Ali Mete hat am 22.08.2026 in einem Beitrag auf IslamiQ aufgeschrieben, was die Islamdebatte angeblich ausblendet. Sein Befund wiederholt das Dauerthema muslimischer Organisationen: Die öffentliche Auseinandersetzung über den Islam in Deutschland verlaufe entlang der Achsen Sicherheit, Extremismus, Gefahr und alles andere – die Alltagsarbeit, die Sozialräume, das Ehrenamt – kämen darin nicht vor. Als bloße Feststellung über die reale Schieflage der öffentlichen Islamdebatte ist das durchaus zutreffend. Muslimfeindlichkeit, als Resultat dieser Schieflage, ist messbar, sie wird teilweise politisch verharmlost und sie trifft Menschen in ihrem Alltag.
Nur schreibt diesen Text ausgerechnet der Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG). Das steht in der Autorenbeschreibung, aber im Text lässt sich die Verantwortung, die mit dieser Rolle verbunden ist, nicht wiederfinden. Als außenstehender Leser könnte man meinen, Mete habe mit der Realität innerhalb der IGMG und anderen muslimischen Verbänden außer dem Besuch des Freitagsgebets nichts zu tun. Diese nonchalante Nachsicht Metes mit sich selbst hat mich zu diesem Text motiviert.
Denn mit dieser Attitüde negiert Mete seine institutionelle Verantwortung als selbstermächtigte öffentliche Stimme „der Muslime“. Er schreibt seinen Text scheinbar aus dieser repräsentativen Verantwortung heraus. Er wird ihr mit dem Inhalt seines Textes aber nicht nur nicht gerecht, er enttäuscht sie. Den Preis für diese Attitüde zahlen alle Muslime in ihrem Alltag.
Was hier als Korrektur einer Verengung auftreten will, ist selbst eine. Der Text beginnt beim Islam, geht weiter zu den Muslimen, kommt bei den Gemeinden an und endet bei denen, die für die Gemeinden sprechen. Am Ende steht bei Mete die Verbandsperspektive da als das, was in der Debatte fehle: die gelebte Realität. Man muss diese Bewegung nur einmal langsam nachvollziehen, um zu sehen, was in ihr passiert und welche Funktion sie erfüllt.
Die Verschiebung
Metes Vorwurf an Politik und Medien lautet, sie pauschalisierten, kriminalisierten, dämonisierten. Sie nähmen also einen Teil für das Ganze. Nur: Metes Text funktioniert nach demselben Muster.
Die große Mehrheit der Musliminnen und Muslime in Deutschland gehört keiner Moscheegemeinde an. Sie zahlt keine Beiträge, sie wählt keine Delegierten, sie hat niemanden beauftragt. In Metes Text taucht sie nicht auf – weder als Adressatin noch als eigenständige Größe. Sie wird von ihm und der Gemeindearbeit seines Verbandes stillschweigend mitrepräsentiert. Damit lässt Mete Muslime in seinem Text als Kulisse vorkommen, aber er lässt sie nicht zu Wort kommen.
Das ist kein Versehen, sondern die Geschäftsgrundlage. Seine Geschäftsgrundlage. Verbände vertreten Moscheevereine. Sie vertreten nicht Muslime. Diese Unterscheidung ist der einzige Ausweg aus der Sackgasse, in der die Islamdebatte seit 25 Jahren steckt. Diesen Ausweg wollen zu wenige gehen. Staatliche und kirchliche Akteure nicht, weil sie einen repräsentativen Ansprechpartner brauchen und deshalb so tun, als ob es ihn gäbe. Und die Verbände nicht, denen die Verwechslung ein Gewicht verleiht, das ihnen nach Mitgliederzahlen und auch nach ihrem inhaltlichen Diaspora-Selbstverständnis im Hinblick auf ihre Existenz in Deutschland nicht zusteht.
Genau diese Verwechslung ist der Katalysator dessen, was Mete beklagt. Wer öffentlich als „der Islam“ auftritt, muss sich nicht wundern, wenn die Öffentlichkeit ihn dafür hält – und wenn dann alle Muslime für seine Defekte in Haftung genommen werden.
Das Leistungsargument
Mete will vorführen, was Gemeinden täglich tun: Beratung, Streitschlichtung, Jugendarbeit, religiöse Orientierung, meist ehrenamtlich, oft unter Druck. Ich habe diese Arbeit viele Jahre aus der Nähe gesehen und käme hier nicht auf die Idee, sie kleinzureden. Es gibt viele Menschen, die abends nach der Arbeit noch in den Verein fahren und dort Dinge auffangen, für die sich sonst niemand zuständig fühlt.
