenen antirassistischen Anspruch. Also erklärt diese Anwaltschaft das muslimische Kollektiv für einheitlich.

Homogenität ist aber die Voraussetzung genau jener Gleichsetzung von Muslimen und Islamisten, gegen die die vermeintlich promuslimische Anwaltschaft antreten wollte. Die Gleichsetzung ist also nicht nur das Nebenprodukt dieser Verteidigungshaltung, sondern auch und vor allem ihre Bedingung. Anwältinnen wie Eralp, die glauben, eine promuslimische Haltung gezeigt zu haben, verlassen nach solchen Gleichsetzungen das Gebäude. Den Applaus noch im Ohr. Die Sätze, die sie hinterlassen, bleiben da und wirken fort. Zum Schaden von uns Muslimen.

Wunsch und Wirklichkeit

Der Satz: „Man muss auch über muslimisches Leben reden können, ohne über religiösen Fundamentalismus zu reden.“ enthält eine Voraussetzung, die selten geprüft wird: dass nämlich religiöser Fundamentalismus ein Randphänomen sei, das man beiseitelegen kann, um zum eigentlichen Thema zu kommen. Diese Voraussetzung ist falsch und das nicht erst seit gestern.

Seit Jahren findet eine Fundamentalisierung statt, die nicht von den Rändern ausgeht, sondern von denen, die muslimische Repräsentanz sein wollen. Diese Tendenz bricht aktuell nur deutlich sichtbarer hervor als in der Vergangenheit, in der sie vornehmlich innermuslimisch wahrnehmbar war. Am 8. Mai 2026 zum Beispiel bezeichnete Burhan Kesici, seit 2015 Vorsitzender des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, im ZDF-Format „Forum am Freitag“ die vier Motive der Akzeptanzkampagne „Ich bin Muslim / Ich bin Muslimin“ als „Abnormalitäten“: Muslimin ohne Kopftuch, ein schwules Paar, Rakı-Trinker. Im Deutschlandfunk hat er diese Haltung am 1. August 2026 erneut verteidigt, nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD: Was die Theologie verbiete, sei abnormal, das sei ein theologischer Fachbegriff. Auf Nachfrage schob er nach, nicht Homosexuelle seien gemeint, sondern der Akt. Seine Formulierungen im ZDF bestritt er in demselben Gespräch rundheraus, obwohl der Beitrag nachprüfbar vorliegt. Und nach seinem eigenen Anteil an homophober Gewalt gefragt, verwies er auf die Harmonie, die seine Gemeinden in die Gesellschaft trügen: Radikalisierte hätten „keine Gemeindebindung“.

Man sollte sich klarmachen, was hier geschieht. Der Vorsitzende eines Verbandes, der als Repräsentant der Muslime auftritt und von Politik, Kirchen und Medien auch so behandelt wird, erklärt den Alltag von Musliminnen und Muslimen in Deutschland zur Abweichung von einer Norm, die er selbst definiert. Und er verortet Radikalisierung außerhalb der eigenen Strukturen, per Definition, ohne jeden Beleg. Wer nachfragt, bekommt nicht einmal eine Antwort auf das, was nachhörbar ist.

Das ist die Richtung, in die sich die größten muslimischen Organisationen in Deutschland seit Jahren kontinuierlich entwickeln. Dazu gehören die Windungen, mit denen Verbandsvertreter die Benennung der Hamas als Terrororganisation umgehen, und die Anschlussfähigkeit türkischer rechtsextremer Milieus in Gemeindestrukturen, über die seit Jahren berichtet wird, ohne dass daraus Konsequenzen gezogen würden. Die Trägervereine der Moscheegemeinden bewegen sich nicht auf die Gesellschaft zu, in der sie arbeiten. Sie bewegen sich von ihr weg. Dass sie dabei besser Deutsch sprechen als vor 40 Jahren, ist kein substanzieller Fortschritt.

Wer über muslimisches Leben reden will, ohne von dieser Entwicklung der größten Trägervereine der muslimischen Gemeinden zu reden, redet nicht über muslimisches Leben. Er redet über eine Vorstellung davon, die mit dem, was in den Gemeinden geschieht, immer weniger zu tun hat. Der Wunsch, das auszuklammern, ist keine Bitte um Normalität in der Debatte über muslimisches Leben, sondern die Bitte, das Feld denen zu überlassen, die gerade dabei sind, diese Normalität neu – und ideologisch – zu definieren.

Wann, mit wem?

Der zweite Teil des Eralp-Satzes ist nicht weniger interessant: „Und dafür sind wir eigentlich heute hier, um darüber zu reden.“ Der Inhalt des Gesprächs soll „muslimisches Leben“ sein. Die Frage nach dem Hamas-Foto steht nicht auf dieser Tagesordnung. Wann sie darauf stünde, bleibt offen.

Wann also? Nicht im Wahlkampf, nicht in einer Moschee, nicht bei einem konkreten Fall wie dem Foto, nicht in Anwesenheit derer, die Verantwortung tragen. Übrig bleibt ein Zeitpunkt, für den sich auf diesem Podium niemand zuständig fühlte. Aber wenn auch sie nicht darüber reden wollen, wenn sie über muslimisches Leben reden, dann ist dieses Gespräch nicht bloß vertagt, es ist abgesagt.

