Die deutsche Religionspolitik arbeitet seit zwanzig Jahren mit einer Annahme, die inzwischen nicht mehr wie eine Vermutung klingt, sondern wie ein Befund. Sie lautet, dass die Moscheegemeinden gegen Radikalisierung wirken. Und zwar nicht in dem schwachen Sinn, dass dort auch irgendwie etwas Gutes geschieht, sondern in dem starken, dass die Anbindung an eine Gemeinde einen jungen Menschen davor bewahrt, sich einer extremistischen Ideologie anzuschließen.
Auf dieser Annahme beruht die Deutsche Islam Konferenz seit 2006. Auf ihr beruhen die Kooperationsvereinbarungen der Länder, die Beiräte im Schulunterricht und an den Universitäten, der Staatsvertrag in Hamburg, an dem ich bis 2012 noch selbst als Ehrenamtler auf muslimischer Seite mitgewirkt habe. Auf ihr beruht das Abkommen, das der Bund Ende 2023 mit der türkischen Diyanet und der DITIB geschlossen hat und das die Entsendung türkischer Staatsbediensteter schrittweise durch die Ausbildung von jährlich 100 Imamen in Deutschland ersetzen soll.
Man muss diese Annahme kennen, um zu verstehen, warum eine Bundesregierung die Ausbildung von Geistlichen für deutsche Gemeinden in die Hand einer ausländischen Religionsbehörde und ihres deutschen Ablegers legt und das für einen sicherheitspolitischen Fortschritt hält. Oder warum Kirchen ihre muslimischen Partner gegen die Kritik aus den muslimischen Gemeinschaften selbst verteidigen. Diesen Maßnahmen liegt kein böser Wille, sondern eben diese positive Annahme zugrunde.
Die muslimischen Organisationen halten es ebenso. Die großen Moscheeverbände beschreiben sich als das authentische und wichtigste Angebot gegen Radikalisierung und sie tun das mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Nachweis für nötig hält.
Nach einem Anschlag wie zuletzt in Berlin wird diese Annahme umso lauter ausgesprochen, weil sie dann verteidigt werden muss. Ich habe mich in meinem letzten Blogbeitrag dazu geäußert, als aus dem parteipolitischen Raum die Forderung kam, man müsse jetzt einen Verband wie die DITIB als Bollwerk gegen die Radikalisierung stärken.
Am klarsten formuliert hat die Annahme in den vergangenen Tagen aber Özgür Özvatan, zweimal innerhalb einer Woche. Özvatan, Jahrgang 1985, ist politischer Soziologe, hat an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert und über Jahre zu Extremismus und zur Rolle sozialer Medien bei der Radikalisierung junger Menschen geforscht.
Ich beziehe mich auf ihn, weil er diese Annahme besser formuliert als die Verbände selbst und weil sein wissenschaftliches Profil sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu einem unbestrittenen Befund gerinnen lässt. Er ist nicht ihr Urheber, aber er verstärkt diese Annahme. Die in den letzten Tagen wahrnehmbaren öffentlichen Äußerungen, wonach Verbände wie DITIB als Präventionsakteure unterstützt werden müssten, machen auf mich den Eindruck, von solchen Wortmeldungen mit wissenschaftlichem Anspruch geprägt zu sein. Er verleiht den vielen Stimmen, die sich ähnlich äußern, eine wissenschaftliche Grundierung und deshalb lohnt der Streit in der Sache.
Am 28. Juli sagte er im „Freitag“: „Vergessen wird nämlich allzu oft: Eine besonders wirksame Prävention leisten muslimische Communitys selbst. Dass die große Mehrheit junger Muslim:innen auf diese Angebote nicht hereinfällt, ist das Ergebnis communitybasierter Arbeit, von Moscheegemeinden bis zu Jugendorganisationen.” Und weiter: „Besonders anfällig für Radikalisierung sind theologisch unbedarfte junge Männer: Wer ‚den Islam’ und seine diversen Auslegungen nur aus TikTok-Schnipseln kennt, hat der Propaganda nichts entgegenzusetzen. Religiöse Bildung in den Communitys ist also wirksame Extremismusprävention, nicht ihr Gegenteil, wie es häufig von Polarisierer:innen suggeriert wird.“
Am 3. August war er im Deutschlandfunk zu Gast, in einer Sendung, deren Titel die Frage schon als Aussage setzte: „Unterschätzte Player in der Islamismus-Prävention“. Dort beschrieb er, was in den Gemeinden geschieht. Jugendliche brächten Videos mit, meist keine offene Propaganda, sondern Brücken-Accounts, die modern daherkommen und mit einer zutreffenden Beobachtung einsteigen, etwa dem antimuslimischen Rassismus, um erst am Ende beim radikalen Angebot anzukommen. In der Gemeinde werde dann besprochen, dass der Anfang stimme und der Rest nicht. Radikale Inhalte würden moderiert von Mitmenschen, denen die Jugendlichen vertrauen.