Metes Trick passiert aber danach. Aus dieser Beschreibung macht er eine Wirkungsbehauptung:
Zitat: „Wer die meist ehrenamtliche Gemeindearbeit kennt, weiß: Muslimische Gemeindearbeit, insbesondere Jugendarbeit, gibt Orientierung und Halt. Sie fängt ein, wenn jemand abdriftet, schützt und motiviert zum Guten auf allen Ebenen.“
Das ist keine Beobachtung mehr, sondern eine Präventionsthese. In den aktuellen Debatten wird sie von verschiedenen Seiten wiederholt und bildet die Grundlage dafür, dass Moscheegemeinden und ihre Verbände als sicherheitspolitische Ressource adressiert und mit öffentlichen Mitteln ausgestattet werden sollen.
Für diese These fehlt bis heute die Empirie. Es gibt keine belastbare Wirkungsforschung, die zeigen würde, dass Gemeindeanbindung Radikalisierung verhindert. Es gibt Gründe für die Vermutung, dass soziale Einbindung generell schützt – aber das ist etwas anderes als der Nachweis, dass es die Jugendarbeit der muslimischen Verbände ist, die es tut, und nicht Familie, Schule, Ausbildung oder Freundeskreis. Mit diesem Thema habe ich mich in den letzten Blogtexten, z.B. hier und hier, intensiv auseinandergesetzt.
Vor allem aber bleibt bei Mete die entscheidende Frage ungestellt: stabilisiert wofür? Wozu motiviert die Verbandsjugendarbeit? Millî Görüş betreibt keine weltanschaulich neutrale Jugendarbeit und natürlich behauptet Mete das auch nicht. Sie vermittelt eine Deutung der Welt, in der diese Gesellschaft im besten Fall Umgebung ist, aber nicht Heimat – ein Ort, an dem man lebt, dessen Ordnung man nutzt und dessen Zumutungen man erträgt, während die eigentliche Zugehörigkeit anderswo liegt. Was dort stabilisiert wird, ist die ideologische Grundlage der Organisation. Das ist nicht dasselbe wie ein tragfähiges Verhältnis zu diesem Land und dieser Gesellschaft als das Eigene.
Wer Wirkung behauptet, muss Wirkung belegen. Mete schreibt das Problem, gegen das er Wirkung behauptet, auch in seinem Text nur mit Anführungszeichen – „Islamismus“. Er behauptet Wirkung gegen ein Problem, das es seiner Meinung nach gar nicht gibt. Jedenfalls heißt es bei ihm nicht Islamismus. Dass ein Verband sich diesem Maßstab nicht selbst unterwirft, ist erwartbar. Dass die Politik ihn nicht anlegt, dass Kooperations- und Dialogpartner ihn nicht konsequent anlegen wollen, ist ein Skandal, über den viel zu selten gesprochen wird.
Wo der Rand liegt
Dann folgt Metes eleganteste Figur im Text: Die Gemeinden stünden für den koranisch gebotenen Weg der Mitte und Randgruppen wendeten sich gerade deshalb gegen den muslimischen Mainstream, um sich zu profilieren.
Zitat: „Und eben dieser Anspruch ist übrigens auch einer der Gründe, weshalb Randgruppen sich gegen den muslimischen ‚Mainstream’ wenden. Nicht um Probleme zu lösen, sondern um zu polarisieren, um ihr eigenes Profil zu schärfen, in Abgrenzung zum Weg der Mitte.“
Man sollte sich klarmachen, was Mete mit dieser rhetorischen Figur leistet. Er nimmt keine deskriptive Selbstverortung vor, sondern eine Zuweisung. Er erklärt sich selbst und seinen Verband zur Mitte und verlegt das Extremismusproblem im selben Atemzug an den Rand – definitorisch, nicht empirisch. Die Frage, ob eine Organisation Positionen vertritt, die mit unserer Verfassung und ihren Grundprinzipien in Konflikt geraten, kann so gar nicht mehr gestellt werden. Die Antwort steht schon in Metes Prämisse.
