Über muslimisches Leben in Deutschland wird seit Jahrzehnten verhandelt. Über Religionsunterricht und Moscheebau, über Seelsorge in Krankenhäusern und Gefängnissen, über Prävention, Antisemitismus und Staatsverträge. In jeder dieser Debatten bleiben Fragen unausgesprochen und unbeantwortet, die das gesamte Gespräch prägen. Mit wem redet dieses Land eigentlich, wenn es mit Muslimen redet? In welcher Eigenschaft spricht jemand, wenn er für Muslime spricht?
11 Prozent
Das Meinungsforschungsinstitut INSA hat Ende August im Auftrag der „Bild“ seine Sonntagsfrage nach Religionszugehörigkeit aufgeschlüsselt. Unter muslimischen Befragten kommt die SPD auf 26 Prozent, die Linke auf 23, die Union auf 22. Die AfD erreicht 11 Prozent – unter Katholiken sind es 29 Prozent, unter evangelischen Christen 32, unter Konfessionslosen ebenfalls 29.
Am 6. September wurde in Sachsen-Anhalt gewählt. Die AfD kam auf 43,8 Prozent der Zweitstimmen und auf 44,3 Prozent der Erststimmen. Die CDU kam auf 17,2 Prozent, die SPD auf 9,3, die Grünen auf 8,9, die Linke auf 8,6. Die Wahlbeteiligung stieg von 60,3 auf 77,8 Prozent.
Über ihren Kopf hinweg
Seit dem 1. September gilt in Österreich ein Verbot. Mädchen unter vierzehn dürfen in der Schule kein Kopftuch mehr tragen. Der Nationalrat hat das Gesetz im Dezember 2025 mit breiter Mehrheit beschlossen, gegen die Stimmen der Grünen. Verstöße werden zuerst in der Schule besprochen, dann den Eltern angezeigt, dann der Kinder- und Jugendhilfe gemeldet. Am Ende der Kette stehen Geldstrafen zwischen 150 und 800 Euro, ersatzweise bis zu zwei Wochen Haft.
„Dafür sind wir heute hier“
Am vergangenen Freitag saßen in Berlin-Neukölln vier Vertreterinnen und Vertreter demokratischer Parteien nebeneinander: Steffen Krach für die SPD, Bettina Jarasch für die Grünen, Elif Eralp für die Linke und Christoph Meyer für die FDP. Eingeladen zu diesem „Wahlforum“ hatte der Rat der Berliner Imame, die Räume stellte der Moscheeverein Neuköllner Begegnungsstätte. Die CDU hatte abgesagt. Gewählt wird am 20. September.
Eine Gutenachtgeschichte
Ali Mete hat am 22.08.2026 in einem Beitrag auf IslamiQ aufgeschrieben, was die Islamdebatte angeblich ausblendet. Sein Befund wiederholt das Dauerthema muslimischer Organisationen: Die öffentliche Auseinandersetzung über den Islam in Deutschland verlaufe entlang der Achsen Sicherheit, Extremismus, Gefahr und alles andere – die Alltagsarbeit, die Sozialräume, das Ehrenamt – kämen darin nicht vor. Als bloße Feststellung über die reale Schieflage der öffentlichen Islamdebatte ist das durchaus zutreffend. Muslimfeindlichkeit, als Resultat dieser Schieflage, ist messbar, sie wird teilweise politisch verharmlost und sie trifft Menschen in ihrem Alltag.
Unterschätzte Player
Die deutsche Religionspolitik arbeitet seit zwanzig Jahren mit einer Annahme, die inzwischen nicht mehr wie eine Vermutung klingt, sondern wie ein Befund. Sie lautet, dass die Moscheegemeinden gegen Radikalisierung wirken. Und zwar nicht in dem schwachen Sinn, dass dort auch irgendwie etwas Gutes geschieht, sondern in dem starken, dass die Anbindung an eine Gemeinde einen jungen Menschen davor bewahrt, sich einer extremistischen Ideologie anzuschließen.
Doppelte Botschaften – Über den Irrtum, der unsere Debatten bestimmt
Am 27. Juli hat die DITIB eine Erklärung zum Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin auf ihre Webseite gestellt. Sie verurteilt darin die Tat. Sie steht dort auf Deutsch, auf der deutschsprachigen Webseite. Auf der türkischsprachigen Version derselben Webseite steht sie heute, fast eine Woche nach dem Anschlag, immer noch nicht.
Generaltatsache – Über die Sprache, mit der wir uns nach dem Anschlag selbst entlasten
Seit Samstag lese ich denselben Satz in immer neuen Fassungen. Der Anschlag auf den Christopher Street Day dürfe nicht dazu missbraucht werden, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Der Satz steht in Verbandserklärungen, in Beiträgen einzelner Imame, in Posts von Leuten, die ich seit Jahren kenne und deren Aufrichtigkeit ich nicht bezweifle, die als muslimische Vorbilder in der Öffentlichkeit stehen, bis hin zu islamistischen Influencern, die ihn natürlich nicht als Mahnung, sondern als Abgrenzung und Anklage formulieren. Er steht meistens an genau der Stelle, an der ein anderer Satz stehen müsste und richtet etwas an, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es die Urheber – bis auf die Islamisten, die das sehr genau im Blick haben – überhaupt erkennen.
Der Montag danach – Wessen Sicherheit uns seit acht Jahren wichtiger ist
Ein Mann fährt mit einem Transporter in die Menge, die sich zum Christopher Street Day in Berlin versammelt hat. Er tötet eine Frau, verletzt neunundzwanzig weitere, einige lebensgefährlich, und wird Stunden später bei der Fahndung erschossen. Der Mann heißt Abdul Ballout, ist einschlägig bekannt, wegen versuchter Ausreise zum IS. Der Bundesinnenminister nennt es einen islamistischen Terroranschlag. So weit die Fakten.
Muslimentum, Affekt und die Kunst der Unterscheidung – Eine Replik auf Murat Kayman
(Anm.: Diese Replik ist eine Reaktion auf meinen Luther-Text. Sie stammt von Ass.-Prof. Tuğrul Kurt, Professor für Islamische Theologie am Institut für Islamisch-Theologische Studien der Universität Wien. Ich bin kein Theologe. Dass er als Experte auf diesem Gebiet sich dennoch…