Ich halte diese Beschreibung nicht für erfunden. Ich kann mir solche Gemeinden und solche Erwachsene darin gut vorstellen. Mein Widerspruch beginnt nicht bei dieser Beobachtung, sondern bei dem, was aus ihr folgen soll. Wenn man die beiden Interviews nebeneinander legt, wird deutlicher, wo für mich das Problem liegt, das mich zum Widerspruch motiviert.
Die Spannung zwischen den beiden Interviews
Im „Freitag“ dient Özvatan der Fall des Attentäters von Berlin als Beleg dafür, dass Religion nicht der Antrieb gewesen sein kann. Ein junger Mann aus schiitischem Elternhaus wollte sich einer Organisation anschließen, die Schiiten verfolgt und ermordet. Das ergebe theologisch keinen Sinn, sagt er, und deshalb sei Radikalisierung als Beziehungsgeschehen zu verstehen. Am Anfang stehe selten der Glaube, meist die Einsamkeit.
Fünf Tage später, im Deutschlandfunk, ist der Glaube für Özvatan dann doch die entscheidende Größe. Anfällig seien vor allem religiös illiterate junge Männer, solche ohne gute religiöse Bildung, die die vielfältigen Auslegungen ihrer Religion nicht kennen und deshalb einer monistischen Auslegung erliegen.
Man könnte das für einen Selbstwiderspruch halten. Ich will das an dieser Stelle noch zurückstellen. Denn Özvatan kann durchaus beides sagen, ohne sich zu widersprechen. Radikalisierungsforschung arbeitet routinemäßig mit zwei verschiedenen Größen. Der Auslöser ist biografisch und sozial, die Einsamkeit, soziale Brüche, die fehlende Anerkennung. Die Anfälligkeit ist etwas anderes, sie entscheidet darüber, ob das radikale Angebot greift, wenn es kommt. Wer theologisch nichts in der Hand hat, hat der Propaganda nichts entgegenzusetzen. Das ist ein kohärentes Modell und es muss kein schlechtes sein.
Nur führt genau dieses Modell dorthin, wo Özvatan nicht hin will. Wenn fehlende religiöse Bildung anfällig macht, dann ist religiöse Bildung eine Größe, die auf den Verlauf einer möglichen Radikalisierung einwirkt. Und was einwirken kann, kann in beide Richtungen einwirken. Dann ist die entscheidende Frage nicht mehr, ob junge Männer religiös gebildet werden, sondern womit. Diese Frage stellt Özvatan in keinem der beiden Gespräche.
Die Reihenfolge seiner Sätze ist dabei aufschlussreicher als ihr möglicher Selbstwiderspruch. Wer zuerst erklärt, am Anfang stehe nicht der Glaube, hat sich das Nachfragen nach den religiösen Inhalten erspart. Wer sich das erspart hat, kann anschließend dieselben religiösen Inhalte als Heilmittel empfehlen, ohne sie je konkret durchleuchten und benennen zu müssen. Es bleibt bei einer – letztlich inhaltlich leeren – Behauptung: Religiöse Bildung wirkt! Aber welche, steht nicht zur Debatte.
Im Radiogespräch kommt eine zweite Unschärfe hinzu. Auf die Frage, was die Moschee leisten könne, was Schule und Familie nicht leisten, trennt Özvatan sie ausdrücklich von beiden und vergleicht sie mit einem Sportverein, nur “anders motiviert”. Damit ist ihre Wirkung eine soziale. Sie beruht darauf, dass junge Menschen dort Erwachsene finden, denen sie vertrauen, und nicht darauf, was diese Erwachsenen glauben.
Wenige Minuten später ist religiöse Bildung dann doch wieder das entscheidende Mittel, und die Moschee leistet damit etwas, das kein Sportverein leisten kann. Auch das lässt sich durchaus zusammendenken, die Moschee kann strukturell wie ein Verein funktionieren und inhaltlich mehr sein. Aber der Vergleich hat eine Konsequenz, die Özvatan vermutlich nicht mitgemeint hat. Ich komme weiter unten darauf zurück.
