Am 27. Juli hat die DITIB eine Erklärung zum Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin auf ihre Webseite gestellt. Sie verurteilt darin die Tat. Sie steht dort auf Deutsch, auf der deutschsprachigen Webseite. Auf der türkischsprachigen Version derselben Webseite steht sie heute, fast eine Woche nach dem Anschlag, immer noch nicht.
Generaltatsache – Über die Sprache, mit der wir uns nach dem Anschlag selbst entlasten
Seit Samstag lese ich denselben Satz in immer neuen Fassungen. Der Anschlag auf den Christopher Street Day dürfe nicht dazu missbraucht werden, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Der Satz steht in Verbandserklärungen, in Beiträgen einzelner Imame, in Posts von Leuten, die ich seit Jahren kenne und deren Aufrichtigkeit ich nicht bezweifle, die als muslimische Vorbilder in der Öffentlichkeit stehen, bis hin zu islamistischen Influencern, die ihn natürlich nicht als Mahnung, sondern als Abgrenzung und Anklage formulieren. Er steht meistens an genau der Stelle, an der ein anderer Satz stehen müsste und richtet etwas an, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es die Urheber – bis auf die Islamisten, die das sehr genau im Blick haben – überhaupt erkennen.
Der Montag danach – Wessen Sicherheit uns seit acht Jahren wichtiger ist
Ein Mann fährt mit einem Transporter in die Menge, die sich zum Christopher Street Day in Berlin versammelt hat. Er tötet eine Frau, verletzt neunundzwanzig weitere, einige lebensgefährlich, und wird Stunden später bei der Fahndung erschossen. Der Mann heißt Abdul Ballout, ist einschlägig bekannt, wegen versuchter Ausreise zum IS. Der Bundesinnenminister nennt es einen islamistischen Terroranschlag. So weit die Fakten.
Muslimentum, Affekt und die Kunst der Unterscheidung – Eine Replik auf Murat Kayman
(Anm.: Diese Replik ist eine Reaktion auf meinen Luther-Text. Sie stammt von Ass.-Prof. Tuğrul Kurt, Professor für Islamische Theologie am Institut für Islamisch-Theologische Studien der Universität Wien. Ich bin kein Theologe. Dass er als Experte auf diesem Gebiet sich dennoch…
Dem Islam fehlt kein Luther – Warum wir aufhören sollten, nur „muslimisch“ zu sein
Es gibt kaum eine Debatte über den Islam in Deutschland, in der nicht früher oder später der Satz fällt, dem Islam fehle seine Reformation, seine Aufklärung, sein Luther. Der Satz ist meist wohlmeinend gemeint. Er versucht eine Perspektive auf den Islam zu sein, ist jedoch vielmehr ein Ausdruck für die Rahmung und die Bedingungen unserer deutschen Islamdebatte. Er verrät, dass wir, diese deutsche Gesellschaft, eine bestimmte Geschichte darüber kennen, wie eine Religion mit der Moderne verträglich wird, nämlich unsere eigene. Reformation, Religionskriege, der Westfälische Friede, Säkularisierung, der Rückzug des Glaubens ins Private, ins Individuelle. Das ist die Schablone, auf die wir jede religiöse Frage legen. Auch den Islam. Und wir messen „unseren Islam“ daran, ob er diesen historischen Weg wiederholen wird.
Kinder in Niemandes Land – Wie wir der muslimischen Jugend das Ankommen verbieten
Im vorherigen Blogtext „Niemandes Land“ habe ich eine Beobachtung beschrieben, die sich mit der Frage beschäftigt, weshalb die Erfolgreichsten unserer migrantischer Communitys am lautesten von Fremdheit sprechen, obwohl ihre eigene Biografie das Gegenteil beweist. Ich bin dabei bewusst abstrakt geblieben. Mit den weitreichenden Folgen dieses Phänomens will ich mich in diesem Blogtext ausführlicher beschäftigen. Denn die Eliten, die diese Dynamik der rhetorischen Selbstentfremdung tragen, zahlen natürlich nicht den Preis für ihre Re-Ethnizität. Den zahlt die muslimische Jugend, die mit diesen Erzählungen aufwächst, ohne selbst gefragt zu werden, ob sie darin überhaupt vorkommen will.
