Monthly archives of “Juli 2026

Generaltatsache – Über die Sprache, mit der wir uns nach dem Anschlag selbst entlasten

Seit Samstag lese ich denselben Satz in immer neuen Fassungen. Der Anschlag auf den Christopher Street Day dürfe nicht dazu missbraucht werden, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Der Satz steht in Verbandserklärungen, in Beiträgen einzelner Imame, in Posts von Leuten, die ich seit Jahren kenne und deren Aufrichtigkeit ich nicht bezweifle, die als muslimische Vorbilder in der Öffentlichkeit stehen, bis hin zu islamistischen Influencern, die ihn natürlich nicht als Mahnung, sondern als Abgrenzung und Anklage formulieren. Er steht meistens an genau der Stelle, an der ein anderer Satz stehen müsste und richtet etwas an, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es die Urheber – bis auf die Islamisten, die das sehr genau im Blick haben – überhaupt erkennen.

Der Montag danach – Wessen Sicherheit uns seit acht Jahren wichtiger ist

Ein Mann fährt mit einem Transporter in die Menge, die sich zum Christopher Street Day in Berlin versammelt hat. Er tötet eine Frau, verletzt neunundzwanzig weitere, einige lebensgefährlich, und wird Stunden später bei der Fahndung erschossen. Der Mann heißt Abdul Ballout, ist einschlägig bekannt, wegen versuchter Ausreise zum IS. Der Bundesinnenminister nennt es einen islamistischen Terroranschlag. So weit die Fakten.

Dem Islam fehlt kein Luther – Warum wir aufhören sollten, nur „muslimisch“ zu sein

Es gibt kaum eine Debatte über den Islam in Deutschland, in der nicht früher oder später der Satz fällt, dem Islam fehle seine Reformation, seine Aufklärung, sein Luther. Der Satz ist meist wohlmeinend gemeint. Er versucht eine Perspektive auf den Islam zu sein, ist jedoch vielmehr ein Ausdruck für die Rahmung und die Bedingungen unserer deutschen Islamdebatte. Er verrät, dass wir, diese deutsche Gesellschaft, eine bestimmte Geschichte darüber kennen, wie eine Religion mit der Moderne verträglich wird, nämlich unsere eigene. Reformation, Religionskriege, der Westfälische Friede, Säkularisierung, der Rückzug des Glaubens ins Private, ins Individuelle. Das ist die Schablone, auf die wir jede religiöse Frage legen. Auch den Islam. Und wir messen „unseren Islam“ daran, ob er diesen historischen Weg wiederholen wird.

Kinder in Niemandes Land – Wie wir der muslimischen Jugend das Ankommen verbieten

Im vorherigen Blogtext „Niemandes Land“ habe ich eine Beobachtung beschrieben, die sich mit der Frage beschäftigt, weshalb die Erfolgreichsten unserer migrantischer Communitys am lautesten von Fremdheit sprechen, obwohl ihre eigene Biografie das Gegenteil beweist. Ich bin dabei bewusst abstrakt geblieben. Mit den weitreichenden Folgen dieses Phänomens will ich mich in diesem Blogtext ausführlicher beschäftigen. Denn die Eliten, die diese Dynamik der rhetorischen Selbstentfremdung tragen, zahlen natürlich nicht den Preis für ihre Re-Ethnizität. Den zahlt die muslimische Jugend, die mit diesen Erzählungen aufwächst, ohne selbst gefragt zu werden, ob sie darin überhaupt vorkommen will.

Niemandes Land – Über die Einsamkeit des Ankommens

Es gibt eine Beobachtung, die mich seit einiger Zeit beschäftigt und die ich bislang nicht in Worte gefasst habe, weil sie unbequemer ist als das, was ich sonst schreibe – und wer meine Texte und das Projektformat des „unbequemen Gesprächs“ oder die „Dauernörgler“ kennt, weiß, dass ich unbequeme Themen und kritische Anmerkungen nicht scheue. Aber dieses konkrete Thema empfinde ich als besonders bedrückend. Meine Beobachtung, über die ich hier schreiben will, betrifft die, die es in diesem Land geschafft haben und dennoch nicht ankommen.