Das Wort, das keine Grenze zieht
Özvatan spricht in beiden Gesprächen nicht von Islamismus, sondern von religiös begründetem Extremismus und er begründet das ausdrücklich: Der Begriff benenne die Ideologie, ohne sie mit einer Weltreligion zu verschmelzen.
Die Sorge, die dahintersteht, ist keine eingebildete. Das Wort Islamismus wird in der deutschen Debatte längst auch als Schablone benutzt, mit der sich alles Muslimische unter Verdacht stellen lässt, von der Kopftuchträgerin in der Straßenbahn bis zum Moscheeneubau im Gewerbegebiet. Ich halte den Reflex, ihm ein anderes Wort entgegensetzen zu wollen, für nachvollziehbar.
Der Reflex greift nur zum falschen Wort. Die Formulierung Özvatans vermeidet den Namen und behält die Behauptung. Was da im Moment der Gewalt geschieht, ist nach dieser Bezeichnung religiös begründet, offen bleibt allein, welche Religion. Sie schützt das Substantiv “Islam” und gibt die Sache der eingeforderten Differenzierung zwischen Religion und Ideologie preis. Genauer betrachtet ist sie die weitreichendere Aussage über den Zusammenhang von Religion und Gewalt, nur klingt sie schonender, weil sie niemanden beim Namen nennt.
Ich bestreite diesen Zusammenhang nicht. Ich habe an anderer Stelle hier im Blog geschrieben, dass diese Ideologie mit islamischen Begründungen arbeitet und nicht mit islamischen Vorwänden und ich halte das weiterhin für den unbequemsten Teil der ganzen Sache. Gerade deshalb brauchen wir ein Wort, das die Ideologie benennt und nicht eines, das ihre Begründung benennt. Islamismus ist ein solches Wort. Die Endung macht aus einem Gegenstand eine Lehre über ihn, so wie Klerikalismus nicht der Klerus ist und nicht mit ihm verwechselt wird. Sie sagt, dass sich hier aus etwas anderem eine politische Doktrin gebildet hat, die nicht identisch ist mit dem, woraus sie sich bedient.
Man kann einwenden, es gebe ja noch andere Wörter, Salafismus, Dschihadismus, politischer Islam. Der letzte Begriff wird häufig mit ähnlichen Argument zurückgewiesen wie “Islamismus”. Und die beiden anderen bezeichnen aber Ausschnitte, Strömungen und Milieus. Keines von ihnen leistet, was “Islamismus” leistet, nämlich die Ideologie als Ganzes zu benennen und im selben Zug von der Religion zu trennen. Wer dieses Wort aufgibt, gibt die Kategorie auf, in der sich diese Grenze überhaupt ziehen ließe. Nach dem von Özvatan präferierten Begriffswechsel bleibt für eine innermuslimische Kritik kein Gegenstand, kein Wort mehr übrig. Wer sie trotzdem formuliert, kritisiert der neuen Wortwahl nach seine eigene Religion.
Bemerkenswert ist, wer sich hier gedanklich und rhetorisch trifft. Die großen muslimischen Verbände lehnen den Begriff Islamismus seit 25 Jahren ebenfalls ab. Sie wollen nicht zuständig sein für eine Ideologie, deren Berührungspunkte mit ihrem eigenen Glaubensverständnis sie dann beschreiben müssten. Auch sie sagen inzwischen immer häufiger “religiös begründeter Extremismus”. Özvatan will die Religion vor einer Verschmelzung bewahren, die Verbände wollen die Zuständigkeit loswerden. Die Motive liegen vielleicht weit auseinander, das Ergebnis ist jedoch dasselbe. Am Ende steht für den Anschlag von Berlin kein Wort zur Verfügung, mit dem Muslime ihre Religion überzeugend von einer extremistischen Ideologie trennen könnten. Und niemand hält sich für verpflichtet, eines zu liefern, verlangt aber von der Öffentlichkeit, genau diese Trennung, diese Differenzierung vorzunehmen.
Wovor genau bewahren sie uns
Zurück zu dem Satz, mit dem die Verbände seit Jahren ihre eigene Rolle beschreiben und der auch bei Özvatan mitschwingt. Sie seien das authentische Angebot, das Radikalisierung verhindere.