Denn die Akzeptanz für ein Hamas-Foto und die Auflösung der Trennlinie zum religiösen Fundamentalismus sind in den organisierten Strukturen, die die Normalität „des muslimischen Lebens“ bestimmen wollen, mittlerweile so weit fortgeschritten, dass diese Gespräche dort nicht mehr geführt werden können.

Zu führen wäre dieses Gespräch mit denen, um die es geht: mit den Vereinen und Verbänden, in deren Strukturen sich diese Entwicklung vollzieht. Genau dort wird es vermieden, in Berlin zuletzt wieder. Denn diese Organisationen werden gebraucht – als Ansprechpartner für Religionsunterricht, Seelsorge und interreligiösen Dialog, als Beleg für einen dialogbereiten Islam, als Adresse, bei der man sich meldet, wenn nach einem Anschlag eine Stellungnahme gebraucht wird. Wer sie in dieser Rolle braucht, kann sie schlecht zum Gegenstand kritischer Gespräche machen. Also unterbleibt das Gespräch.

Wer promuslimisch sein will, aber diesen wachsenden innermuslimischen ideologischen Konformitätsdruck gleichzeitig ausblendet, kann mich nicht von seiner antirassistischen Gesinnung überzeugen.

Denn er blendet damit auch viele Musliminnen und Muslime aus, die in Berlin nicht auf dem Podium und nicht im Publikum saßen. Musliminnen und Muslime, die mit diesem Verein nichts zu tun haben und nicht gefragt wurden, ob sie mit diesem Foto in einer Kategorie stehen wollen.

Er blendet ein muslimisches Leben aus, das von innen und außen einer fortschreitenden Homogenisierung ausgesetzt wird, auch weil politische Vertreter nicht auf die Bequemlichkeit eines muslimischen Kollektivs verzichten wollen, dessen Anwaltschaft sie für sich beanspruchen. Die Schülerin, die im Ramadan isst; den Vater, der seine Tochter nicht verschleiert sehen will; das Vereinsmitglied, das wissen möchte, wer da eigentlich auf dem Foto steht; den Moscheebesucher, der die Sympathien für die Hamas abstoßend findet. Diese Musliminnen und Muslime führen diese Auseinandersetzung in den Strukturen ihres „muslimischen Lebens“ ohne Podium, ohne Presse und mit erheblichen persönlichen Kosten. Ihnen wird mit diesem Eralp-Satz mitgeteilt, dass das, wogegen sie sich wehren, die Normalität ihres eigenen „muslimischen Lebens“ sei und kein streitwürdiger religiöser Fundamentalismus.

Man könnte sagen, Eralp habe mit ihren eigenen Worten den Satz wiederholt: „Das hat alles nichts mit dem Islam zu tun!“ Aber das würde zu kurz greifen. Denn sie sagt eigentlich das Gegenteil: „Das ist das muslimische Leben! Das ist der Islam!“ Ich vermute, dass ihr beide Ränder des problematischen Spektrums zustimmen. Der muslimfeindliche Rand wird sich bestätigt fühlen. Und der islamistische Rand wird sich freuen, dass seine Ideologie zur Normalität des muslimischen Lebens erklärt wird.

Der einmütige Applaus im Anschluss an diesen Satz kam von denen, die im Saal saßen. Genau darin liegt das Problem. Er bestätigt die Vorstellung eines muslimischen Kollektivs mit einer einheitlichen Meinung und macht die Abwesenden noch ein Stück unsichtbarer. Eralp, Krach und Jarasch hatten dabei vermutlich das Gefühl, dass dieser Satz etwas sagt, das die Normalität muslimischen Lebens verteidigt.

Wer aber für Muslime sprechen will, müsste zuerst zur Kenntnis nehmen und respektieren, dass sie einander widersprechen.

Fehlende Brandmauer

Abstrakt ist der Eralp-Satz ja nicht völlig falsch. Muslime kommen in den öffentlichen Debatten zu oft nur dann vor, wenn es um Gefahr geht. Und der Dauerzustand, die eigene Existenz als Sicherheitsfrage verhandelt zu sehen, zermürbt. Auch mich.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass wir erhebliche Probleme innerhalb der muslimischen Gemeinschaften haben, in denen die radikalen Ränder immer weiter in die Mitte drängen und diese Radikalisierung als Normalität der muslimischen Lebens- und Glaubenswirklichkeit behaupten. Das ist der politischen Landschaft aus ihrem eigenen Betrieb bestens vertraut. Was dort Brandmauer heißt, hat in den muslimischen Strukturen keinen Namen. Nur bei Muslimen soll es keinen Namen haben und kein Thema sein, über das wir reden müssen.

Deshalb sollte der Applaus auf den Eralp-Satz niemanden täuschen. Er galt nicht den Muslimen, sondern vielmehr der Selbstentlastung und der Erlaubnis, bei diesen Problemen nicht hinzusehen.

Ich würde auch gern über muslimisches Leben reden, ohne über Fundamentalismus reden zu müssen. Dafür müsste ihn nur endlich jemand als solchen benennen. Solange das niemand tut, kann man natürlich über muslimisches Leben reden, ohne über Fundamentalismus zu reden. Man redet dann nur nicht über uns.