Über muslimisches Leben in Deutschland wird seit Jahrzehnten verhandelt. Über Religionsunterricht und Moscheebau, über Seelsorge in Krankenhäusern und Gefängnissen, über Prävention, Antisemitismus und Staatsverträge. In jeder dieser Debatten bleiben Fragen unausgesprochen und unbeantwortet, die das gesamte Gespräch prägen. Mit wem redet dieses Land eigentlich, wenn es mit Muslimen redet? In welcher Eigenschaft spricht jemand, wenn er für Muslime spricht?
Dieses Land hat viele Jahre damit verbracht, muslimische Gesprächspartner zu finden oder sogar aufzubauen, die gleichzeitig zu allen Themen das Entscheidende zu sagen haben.
Am 27. September 2006 trat im Schloss Charlottenburg die Deutsche Islam Konferenz (DIK) zum ersten Mal zusammen. Zwanzig Jahre später ist sie die institutionelle Manifestation dieser Suche geblieben.
Die Bilanz der Verbände zum Jubiläum fällt gemischt und vor allem einseitig aus. Darüber habe ich hier bereits ausführlicher geschrieben. Wichtiger noch ist eine viel grundsätzlichere Dimension, die bei allen Kommentaren zum zwanzigjährigen Bestehen der DIK in der nächsten Woche vermutlich wieder unerwähnt bleiben wird. Ich will sie deshalb hier vorwegnehmen: Niemand fragt nach der Rolle der muslimischen Organisationen, allen voran nach der Rolle der muslimischen Verbände in dieser Konstellation. Und selbst diese Frage nach der Rolle der muslimischen Akteure wäre unpräzise.
Denn es gibt mehrere Rollen, die muslimische Akteure gleichzeitig ausfüllen. Diese Rollen widersprechen einander. Ich halte das für den eigentlichen Grund, warum dieser Diskurs so schlecht funktioniert und warum auch der interreligiöse Dialog fernab der DIK nur scheinbar gut funktioniert. Wenn wir in unseren Debatten über muslimisches Leben in Deutschland vorankommen wollen, müssen wir diese unterschiedlichen Rollen genauer betrachten und im Diskurs berücksichtigen.
Die mitgebrachten Rollen
Es gibt mitgebrachte Rollen, also jene, die aus den eigenen ideologischen und strukturellen Abhängigkeiten der muslimischen Akteure stammen. Sie sind viel älter als jede deutsche Erwartung.
Das ist keine Neuigkeit, auch nicht für die Institutionen, die mit diesen Akteuren seit Jahrzehnten zusammenarbeiten. Filiale einer ausländischen Religionsbehörde, Bewahrerin eines radikalen ideologischen Erbes, Pflegerin einer ethnonationalistischen Identität. Das sind die faktischen Aufgaben der größten muslimischen Organisationen in Deutschland, die aber gleichzeitig Aufgaben erfüllen sollen, die sich aus anderen Rollen ergeben.
Diese mitgebrachten Rollen stehen in keiner Selbstbeschreibung, aber sie sind stabil. Sie überstehen Vorstandswechsel, Imageberatungen und Grundsatzpapiere, weil sie in Satzungen, Personalentscheidungen und Geldflüssen verankert sind. Wer unsere muslimischen Organisationen danach beurteilt, was sie über sich selbst sagen, wird sie nie verstehen. Wer sie danach beurteilt, wem sie Rechenschaft schulden, versteht sie sofort.
Die zugeschriebenen Rollen
Damit kommen wir zu den Rollen, die von außen zugewiesen werden. Jede hat einen anderen Urheber, aber die Gegenleistung für diese Zuschreibung ist in allen Kontexten dieselbe. Sie heißt Anerkennung.
Der Staat verlangt die Rolle der Religionsgemeinschaft, für Religionsunterricht, Anstaltsseelsorge oder Staatsverträge. Ob die Verbände die juristischen Voraussetzungen dafür überhaupt erfüllen, ist bis heute strittig, auch unter denen, die täglich mit ihnen arbeiten. Wir haben mittlerweile Gerichtsurteile, die mindestens zwei muslimischen Dachverbänden attestieren, keine Religionsgemeinschaften zu sein. Verlangt und gespielt wird die Rolle trotzdem.