Es liegt im eigenen Interesse der Verbände zu erkennen, was dieser Satz voraussetzt. Wer behauptet, er verhindere die Radikalisierung seiner Gemeindemitglieder, behauptet eine Anfälligkeit, die verhindert werden muss. Ohne sie gäbe es nichts zu verhindern und der Satz wäre leer. Die Frage ist also, woher diese Anfälligkeit kommt.
Kommt sie von außen, aus Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit und den Angeboten auf TikTok, dann wirkt gegen sie nicht das Religiöse an der Gemeinde, sondern das Soziale. Wenn die Moschee wie ein Sportverein wirkt, dann folgt daraus nicht, dass man Moscheegemeinden fördern muss, sondern dass man Orte fördern muss, an denen junge Männer Anerkennung finden. Jugendzentren, Vereine, Trainer, Sozialarbeit. Das wäre ein Argument, dem kaum jemand widerspricht und es kommt ohne eine einzige Aussage über Religion aus. Es begründet keine entsandten Imame und keine Imamausbildung nach dem Lehrplan der Diyanet. Es begründet nicht einmal, warum ausgerechnet Moscheen die unterschätzten Akteure sein sollen. Die Verbände leisteten dann nämlich Jugendarbeit, für die sie weder ausgebildet noch ausgestattet sind und ihre religiöse Besonderheit wäre für die Wirkung ohne Belang.
Kommt die Anfälligkeit von innen, dann existiert in den eigenen Reihen eine religiös formulierte Gefährdung, gegen die eine bessere religiöse Formulierung gesetzt werden muss. Das wäre eine ernst zu nehmende Aufgabe und sie wäre exklusiv unsere Aufgabe als muslimische Gemeinschaften. Nur ist das genau das, was dieselben Organisationen seit dem 11. September 2001 vehement bestreiten. Ihr Kernsatz lautet, das habe alles nichts mit dem Islam zu tun.
Beides zugleich geht nicht. Man kann nicht der Garant gegen eine Gefahr sein, deren Existenz man leugnet. Diese Zwickmühle ist nicht Özvatans Erfindung, er hat sie vorgefunden. Er macht sie sich aber zu eigen und er verstärkt sie mit einem wissenschaftlichen Profil, das die Verbände nicht haben. Das ist nicht weniger folgenreich als die Verweigerung, die die Verbände seit 25 Jahren praktizieren, sondern folgenreicher, weil es sie autorisiert und Politik und Zivilgesellschaft davon überzeugt, dass die Moscheeverbände in ihrem gegenwärtigen Zustand schon gute Verbündete im Kampf gegen Radikalisierung seien.
Der Ausweg aus der Zwickmühle liegt nicht so fern und wir können uns ihm nähern, wenn wir uns noch weiter mit den Spannungen beschäftigen, die in Özvatans Aussagen liegen.
Man kann durchaus die Ansicht vertreten, Religion sei als Motiv unerheblich und als Ressource trotzdem schützend. Der junge Täter radikalisiert sich aus Einsamkeit und Kränkung und religiöses Wissen ist das Werkzeug, mit dem sich seine ideologische Verirrung wieder entwirren lässt. Das ist nicht völlig abwegig. Es ist nur keine Aussage über die bloße Existenz von religiöser Bildung mehr, sondern eine über ihren Inhalt. Wenn religiöses Wissen als Werkzeug wirkt, kommt es darauf an, welches Wissen. Und über diese Frage gibt es Befunde.
Welcher Glaube schützt
Zwei Forscher der Universität Hamburg, Peter Wetzels und Katrin Brettfeld, haben im Verbund MOTRA genau diese Frage untersucht und sie haben sie fast schon in Özvatans Worten gestellt. Ob ausgeprägte Religiosität bei Muslimen ein Schutzfaktor sei, gerade weil religiöse Bindung Menschen in soziale Bezugssysteme einbindet, etwa in Moscheegemeinden, oder ob sie eher ein Risiko darstelle.
Bevor ich auf die Antwort auf diese Frage eingehe, will ich vorausschicken, was diese Daten sind und was nicht. Es handelt sich um eine Befragung, um Selbstauskünfte zu Einstellungen, erhoben zu einem bestimmten Zeitpunkt. Einstellungen sind keine Handlungen und aus einem Zusammenhang zwischen zwei Merkmalen folgt nicht zwingend, welches von beiden das andere verursacht. Solche Studien finden nicht den Attentäter, den ohnehin niemand über einen Fragebogen finden kann. Sie beschreiben das Klima, aus dem er hervorgeht. Für die hier strittige Frage ist das dennoch hilfreich, denn strittig ist ja gerade eine Behauptung über Verbreitung und Milieu, nicht über einen konkreten Einzelfall.
