Seit Samstag lese ich denselben Satz in immer neuen Fassungen. Der Anschlag auf den Christopher Street Day dürfe nicht dazu missbraucht werden, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Der Satz steht in Verbandserklärungen, in Beiträgen einzelner Imame, in Posts von Leuten, die ich seit Jahren kenne und deren Aufrichtigkeit ich nicht bezweifle, die als muslimische Vorbilder in der Öffentlichkeit stehen, bis hin zu islamistischen Influencern, die ihn natürlich nicht als Mahnung, sondern als Abgrenzung und Anklage formulieren. Er steht meistens an genau der Stelle, an der ein anderer Satz stehen müsste und richtet etwas an, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es die Urheber – bis auf die Islamisten, die das sehr genau im Blick haben – überhaupt erkennen.
Aber die Homophobie und die Queerenfeindlichkeit in muslimischen Communitys sind kein Generalverdacht. Sie sind leider eine Generaltatsache. Diese Unterscheidung ist wichtig.
Zwei Wörter, die man nicht verwechseln darf
Ein Verdacht ist eine Unterstellung über Personen. Er behauptet von jemandem etwas, das nicht erwiesen ist, und er wird ungerecht, sobald er von Einzelfällen auf alle schließt. Wer den muslimischen Nachbarn ansieht und in ihm den möglichen Attentäter vermutet, tut ihm Unrecht, und dieses Unrecht ist zu benennen.
Eine Tatsache hingegen ist ein Befund über Verhältnisse. Sie behauptet von niemandem etwas, sie beschreibt, was der Fall ist. Dass in muslimischen Gemeinden über Homosexualität entweder gar nicht oder in Kategorien der Krankheit und der Sünde gesprochen wird, ist kein Verdacht. Dass queere Muslime in unseren Gemeinden nur unter der Bedingung geduldet werden, dass sie unsichtbar bleiben, ist kein Verdacht. Dass ich in fünfundzwanzig Jahren in muslimischen Strukturen kein einziges Mal erlebt habe, dass eine Gemeinde von sich aus, ohne äußeren Anlass, über ihr Verhältnis zu und den Umgang mit queeren Menschen gesprochen hätte, ist kein Verdacht. Ich habe darüber im November 2018 ein Freitagswort geschrieben. Es hat mich eine Freundschaft gekostet und mir den Vorwurf eingetragen, ich würde Muslime pauschal beschuldigen. Der Vorwurf kam aus den eigenen Reihen, und er kam von Leuten, die sich selbst für progressiv halten.
Der Unterschied zwischen Verdacht und Tatsache ist der Unterschied zwischen einer Behauptung über Menschen und einer Beschreibung von Zuständen. Wer beides in einen Topf wirft, kann keine Zustände mehr beschreiben, ohne sich sofort dem Vorwurf auszusetzen, Menschen zu beschuldigen. Genau das ist inzwischen unsere Lage. Der Begriff Generalverdacht hat in unserem Sprachgebrauch eine Funktion übernommen, für die er nie gedacht war. Er sollte einmal Muslime vor pauschaler Zuschreibung schützen. Er ist mittlerweile zu einem Stoppschild geworden, das jeden Befund über unsere Gemeinschaften in einen Angriff auf unsere Gemeinschaften umdeutet, und zwar bevor der Befund überhaupt geprüft wurde.
Wir werden Muslimfeindlichkeit nicht bekämpfen können, wenn wir diese Tatsachen ignorieren. Nicht weil unsere (Islam-)Kritiker recht hätten, sondern weil ein Abwehrreflex, der auch das Zutreffende abwehrt, irgendwann nur noch als Reflex wahrgenommen wird. Man glaubt uns dann nicht einmal mehr dort, wo wir Recht haben und auf Muslimfeindlichkeit hinweisen. Die kontroversen Diskussionen um den Begriff „antimuslimischer Rassismus“ sind ein klarer Beleg für diese Entwicklung.
Dieselbe Formel in besserem Deutsch
Ich kann nur davor warnen, Narrative zu reproduzieren, die am Ende so klingen wie das Mantra der letzten fünfundzwanzig Jahre muslimischer Öffentlichkeitsarbeit. „Das hat nichts mit dem Islam zu tun!“. Diesen Satz habe ich nach Madrid gehört, nach London, nach Paris, nach Nizza, nach Wien, nach Dresden, nach Berlin und jetzt wieder nach Berlin. Die Orte reichen mittlerweile nicht mehr aus, um zwischen den Anschlägen zu unterscheiden.