Verwaltungen und Redaktionen verlangen die Rolle der Repräsentanz. Es müssen Millionen Menschen adressierbar sein, also braucht es jemanden, der für sie spricht. Dass Verbände Moscheevereine organisieren und keine Gläubigen, dass eine Mitgliedschaft dort eine Vereinsmitgliedschaft ist und kein Bekenntnisakt, all das ändert nichts an der Nachfrage.
Die Kirchen verlangen die Rolle des theologisch anschlussfähigen Dialogpartners. Eines Gegenübers, das eine Lehre hat, eine Struktur, eine Ansprechperson und mit dem sich über Glauben sprechen lässt.
Die Sicherheitspolitik verlangt die Rolle des Präventionspartners. Die Zivilgesellschaft verlangt die Rolle der Antidiskriminierungs-Interessenvertretung. Die Öffentlichkeit verlangt die Rolle der Distanzierungsinstanz.
Die Führungsebenen der muslimischen Organisationen und nicht unerhebliche Teile ihrer eigenen Basis verlangen das Gegenteil, nämlich die Rolle der muslimischen Wagenburg, in der man sich gegen Assimilierung verteidigt und vor einer Mehrheitsgesellschaft schützt, der man nicht traut und deren Erwartungen man zunehmend als Zumutung erträgt.
Warum diese Rollen kollidieren
Diese Rollen sind also nicht bloß viele. Sie schließen einander teilweise auch aus, sie kollidieren.
Die Filiale einer staatlichen Religionsbehörde kann keine selbstbestimmte Religionsgemeinschaft im Sinne des Grundgesetzes sein. Eigenständigkeit ist genau das, was die eine Rolle verlangt und die andere ausschließt. Wer dennoch beides betreibt, oder beides erwartet und so tut, als ob beides gleichzeitig gelingen kann, entwertet den Begriff der Religionsgemeinschaft, und zwar für alle Muslime.
Die Wagenburg und der Dialogpartner können nicht dasselbe Publikum haben. Die eine Rolle lebt von Abgrenzung, die andere von Öffnung.
Der Präventionspartner muss ein Problem einräumen, um seine Aufgabe zu erfüllen. Die Interessenvertretung leugnet, dass es das Problem überhaupt gibt.
Der Ausweg aus diesem Dilemma ist für die muslimischen Akteure naheliegend und wird von ihnen auch beschritten. Sie senden unterschiedliche Botschaften an unterschiedliche Adressaten, gelegentlich in unterschiedlichen Sprachen. Diese doppelten Botschaften, dieses Jonglieren mit unterschiedlichen Rollen kostet nicht nur die Akteure selbst, sondern alle Muslime ihre Glaubwürdigkeit. Diese widersprüchliche Kommunikation ist der Treibsand, in dem das kollektive Image der Muslime immer tiefer versinkt.
Ich halte diese Dynamik für eine der größten Triebfedern der wachsenden Muslimfeindlichkeit. Triebfeder, nicht Ursache. Das ist wichtig zu unterscheiden. Wir Muslime sind nicht schuld an der Anfeindung und Diskriminierung, die uns trifft. Die Muslimfeindlichkeit wird nicht verschwinden, sobald wir Muslime die Probleme in unseren muslimischen Organisationen und Gemeinschaften lösen. Viel zu große Teile der deutschen Bevölkerung sind überzeugt davon, dass unser Glaube keine Religion sei, deren Freiheit den Schutz unseres Grundgesetzes verdient. Viel zu viele sind überzeugt davon, dass wir Muslime kognitiv mindere Fähigkeiten haben, allein weil wir Muslime sind. Dass es keinen Unterschied zwischen Muslimen und Islamisten, zwischen muslimischen Glaubensangehörigen und Extremisten gibt. Dass wir Muslime charakterlich schlechtere Menschen seien.
Für uns Muslime kann es aber keine Lösung sein, diese Abwertung als schicksalhafte Eigenschaft der Mehrheitsgesellschaft zu begreifen. Wir dürfen nicht annehmen, dass diese Abwertung unüberwindlich sei. Je deutlicher die innermuslimische Vielfalt sichtbar wird, je intensiver wir innermuslimische Debatten, selbstkritische Auseinandersetzungen für die Öffentlichkeit wahrnehmbar führen, umso deutlicher wird sichtbar werden, dass wir Muslime die uns betreffenden Probleme selbstwirksam zu lösen in der Lage sind.