Die Antwort, die in diesen Forschungsdaten liegt, ist für Özvatan und für die Verbände unbequem: Je stärker die religiöse Bindung, desto häufiger finden sich islamistische Einstellungen. Unter den kaum religiösen Befragten ist praktisch niemand islamistisch eingestellt, unter den sehr religiösen fast jeder Fünfte. Der Effekt der Religiosität übersteigt im statistischen Modell die Effekte von Alter und Bildung um ein Mehrfaches.
Zwei Einschränkungen sind ungemein wichtig: Erstens gehört der Moscheebesuch zu den Merkmalen, aus denen die Forscher religiöse Bindung zusammensetzen. Er wird nicht gesondert ausgewertet. Ich kann deshalb nicht schlussfolgern, dass der Moscheebesuch das Risiko für Radikalisierung erhöht. Diese Behauptung stelle ich ausdrücklich nicht auf. Was sich aber sagen lässt, ist für diese Debatte das Entscheidende: Religiöse Bindung schützt als solche nicht. Wer gehofft hat, die Präventionsvermutung finde in den Daten ihre Bestätigung, findet sie dort jedenfalls nicht.
Zweitens gilt das auch für die Bildung und zwar für beide Sorten. Für islamismusaffine Einstellungen lassen sich keine eindeutigen Bildungseffekte nachweisen, anders als bei rechtsextremen Einstellungen, wo formale Bildung erkennbar schützt. Wer Abitur hat, ist hier nicht messbar weniger anfällig als der Absolvent der Hauptschule. Das ist noch kein Argument gegen religiöse Bildung, aber es zerlegt das schlichte Argument, wonach Wissen als solches gegen islamistische Propaganda immunisiert. Auch beim Wissen kommt es offenbar darauf an, welches.
Der entscheidende Befund kommt nach diesen Einschränkungen. Die Forscher haben die Befragten nicht nur danach sortiert, wie fest sie glauben, sondern danach, wie sie ihren Glauben verstehen. Dabei treten vier Gruppen hervor. Die einen sind kaum religiös. Die zweiten glauben fest, halten den Koran für die Offenbarung, lehnen es aber ab, anderen Muslimen vorzuschreiben, wie diese zu glauben haben. Die dritten glauben ebenso fest und legen den Koran traditionell aus, verlangen das aber nicht von allen anderen. Die vierten glauben genauso fest wie die dritten, verbinden das jedoch mit zwei Überzeugungen: Wer die Lehren des Islam nicht wörtlich befolge, sei kein echter Muslim, und wer den Islam modernisieren wolle, zerstöre die wahre Lehre.
Zwischen diesen Gruppen liegen Welten. In der zweiten, mit gut vierzig Prozent der größten, findet sich unter zweihundert Befragten einer mit islamistischen Einstellungen. In der dritten ist es etwa jeder Siebte. In der vierten fast jeder Dritte.
Was diese Gruppen unterscheidet, ist nicht die Intensität des Glaubens. Die vierte Gruppe ist die frömmste, aber die dritte ist es fast genauso und zwischen beiden liegt der größte Sprung. Was sie unterscheidet, ist der Umgang mit denen, die anders glauben. Sobald aus dem eigenen Glauben ein Maßstab wird, mit dem man anderen die Zugehörigkeit abspricht, vervielfacht sich die Wahrscheinlichkeit islamistischer Einstellungen. Und sobald die Forscher diese Orientierungsmuster in ihr Modell aufnehmen, halbiert sich der Effekt der Religiosität. Nicht die Frömmigkeit trägt den Befund, sondern das, was in ihr transportiert wird.
Bleibt noch ein Einwand, der all das entschärfen würde. Die Forscher haben auch ihn geprüft. Özvatan beschreibt Radikalisierung als Zusammenspiel von Abstoßung und Anziehung, wobei der antimuslimische Rassismus die abstoßende Kraft liefert. Erfahrungen von Ausgrenzung erhöhen die Wahrscheinlichkeit islamistischer Einstellungen tatsächlich, das bestätigen die Daten. Sie erklären den religiösen Befund aber nicht weg. Der Zusammenhang zwischen Glaubensverständnis und islamistischer Einstellung bleibt bestehen, auch wenn man Diskriminierungserfahrungen herausrechnet. Die Abstoßung kommt zum religiösen Befund hinzu, sie ersetzt ihn nicht.