Was sich seither geändert hat, ist nicht diese Formel, sondern ihr konkretes Vokabular. Früher war die Entlastung theologisch begründet. Der Täter sei kein wirklicher Muslim, die Tat kein wirklicher Islam, das Problem damit erledigt. Heute ist die Entlastung diskurstheoretisch begründet. Wer über den Zusammenhang spricht, betreibe Rassismus, reproduziere antimuslimische Narrative, spiele der Rechten in die Hände, und das Problem ist damit ebenfalls erledigt. Das ist letztlich derselbe „Das hat nichts mit dem Islam zu tun!“-Satz, nur in besserem Deutsch. Er ist akademisch anschlussfähiger, er lässt sich in Talkshows und Podiumsdiskussionen besser unterbringen, und er erledigt exakt dieselbe Aufgabe. Er sorgt dafür, dass wir – gerade auch als Muslime – nicht hinsehen müssen.
Der Wechsel des Vokabulars ist also kein Fortschritt, sondern eine Verschlechterung. Die theologische Fassung war wenigstens angreifbar. Man konnte ihr entgegenhalten, dass der Täter sich auf Koranverse berief, die auch in unseren Moscheen bekannt sind, in manchen sogar gelesen und gepredigt werden. Die diskurstheoretische Fassung indes ist gegen Widerspruch immunisiert, weil sie den Widerspruch selbst zum Symptom erklärt. Wer widerspricht, beweist damit nur, dass er das rassistische Machtverhältnis dieser Gesellschaft nicht verstanden hat, in dem er spricht. Oder, in der innermuslimischen Übersetzung: dass er sich bei „den Deutschen“ anbiedert.
Wem die Unschärfe nützt
Niemand wird mit Anspruch auf Ernsthaftigkeit bestreiten wollen, dass Islamismus eine extremistische Ideologie ist, die sich islamischer Begründungen bedient. Wohlgemerkt: nicht islamischer Vorwände, sondern islamischer Begründungen. Das ist der unbequeme Teil. Diese Ideologie arbeitet mit unseren muslimischen Texten, unserem Vokabular, unserer Geschichte und unserem emotionalen Register. Sie ist kein Fremdkörper, der von außen in unsere Gemeinschaften eingedrungen wäre. Sie ist eine ideologische Auslegung, die in unserem Haus wohnt, in unserer Moschee betet, an unserem Tisch isst und dieselbe Sprache spricht.
Die kommunikative Strategie der islamistischen Szene besteht gegenwärtig genau darin, die Grenze zwischen der eigenen Ideologie und dem Islam aufzuheben. Zwischen einer extremistischen Weltanschauung und muslimischem Glauben. Das ist kein Nebenprodukt ihrer Propaganda, sondern vielmehr ihr kommunikatives Kerngeschäft. Denn wenn diese Grenze verschwimmt, gewinnt sie zweimal. Jeder Angriff auf den Islamismus wird zum Angriff auf den Islam, und jede Solidarität mit Muslimen wird zur Solidarität mit ihr. Sie braucht die Gleichsetzung. Die Gleichsetzung ist ihr eigentliches Werbeversprechen an junge Menschen, die ohnehin das Gefühl haben, dass dieses Land sie nicht will.
Und nun sehe ich seit Samstag, wie Stimmen aus dem muslimischen Mainstream, in der Politik, in Stiftungen, aus Wissenschaft und Kultur dieselbe Grenzauflösung betreiben, nur mit umgekehrter Absicht. Wenn die Begriffe Islamismus und Generalverdacht als Kampfbegriffe bezeichnet werden, als Erfindung der Sicherheitsbehörden, als bloßes Instrument zur Disziplinierung von Muslimen, dann wird genau das behauptet, was die islamistische Szene behauptet. Dass es die Unterscheidung nicht gibt. Die Absicht mag eine völlig andere sein, aber das Ergebnis ist identisch. Und im öffentlichen Diskurs ist dieses Ergebnis verheerend.
Dieser Strategie der Gleichsetzung von Islamismus und Islam kann kein Präventionsprogramm die Grundlage entziehen. Keine Deradikalisierungsstelle, keine noch so konsequente Sicherheitspolitik, keine Abschiebung, kein Verbotsverfahren. Der Innenminister kann Strukturen zerschlagen, er kann Gefährder überwachen, er kann Vereine auflösen. Er kann aber einer religiösen Begründung nicht ihre religiöse Plausibilität nehmen. Das kann nur, wer innerhalb dieser Religion steht und die Autorität hat, dort zu widersprechen. Das ist keine Last, die uns Muslimen von der Gesellschaft oder der Politik aufgebürdet wird. Das ist vielmehr das Einzige, was wir exklusiv können und was uns deshalb niemand abnehmen kann.