Niemandes Land – Über die Einsamkeit des Ankommens
Es gibt eine Beobachtung, die mich seit einiger Zeit beschäftigt und die ich bislang nicht in Worte gefasst habe, weil sie unbequemer ist als das, was ich sonst schreibe – und wer meine Texte und das Projektformat des „unbequemen Gesprächs“ oder die „Dauernörgler“ kennt, weiß, dass ich unbequeme Themen und kritische Anmerkungen nicht scheue. Aber dieses konkrete Thema empfinde ich als besonders bedrückend. Meine Beobachtung, über die ich hier schreiben will, betrifft die, die es in diesem Land geschafft haben und dennoch nicht ankommen.
Koran oder Grundgesetz – Was nach Lanz zu sagen bleibt
Die Sendung vom 16. Juni 2026 bei Markus Lanz war einer jener seltenen Momente im öffentlichen Fernsehen, in denen eine Debatte tatsächlich das berührte, worum es geht. Ich frage mich allerdings, ob das den Beteiligten während der Sendung auch wirklich bewusst war. Denn je länger die Sendung dauerte, desto deutlicher wurde ein Muster, das ich für symptomatisch in den Debatten um den Islam und muslimisches Leben in Deutschland halte. Die Gäste schienen zu glauben, es reiche, ihre Schlagworte in den Ring zu werfen und ihr jeweiliges Publikum werde schon wissen, dass damit alles Wesentliche gesagt sei. Auf der einen Seite „Unterwanderung“, auf der anderen „antimuslimischer Rassismus“. Beide Begriffe stehen für reale Phänomene. Aber als Debattenbeiträge funktionieren sie vor allem als Signale an die eigene Seite und nicht als Argumente, die etwas erklären oder voranbringen. So kommen wir nicht weiter. Dieser Text ist der Versuch, einige der Fragen, die die Sendung aufgeworfen und offengelassen hat, etwas genauer zu stellen und zu präzisieren.
20 Jahre DIK – Wer Augenhöhe fordert, muss sie aushalten
Sulaiman Wilms, Chefredakteur der Islamischen Zeitung (IZ), hat zum zwanzigjährigen Bestehen der Deutschen Islam Konferenz (DIK) einen Text veröffentlicht, in dem er kritisch auf die vergangenen Jahre dieses Formats zurückblickt: Muslime würden von der DIK nicht als Partner, sondern als Risikofaktor wahrgenommen, das Forum sei von einem Ort des Dialogs zu einer Bühne des Misstrauens geworden, der Koordinationsrat der Muslime (KRM) und seine Basis würden ignoriert.
Man kann diskutieren, ob das alles so stimmt und dabei unterschiedlicher Meinung sein. Was man nicht diskutieren kann, ist die Tatsache, dass diese Analyse unvollständig ist. Sie hat einen blinden Fleck, der für die muslimischen Positionen zur DIK symptomatisch ist. Denn Wilms tut so, als hätten die Verbände, die im KRM organisiert sind, mit dem Zustand, den er und sie beklagen, nichts zu tun. Für einen Chefredakteur, der sich dem innermuslimischen Diskurs verschrieben hat, ist das eine bemerkenswerte Leerstelle. Diese Leerstelle ist exemplarisch für eine weit verbreitete Vermeidungshaltung innerhalb der muslimischen Communitys – und damit eine Motivation für mich, sie mit diesem Beitrag auszuleuchten.
Was Ankara wirklich will
Ein Parlamentsprotokoll und was es für die deutsche Religionspolitik bedeutet
Am 2. April 2026 hat der Außenpolitikausschuss der Großen Nationalversammlung der Türkei (TBMM) eine Sitzung seiner „Unterkommission für Auslandstürken und verwandte Gemeinschaften“ abgehalten. Gegenstand war eine Präsentation des Generaldirektors für Außenbeziehungen der Diyanet İşleri Başkanlığı (Diyanet), Ensari Yentürk, zu den Auslandsaktivitäten der türkischen Religionsbehörde. Das Protokoll dieser Sitzung ist öffentlich zugänglich. Allerdings auf Türkisch und damit für die meisten deutschen Beobachter nicht ohne Weiteres lesbar.