Damit bekommt die wohlwollende Lesart ihre wichtige Konkretisierung. Religiöses Wissen wirkt tatsächlich als Werkzeug. Es wirkt aber nur schützend, wo es mit der Bereitschaft einhergeht, andere Auslegungen gelten zu lassen und es wirkt nicht, wo es das nicht tut. Die Moscheegemeinde schützt nicht, weil sie eine Moscheegemeinde ist. Sie schützt, wenn sie das eine weitergibt, und sie schützt nicht, wenn sie das andere weitergibt. Welches von beidem in den muslimischen Gemeinden dieses Landes weitergegeben wird, ist die einzige Frage, auf die es ankommt. Sie wird in dieser Debatte aber nicht gestellt. Die Verbände wollen sie nicht führen und Özvatan erspart ihnen, sich ihr zu stellen. Wie er das macht, beschreibe ich im Folgenden.
Was ich damit nicht sage
Zunächst aber noch ein wichtiger Hinweis: Auch in der frömmsten und strengsten Gruppe sind zwei von drei Befragten nicht islamistisch eingestellt und unter den sehr religiösen Muslimen insgesamt sind es vier von fünf. Die Forscher schließen daraus ausdrücklich, dass Fundamentalismus und Islamismus sich nicht gleichsetzen lassen und sie warnen davor, sehr religiöse Muslime unter Generalverdacht zu stellen, weil das genau die Ausgrenzung erzeugt, die zur Radikalisierung beiträgt. Ich teile diese Warnung. Ein Befund über Verhältnisse ist kein Verdacht gegen Personen und wer das eine in das andere übersetzt, macht die Sache schlimmer.
Auch die Zahl, die derzeit durch die Debatte geht, verträgt einen genaueren Blick. Dass 45 Prozent der jungen Muslime in Deutschland islamismusaffin eingestellt seien, ist die Summe zweier sehr verschiedener Gruppen. Ausgeprägt sind diese Einstellungen bei gut 11 Prozent und dieser Anteil ist zuletzt gesunken. Gewachsen ist das Vorfeld, also die Zahl derer, die für solche Deutungen offen sind, ohne sie zu teilen. Wer die Gesamtzahl in die Schlagzeile hebt, dramatisiert. Wer aus dem Rückgang der harten Werte eine Entwarnung liest, ebenfalls. Beunruhigend ist nicht die Zahl der Überzeugten, sondern die Verbreiterung des Randes, an dem rekrutiert wird.
Dieses Klima entsteht nicht erst auf TikTok. Es wird zu Hause und in der Gemeinde weitergegeben, meist nicht durch ausdrückliche Lehre, sondern dadurch, dass ihm nie widersprochen wird.
Der Mensch, dem sie vertrauen
Özvatans Beschreibung dessen, was in den Gemeinden geschieht, hat eine wichtige Leerstelle. Man stolpert über sie, wenn man die von ihm beschriebene Szene noch einmal langsam liest. Der Jugendliche kommt mit dem problematischen Video und dann wird moderiert, von Mitmenschen, denen er vertraut. Wer diese Mitmenschen sind, kommt bei Özvatan nicht vor.
In einer DITIB-Gemeinde ist es der Imam. Er ist türkischer Staatsbediensteter, sein Gehalt kommt aus dem türkischen Staatshaushalt, sein Dienstvorgesetzter ist (präziser, aber faktisch irrelevant: war bislang) der Religionsattaché und nach den Satzungen der Landesverbände sitzt er mit Stimmrecht in der Mitgliederversammlung, die den Vorstand wählt. Ich habe in dieser Struktur als Syndikusanwalt gearbeitet. Sie gestaltet ein Zugehörigkeitsverhältnis, das jede andere innergemeindliche Beziehung überlagert. Die Vereinbarung, mit der die Dienstaufsicht nach Deutschland zur DITIB verlagert werden soll, ändert daran nichts. Um die bisherigen Verhältnisse auch im Feld wirken zu lassen, braucht es nur einen Anruf aus Ankara beim “Dienstherrn” in Köln; manchmal reicht auch ein Anruf aus Hürth.