Definitionsmacht ohne Definitionslast
Hier, an diesem gedanklichen Punkt, liegt eine Asymmetrie, an der ich mich seit Jahren abarbeite. Die großen muslimischen Organisationen beanspruchen mit großer Selbstverständlichkeit die Deutungshoheit darüber, was der Islam ist. Sie beanspruchen sie gegenüber dem Staat, wenn es um Religionsunterricht geht, um Ausbildungsstätten, um Gremien und Beiräte, um den Status als Religionsgemeinschaft. Sie beanspruchen sie gegenüber Muslimen wie mir, wenn ihnen eine Position nicht passt und man mir daraufhin erklärt, ich sei ja eigentlich gar kein richtiger Muslim.
Dieselben Organisationen lehnen es ab, den Begriff Islamismus überhaupt zu verwenden. Sie ignorieren ihn, sie problematisieren ihn, sie erklären ihn zum Angriffsvokabular, und sie liefern nichts an seiner Stelle. Es gibt keinen muslimischen Gegenbegriff, keine muslimische Beschreibung dessen, was in Berlin passiert ist, keine innermuslimische Kategorie für die Ideologie, die einen jungen Mann dazu gebracht hat, mit einem Transporter in eine Menschenmenge zu fahren, die er für sündig hielt.
Das ist Definitionsmacht ohne Definitionslast. Man beansprucht die Autorität darüber, was zum Islam gehört, und weist gleichzeitig jede Zuständigkeit dafür zurück, was nicht dazugehört und warum nicht. Wer aber die Zuständigkeit für die Grenze verweigert, kann sich nicht darüber beklagen, dass andere die Grenze ziehen, und er kann sich erst recht nicht darüber beklagen, dass sie falsch gezogen wird.
Denn wie soll der Mehrheitsgesellschaft eine Differenzierung gelingen, die die öffentlichen muslimischen Repräsentanten selbst verweigern? Wir verlangen von einer Gesellschaft eine begriffliche Leistung, die wir ihr im selben Atemzug unmöglich machen. Wir erwarten von jemandem, dass er zwischen zwei Dingen unterscheidet, deren Unterscheidbarkeit wir öffentlich durch unser Schweigen unmöglich machen. Das ist eine diskursive Sackgasse und der Preis dafür wird nicht von den Funktionären bezahlt, die sich dieser Differenzierung verweigern, sondern von der Frau mit Kopftuch in der Straßenbahn.
Die Schonung
Es gibt eine zweite Bewegung, die in dieselbe Richtung wirkt und die mich mindestens genauso belastet, weil sie von Menschen kommt, die eigentlich meine gesellschaftlichen Verbündeten sein sollten – und die vorgeblich auch solche sein wollen: Die diskriminierungssensible politische Anwaltschaft, die uns Muslime an dieser Stelle schont.
Diese Anwaltschaft kommt aus der Wissenschaft, aus der Zivilgesellschaft, aus Antidiskriminierungsstellen, aus Stiftungen und aus einer politischen Linken, die aus guten Gründen gelernt hat, dass Minderheiten in diesem Land Schutz brauchen. Sie ist sicher ehrlich gemeint. Sie entspringt keiner Naivität – wie es häufig sehr gehässig heißt -, sondern der Erfahrung, dass Debatten über Muslime in Deutschland fast immer entgleisen und dass jedes diskursive Zugeständnis sofort weiterverarbeitet wird zu einem Argument gegen die bloße Anwesenheit von Muslimen in diesem Land. Ich verstehe deshalb, warum jemand nach einem solchen Anschlag den Impuls hat, uns Muslime zu decken.
Wir sind aber an einem Punkt, an dem die Schonung kippt. Wer einer Gemeinschaft nichts zumutet, traut ihr nichts zu. Wer sie systematisch aus jeder Verantwortung herausrechnet, behandelt sie als Objekt von Verhältnissen und nicht als Subjekt, das diese Verhältnisse gestalten könnte. Die Schonung ist eine Form der Herabsetzung, die sich für Respekt hält. Sie sagt uns, dass wir Bedingungen ausgeliefert sind, an denen wir nichts ändern können, und sie sagt es in einem so freundlichen Ton, dass wir es lange nicht als das erkennen, was es ist. Als ich im Berliner Abgeordnetenhaus darüber sprach, dass wir Muslime eine eigene Selbstwirksamkeit haben, um uns mit Muslimfeindlichkeit auseinanderzusetzen und dass dazu auch gehört, dass wir über die Probleme in unseren Gemeinschaften offen und selbstkritisch reden müssen, war es diese politische Anwaltschaft, die mir vorwarf, ich übe einen „rassistischen Rechtfertigungsdruck auf Muslime“ aus. Ich als Muslim, der für die eigene Handlungsfähigkeit seiner Community wirbt. Ich weiß nicht, ob es eine noch tiefere Geringschätzung unserer Fähigkeiten als Community geben kann.