Bei einer Organisation, die aus der Bewegung Necmettin Erbakans hervorgegangen ist, ist diese Figur besonders praktisch. Erbakans Antisemitismus ist kein erfundener Vorwurf von Sicherheitsbehörden, sondern dokumentierte Programmatik. Er ist in der Millî-Görüş-Publizistik nie aufgearbeitet, sondern bestenfalls beschwiegen worden. Und er lebt weiter: Wer in Gemeinden dieser Tradition zuhört, wer die türkischsprachige Kommunikation verfolgt, wer die Gespräche kennt, die geführt werden, wenn kein Journalist im Raum ist, weiß, dass antisemitische und antichristliche Ressentiments dort nicht Rand sind, sondern Mainstream. Das ist meine Einschätzung nach Jahren der Beobachtung und ich formuliere sie weiterhin so deutlich, weil sie in der öffentlichen Debatte konsequent unter der Höflichkeitsschwelle gehalten wird. Dazu kommt ein antiarabischer Rassismus, der in der Führungsebene ganz selbstverständlich mitläuft und niemanden dort zu stören scheint. Auch diesen habe ich höchstpersönlich erlebt. Das ist bemerkenswert bei einer Organisation, die Rassismus zu ihrem öffentlichen Hauptthema erklärt hat.
Wie belastbar der Weg der Mitte ist, hat sich vor einigen Jahren zeigen lassen. 2022 sagte der damalige Generalsekretär der IGMG, Bekir Altaş, auf einer Wiener Konferenz, er halte die Hamas für eine Terrororganisation. Für einen Verbandsvertreter in Deutschland ist das ungefähr die niedrigste denkbare Hürde auf dem Weg zur Mitte.
Was folgte, war kein Applaus aus den eigenen Reihen; Altaş ist heute nicht mehr Generalsekretär, sondern leitet die Hilfsorganisation des Verbandes. Ich behaupte nicht, dass zwischen diesen beiden Tatsachen ein kausaler Zusammenhang nachweisbar ist. Ich sage aber: Seine damalige Position ist nie zu einer Verbandsposition geworden. Bis heute vermeidet die IGMG die Wiederholung dieser Einordnung. Sie verurteilt terroristische Anschläge der Hamas, ohne sie in den öffentlichen Verlautbarungen seit dem 07. Oktober 2023 als Terrororganisation zu bezeichnen. Damit schlägt sie einen Spagat zwischen der öffentlichen Erwartung in Deutschland und der Realität der eigenen Basis und der türkischen Regierungspolitik – für die AKP ist die Hamas eine heroische Widerstandsbewegung. Bei der IGMG-Basis kann man in öffentlichen Kommentaren zu diesem Thema eine ähnliche Überzeugung beobachten. Wer wissen will, wo bei Millî Görüş der Rand liegt und wo die Mitte, findet in diesem Spagat eine präzisere Antwort als in jedem Text über den koranischen Weg der Mitte.
Und auch Ali Mete setzt diesen Spagat in seiner Amtszeit als Generalsekretär fort.
Die Konditionierung
Im Schlussteil seines Textes dreht Mete die Richtung der öffentlichen Debatten. Erst müsse sich die Gesellschaft an ihren eigenen Maßstäben messen lassen: an Vielfalt und Minderheitenrechten, an Demokratie und Diskriminierung, an Menschenrechten, an der Behandlung Geflüchteter, an der Nahostpolitik. Sonst habe man ein Glaubwürdigkeitsproblem. Ausgerechnet das Wort „Glaubwürdigkeitsproblem“. Dieses Wort wirkt – vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen – auf mich als größtes Anzeichen für die Realitätsverleugnung, die notwendig ist, um einen solchen Text wie Metes in der Rolle Metes schreiben zu können.
Er beginnt bei innenpolitisch belegbaren Befunden – Diskriminierung von Muslimen gibt es, sie ist dokumentiert – und endet bei einer außenpolitischen Bewertung, über die in Deutschland heftig gestritten wird. Vor allem aber erfüllt die Passage eine Funktion, die über jeden Einzelpunkt hinausgeht. Sie macht Selbstkritik zur Gegenleistung. Solange die Gesellschaft ihre Maßstäbe nicht erfüllt, steht die eigene Prüfung unter Vorbehalt. Mehr noch, sie wird dauerhaft vertagt. Auf eine Zukunft, in der die Gesellschaft erst alle ihre Maßstäbe erfüllen muss, bevor auch nur ein Funken an innermuslimischer Selbstkritik zugelassen wird. Auch das ist bemerkenswert für eine Organisation, die vorgibt, sich spirituell der Läuterung des Ichs verschrieben zu haben.
Man sehe sich nur an, worüber die Verbände in den vergangenen Jahren öffentlich gesprochen haben. Die Pressemitteilungen sind schnell durchgesehen: Islamfeindlichkeit, Rassismus, Diskriminierung, Moscheeangriffe, Nahost. Das sind wichtige Themen. Aber es sind fast ausschließlich Themen, bei denen der Verband der Geschädigte ist. Zu dem, was in den eigenen Reihen passiert, schweigt man – oder man räumt es in einem Nebensatz ein und gibt es im selben Satz an die Allgemeinheit ab.