Wie wenig sich ändert, hat der Verband selbst vorgerechnet. Im Mai 2024 stellte der DITIB-Bundesvorstand in Köln vor, wie er das Abkommen umsetzen will. Von den 100 jährlich in Deutschland auszubildenden Imamen sollen 75 als Absolventen islamischer Theologie aus der Türkei kommen und hier zwei Jahre lang nachqualifiziert werden, im ersten Jahr vor allem sprachlich. Die verbleibenden Plätze deckt das verbandseigene Seminar in Dahlem ab. Die Absolventen der deutschen Universitätsstandorte für islamische Theologie kommen in dieser Rechnung nicht vor, weil man dort, so der Verband, ohnehin nicht mit genügend Bewerbern rechne. Der Generalsekretär formulierte bei derselben Gelegenheit, was daraus folgt. Die Diyanet bleibe für die DITIB die höchste Instanz und ein Qualitätsgarant und das werde sich nicht ändern.
Das Abkommen verlagert also den Ort der praktischen Ausbildung, nicht der theologischen und lässt offen, was in ihr vermittelt wird. Wer wissen will, welche Auslegungen die künftigen Imame mitbringen, muss nicht nach Dahlem schauen, sondern auf die theologischen Fakultäten, an denen unter Erdoğan das liberale Denken systematisch zurückgedrängt worden ist. Das ist bemerkenswert für eine Maßnahme, die als religionspolitischer Meilenstein bezeichnet wurde.
Der Bezug der religiösen Bildung
Was ein religiöser Bediensteter in der Gemeinde sagt, ist keine Privatsache und folgt keinem persönlichen Vertrauensverhältnis. Es folgt einem übergeordneten Loyalitätsverhältnis. Am Freitag nach dem Anschlag predigte die IGMG, der zweitgrößte Moscheeverband, über die Kaaba, unter dem Titel „Orientierung für Körper und Geist“. Die DITIB predigte über Halal-Verdienst und die Etikette des Handelns, ein Thema, das die Diyanet in Ankara in derselben Woche gesetzt hatte, während dort die nächste Verhaftungswelle gegen Oppositionspolitiker mit Korruptionsvorwürfen begründet wurde. In der Woche nach einem islamistischen Anschlag in Berlin richtete der größte muslimische Verband dieses Landes seine wöchentliche Ansprache an der Innenpolitik der Türkei aus. Was in Deutschland geschehen war, kam nicht vor.
An diesem Punkt lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Am Montag, dem 6. Februar 2023, erschütterte das Beben von Kahramanmaraş die Südosttürkei und Nordsyrien. Noch am selben Tag erklärte der Vorsitzende der IGMG, Kemal Ergün, in einer Pressemitteilung, am kommenden Freitag, dem 10. Februar, werde in allen Moscheen und Einrichtungen des Verbandes für die Erdbebenopfer gesammelt und ein Totengebet in Abwesenheit für die Toten verrichtet. Innerhalb weniger Stunden war der Freitag bundesweit umprogrammiert, samt einer Erweiterung der gottesdienstlichen Ordnung.
Die DITIB verlas vier Tage nach dem Beben eine Freitagspredigt mit dem Titel „Unser Leid ist groß!“, die von nichts anderem handelt. Sie beginnt mit dem Vers über die Prüfung durch Furcht, Hunger und Verlust, sie zählt die Tage seit dem Montag, sie benennt die eingestürzten Häuser, die Toten und die Obdachlosen, und sie mündet in den Aufruf zur verbandseigenen Hilfskampagne.
Der Verbandsapparat kann also kurzfristig, wenn er denn will. Er kann seine laufende Arbeit an der bevorstehenden Predigt unterbrechen, binnen vier Tagen einen neuen Text verfassen, ihn in alle Gemeinden ausspielen und den Gottesdienst des Freitags um ein Totengebet erweitern. Was er im Juli 2026 nach dem Anschlag in Berlin nicht getan hat, hat er nicht etwa nicht gekonnt. Er hat es nicht gewollt.
Wer die beiden Predigten nebeneinanderlegt, findet noch etwas anderes. Der Text von 2023 spricht von dem Beben, das sich „in unserer schönen Heimat, der Türkei“ ereignet habe. Er dankt der deutschen Regierung und „allen unseren deutschen Nachbarn“, die an dem Kummer „partizipieren”. Er endet mit den Worten „Unserem Volk ein herzliches Beileid“. Die Heimat liegt in Anatolien, das Volk ist türkisch, und Deutschland kommt als Nachbar vor. Derselbe Verband trauert also schnell, ausführlich und von der Kanzel, wenn das Unglück die Türkei trifft und schweigt, wenn es in Berlin geschieht. Das hat nichts mit organisatorischen Versäumnissen zu tun. Das ist die Geografie der Fremdheit.