Das wird muslimfeindliche Überzeugungen nicht in Gänze erschüttern. Aber umso resilienter wird die Mitte der Gesellschaft sein, und die antimuslimischen Abwertungen als solche erkennen und zurückweisen können. Unsere Verbündeten, nämlich die Mitstreiter für eine pluralistische, demokratische und freie Gesellschaft, werden umso überzeugter für diese Ideale einstehen, je deutlicher sie wahrnehmen, dass auch wir Muslime in unseren Binnenstrukturen diese Ideale leben. Eine sichtbare selbstkritische innermuslimische Debatte über die Probleme in unseren Reihen ist deshalb eine unverzichtbare Notwendigkeit, um diese Ideale gesamtgesellschaftlich zu festigen.
Davon sind wir aktuell noch weit entfernt. Die Realität unserer innermuslimischen Zustände ist geprägt durch die unübersehbar hervortretenden Widersprüche zwischen den oben beschriebenen Rollen.
Der entscheidende Punkt ist, dass diese Widersprüche nirgends diskutiert und aufgelöst werden. Sie werden vielmehr strategisch verteilt auf verschiedene Anlässe, Adressaten und Sprachen. Und wir alle, die diese Rollen einfordern und die Widersprüche ignorieren, wirken an diesem Ergebnis mit. Wir gemeinsam haben an dem muslimischen Gegenüber mitgebaut, das wir heute beurteilen.
Der unehrliche Umgang auf allen Seiten
Womit ich beim eigentlichen Problem bin. Der Umgang mit diesen Rollen ist nicht ehrlich, und zwar von keiner Seite.
Die muslimischen Verbände sind nicht ehrlich, wenn sie jeweils die Rolle spielen, die zum Raum passt, und so tun, als gäbe es die anderen nicht.
Die Politik ist nicht ehrlich, wenn sie eine Repräsentation abfragt, von der sie weiß, dass es sie nicht gibt.
Die Öffentlichkeit ist nicht ehrlich, wenn sie dieselben Akteure zugleich als Verdächtige und als Sprecher behandelt.
Und die Kirchen sind nicht ehrlich, wenn sie die Rolle ansprechen, die sie brauchen, und über die Rollen schweigen, die sie kennen. Sie kennen sie ja. Wer seit Jahrzehnten am selben Tisch sitzt, kennt die Bindungen, die Abhängigkeiten und die ideologischen Herkünfte seines Gegenübers sehr genau.
Am Dialogtisch sitzt dann aber trotzdem der theologisch anschlussfähige Partner. Nicht die Filiale einer ausländischen Behörde, nicht der Funktionär einer radikalen ideologischen Bewegung. Probleme wie Nationalismus und Rechtsextremismus unter Muslimen werden dann plötzlich zur missverstandenen „kulturellen Besonderheit“ oder zu Einzelfall-Ausrutschern, über die man nicht weiter sprechen muss.
Das ist verständlich, denn die Frage nach den anderen Rollen würde die Beziehung belasten. Aber wenn man sich den „guten Dialogpartner“ um jeden Preis nicht kaputt machen lassen will, dann ist der Preis am Ende eben die Tatsache, dass man in Wirklichkeit mit einer Rolle spricht, statt mit einem Dialogpartner.
Was falsche Rücksicht im Dialog anrichtet
Daraus müsste eine Diskussion darüber folgen, was Rücksicht im Dialog eigentlich heißt.
Wenn kritische Punkte im Dialog nicht angesprochen werden, wird eine Rolle geschont. Jene nämlich, die man dem Gegenüber zugewiesen hat und auf die man angewiesen ist. Muslime als Gemeinschaft werden dabei nicht geschont.
Das ist auch deshalb attraktiv, weil das Kooperationsmodell zwischen Staat und Religionsgemeinschaften in einer säkularer werdenden Gesellschaft umso zeitgemäßer wirkt, je besser es für eine zweite große Religionsgemeinschaft funktioniert. Die Religionspolitik und die Kirchen haben natürlich ein Interesse daran, dass diese Rolle gelingt. Interessen färben aber darauf ab, ob und wie genau man hinsieht.