Eine solche Haltung, die uns hier schont, wird nur dafür sorgen, dass wir mit gutem Gewissen weitere fünfundzwanzig Jahre wegschauen können. Sie liefert uns die Sprache, in der wir uns selbst erklären, warum wir nichts tun müssen, und sie liefert sie in einem moralisch aufgeladenen Vokabular, gegen das innermuslimisch niemand ankommt. Wer in einer Moscheegemeinde die Frage stellt, wie wir mit queeren Jugendlichen umgehen, bekommt inzwischen nicht mehr nur zu hören, das sei theologisch geklärt. Er bekommt zu hören, er übernehme rassistische Diskurse. Damit ist jedes Gespräch über unsere innermuslimischen Zustände beendet, noch bevor es beginnen kann. Der Vorwurf ist neu, aber die Funktion ist mir aus meiner Zeit in den Verbandsstrukturen nur zu gut bekannt. Ich bin mir nicht sicher, wer hier wen zum Vorbild hatte: ob die Verbandsvertreter mittlerweile so sprechen, wie die politische Anwaltschaft, oder umgekehrt.
Was die Differenzierung kostet
Ich will nicht missverstanden werden. Die Differenzierung zwischen Islamismus und Islam, zwischen Islamisten und Muslimen ist zwingend notwendig. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Muslime in diesem Land als Bürger und nicht als Sicherheitsproblem behandelt werden. Ohne sie gibt es keine vernünftige Politik, keine vernünftige Berichterstattung und keine vernünftige Nachbarschaft.
Aber sie ist keine Rechtfertigung, uns Muslime aus der Verantwortung zu entlassen. Wer sagt, der Islamismus sei nicht der Islam, sagt damit auch, dass er weiß, was der Islam ist, und dass er bereit ist, diese Grenze zu markieren, zu begründen und in der eigenen Gemeinde durchzusetzen. Eine Differenzierung, die nur nach außen als Schutzbehauptung verwendet und nach innen nie eingelöst wird, ist aber keine Differenzierung. Sie ist bloß eine Vokabel. Und sie wird auch als solche leere Worthülse erkannt. Nicht von den Rechten, denen sie ohnehin gleichgültig ist, sondern von der Mitte dieser Gesellschaft, von den Leuten, die noch bereit wären, uns zu glauben. Die merken nämlich, wenn dieselbe Erklärung zum vierten Mal mit ausgetauschtem Datum kommt. Die merken, wenn aus einer Verurteilung des „islamistischen Terrors“ über Nacht eine Verurteilung des „Terrors“ wird, weil jemand das erste Wort für zu riskant hielt. Sie ziehen daraus ihre Schlüsse, und diese Schlüsse fallen jedes Mal ein Stück ungünstiger für uns Muslime aus.
Was bleibt
Ich habe kein Interesse daran, die Muslimfeindlichkeit in diesem Land kleinzureden. Sie ist real, sie nimmt zu, und sie wird nach diesem Anschlag noch einmal zunehmen. Ich habe als Muslim ein eigenes Interesse daran, dass wir uns dagegen wehren können, und wehren kann sich nur, wer etwas anzubieten hat außer der Behauptung, dass die Vorwürfe unberechtigt seien.
Wer Muslime vor pauschaler Anfeindung schützen will, muss eine Antwort auf die Frage finden, warum die größten muslimischen Organisationen dieses Landes sich weigern, das Wort zu benutzen, mit dem man die Täter von den Gläubigen unterscheiden kann. Wer glaubt, dieses Problem nur mit diskriminierungssensiblen Ermahnungen lösen zu können und es nur zur Hausaufgabe der Nichtmuslime erklärt, eine präzise Differenzierung vorzunehmen, überzeugt mich nicht von seiner Absicht, zum Wohle der Muslime zu handeln.
Ich sehe das entschieden anders. Denn mir fällt keine Antwort ein, die ohne uns auskommt.