Mete tut genau das: Er nennt es eine Verantwortung der muslimischen Gemeinschaften, problematischen Entwicklungen zu widersprechen. Er führt kein einziges Beispiel dafür an, wo das geschehen wäre.
Mehr noch: Wer die internen Debatten nach solchen Ereignissen wie die Hamas-Äußerung des früheren Generalsekretärs oder zum Verhältnis zu jüdischen Gemeinden nach dem 7. Oktober 2023 oder zum Thema Homosexualität nach dem CSD-Anschlag kennt, weiß, dass die Verbandsführung vor dem Meinungsbild der eigenen Basis Angst hat. Sie weiß, dass bei einer öffentlichen Sichtbarkeit dieses Meinungsbildes der extreme Rand nicht mehr so deutlich von der behaupteten Mitte unterscheidbar wäre.
Wer diese Missstände kritisieren will, wird mit Metes rhetorischer Figur gleich mitentsorgt. Denn Mete unterscheidet zwischen denen, die in der Gemeinde stehen und jenen,
Zitat: „…, die sich oft über tatsächliche oder Scheinprobleme beschweren und darüber profilieren, aber kein bisschen mit den täglichen Sorgen muslimischer Menschen oder Gemeinschaften konfrontiert sind, geschweige denn zu ihrer Lösung beitragen.“
Hier bricht der Autoritätsanspruch Metes durch, der das interne Handeln und öffentliche Reden so vieler seiner Kollegen in den Verbänden prägt: Nur wer die Arbeit macht, darf über die Arbeit reden. Damit ist innermuslimische Kritik erledigt, noch bevor sie geprüft werden muss. Mete erspart sich die Mühe, Kritik widerlegen zu müssen. Er disqualifiziert sie einfach als niederen Beweggrund. Es ist derselbe Reflex, mit dem seit Jahren jeder Muslim behandelt wird, der die Verbände beim Wort nimmt: Er hat keine Ahnung, er dient sich an, er verrät. Über die Sache muss dann nicht mehr gesprochen werden. Mit der Frage, ob Mete selbst für den Typus muslimischer Organisationsvertreter steht, die mit ihrem Mangel an Glaubwürdigkeit einen erheblichen Anteil an den täglichen Sorgen muslimischer Menschen haben, muss er sich bequemerweise dann nicht mehr herumschlagen.
Was tatsächlich ausgeblendet wird
Mete hat recht damit, dass die Islamdebatte etwas ausblendet. Er beklagt nur die falsche Leerstelle.
Ausgeblendet wird nicht die Gemeindearbeit. Ausgeblendet werden die Millionen Musliminnen und Muslime, die weder organisiert noch vertreten sind, die nicht die Mitglieder seines Vereins sind und die trotzdem in Haftung genommen werden für seine Fehler – von einer Öffentlichkeit, die im Verband den Islam sieht und von Verbänden, die diesem Missverständnis nie ernsthaft widersprochen haben, weil es ihre einzige Machtquelle ist.
Ausgeblendet werden junge Muslime, auch an der eigenen Basis, bei denen ich in den letzten Jahren eine zunehmende Ansprechbarkeit für radikale Glaubensverständnisse beobachte. Weil sie in einem unwidersprochenen Klima aufwachsen, in dem sich antichristliche Abwertungen gerade zu Weihnachten häufen, in welchem Judenhass nicht mal ansatzweise Thema für gemeindliche Diskussionen ist, sondern als begründete schlechte Meinung über Juden geduldet, wenn nicht gar gepflegt wird. In welchem ein militanter Ethnonationalismus zunehmend als Fundament einer stabilen Frömmigkeit und als Bedingung des Muslimseins tradiert wird.
Für dieses Klima sind jene Moscheeverbände verantwortlich, die als größte muslimische Religionsgemeinschaften in Deutschland behandelt werden wollen. Mete ist der Generalsekretär des zweitgrößten. Was er schreibt, ist deshalb keine Bestandsaufnahme unserer gesellschaftlichen Zustände oder der Realität einer missverstandenen Gemeindebasis. Er hat vielmehr eine Apologie für seine Arbeit in der Form einer Klage verfasst und er erzählt eine Geschichte, in der seine eigene Organisation die Mitte ist, das Problem nur am weit entfernten Rand liegt, in der seine Jugendarbeit rettet und die Kritik immer nur von außen kommt, weil es innen gar keine Probleme gibt.
Mit einer solchen Geschichte kann man Kinder ins Bett bringen. Wir Muslime haben nichts davon, außer dem Schaden, den solche Märchen seit Jahren für unsere kollektive Glaubwürdigkeit anrichten.