Den Preis für diese Schonung zahlen die Muslime, die auf Veränderung ihrer Strukturen angewiesen wären. Für sie ist eine Anerkennung, die nichts verlangt und nichts kritisiert, kein Schutz. Sie ist ein Argument gegen sie und ihre innermuslimische Kritik. Wenn selbst die Politik und die Kirchen keinen Anlass zur Kritik sehen, wozu als Muslim dann noch streiten, wozu um Veränderung ringen und dabei soziale Ächtung in der eigenen muslimischen Community riskieren?
Was im Dialog nicht besprochen wird, verschwindet aber nicht. Es wird später besprochen, von Sicherheitsbehörden, von Redaktionen, von politischen Kräften ohne jedes Interesse an Unterscheidung. Die Wirkung, die ein wohlwollendes Gegenüber hätte einbringen können, ist dann bereits verloren.
Entkopplung
Wenn von diesem Text ein Satz bleiben soll, dann dieser: Der wirksamste Schutz vor Muslimfeindlichkeit liegt in der Entkopplung von Struktur und Glaube. Die Verteidigung muslimischer Strukturen leistet ihn nicht. Wer beides trennt, kann eine Organisation auch scharf kritisieren, ohne Millionen Menschen zu treffen, und muss eine Organisation nicht schonen, um Menschen zu schützen.
Diese Entkopplung ist keine rhetorische Übung, sie entspricht schlicht der Wirklichkeit. Die große Mehrheit der Muslime in diesem Land ist in keiner dieser Strukturen organisiert und war es nie. Sie hat niemanden gewählt, der in ihrem Namen spricht. Gefragt worden ist sie auch nie. Wer eine Organisation kritisiert, kritisiert also zunächst einmal eine Organisation und nicht „die Muslime“. Dass daraus regelmäßig ein Angriff auf eine Glaubensgemeinschaft wird, ist das Ergebnis einer Übersetzung, an der viele mitwirken. Manche aus muslimfeindlicher Überzeugung, und manche, die sie überhaupt nicht beabsichtigen.
Zu dieser Übersetzung gehört auch die Umkehrung. Wer die muslimischen Organisationen schont, glaubt, die Gläubigen zu schützen. Tatsächlich schützt er die Rolle, die er selbst vergeben hat, und überlässt die Gläubigen der Willkür jener, die diese Rolle ausfüllen.
Rollen und Personen
Solange wir Rollen adressieren statt konkreter Akteure, führen wir kein ernsthaftes Gespräch. Wir tauschen nur Erwartungen aus. Ein Dialog, der nur so lange funktioniert, wie nichts Unangenehmes gesagt wird, vermeidet jede Belastung. Aber ohne Belastungen gibt es keine belastbare Beziehung. Keine christlich-muslimische, keine interreligiöse, keine politische und keine innerhalb einer künftigen DIK.
Diese künftige DIK hat bereits begonnen. Seit April 2026 läuft ihre Neuausrichtung, das Auftaktformat dieser Legislaturperiode hat darüber kontrovers debattiert. Ob dabei über Rollen gesprochen wurde oder erneut nur über Teilnehmerlisten, wird sich an den Ergebnissen zeigen.
Konfliktfähigkeit sollte als Zeichen gelungener Integration verstanden werden. Gemeint ist damit die faire und transparente Austragung von Konflikten, nicht deren Vermeidung. Dieser Text ist als Beitrag dazu gemeint.
Bleibt eine letzte Frage, die in diesen Zusammenhängen selten gestellt wird. Sie richtet sich an alle nichtmuslimischen Partner, die am Dialogtisch Platz nehmen. In welcher Rolle sitzen sie dort eigentlich? Als religiöse Institution, als Zivilgesellschaft, als Behörde, als Mitträger oder Gegner des Kooperationsmodells? Und wissen ihre muslimischen Gegenüber das?
Wer die Frage für sich selbst nicht beantworten kann, sollte sich nicht darüber wundern, dass die andere Seite es genauso hält.