Und das ist die religiöse Bildung am wichtigsten Tag der muslimischen Woche, von der die Rede ist, wenn Özvatan gemeindliche Bildung als Extremismusprävention beschreibt. Kein Wort über die Vielfalt islamischer Auslegungen, sondern ein zentral erstellter Text, bei dessen Themensetzung die Verfasser mindestens nach Ankara schielen, wenn er nicht gleich von dort übernommen wird und der dann in den Gemeinden verlesen wird, die sich als türkische Enklave in der deutschen Fremde fühlen sollen und in der dieses fremde Deutschland schlicht nicht vorkommt.
Auf die Frage, ob die Gemeinden für Präventionsarbeit finanziell ausgestattet seien, antwortet Özvatan mit einem klaren Nein und verweist stattdessen auf die Kraft des Ehrenamts und die intrinsische Motivation der Gemeinden. Ich halte diese Motivation für echt. Sie trägt die Last nur nicht, die ihr hier aufgeladen wird. Die Ehrenamtlichen organisieren Nachhilfe, Trauerbegleitung und Bestattungen und sie sind mit der Erwartung, öffentlich eine Ideologie einzuordnen, überfordert. Sie verlassen sich darauf, dass ihre Dachverbände das übernehmen. Dieselben Dachverbände weisen den Begriff Islamismus aber seit Jahren zurück. Die Präventionsarchitektur, die hier beschworen wird, ruht auf Freiwilligen, denen ihre eigenen Verbände die Sprache verweigern, in der Prävention überhaupt formuliert werden müsste.
Der Satz, auf dem alles ruht
Am aufschlussreichsten ist das Ende des Radiogesprächs, weil Özvatan dort selbst ausspricht, was seinem Argument den Boden entzieht. Die Moderatorin fragt nach jenen Gemeinden, in denen Homosexualität als Sünde gepredigt oder das Thema vollständig tabuisiert wird und ob solche Gemeinden die richtigen seien, um junge Menschen von einer Ideologie wie der des Attentäters abzubringen. Özvatan antwortet, die Ambivalenz liege im Vertrauen. Dasselbe Vertrauen, das den gefährdeten Jugendlichen erreichbar macht, wirke auch in die andere Richtung. Wer liberale Inhalte in eine nicht liberale Gemeinde trage, bekomme dort zu hören, es gebe nur eine Auslegung des Islam.
Das ist doch aber die monistische Auslegung, gegen die die Gemeinde nach seiner eigenen Darstellung schützen soll, hergestellt von der Gemeinde selbst, mit demselben Mechanismus, den sie angeblich am besten bekämpft. Özvatan sieht es und er benennt es. Und dann räumt er es mit einem einzigen Schlusssatz beiseite: Im größeren Bild sei die Mehrheit der Gemeinden nicht illiberal, sondern gebe liberale Ansichten und vielfältige Auslegungen mit auf den Weg.
Auf diesem Satz ruht seine gesamte Konstruktion; und er hat zwei Fehler – um nicht zu sagen: er ist nicht wahr.
Zunächst beantwortet er die gestellte Frage nicht. Gefragt war nach Gemeinden, die das Thema tabuisieren. Özvatan antwortet mit der Behauptung von Vielfalt. Tabuisierung ist aber nicht die schwächere Form von Vielfalt, sondern deren Gegenteil. Wo über eine Frage nicht gesprochen wird, wird keine vielfältige Auslegung weitergegeben, sondern die Selbstverständlichkeit, dass es nichts zu besprechen gibt. Das Schweigen ist die monistische Auslegung in ihrer wirksamsten Form, weil es nicht einmal als Position auftritt, gegen die sich etwas einwenden ließe. Wer als queerer Mensch nur um den Preis der Unsichtbarkeit zur Gemeinde gehören darf, gehört nicht zur Gemeinde. Er befindet sich nur in einer Moschee.
Zweitens: Für diesen Satz gibt es keinen Beleg. Über die Verteilung religiöser Haltungen unter den Gemeinden gibt es – meiner Kenntnis nach – keine Erhebung. Über die Verteilung unter den Gläubigen gibt es eine – siehe oben – und in ihr sind die Nachsichtigen zwar die größte Gruppe, aber keine Mehrheit.
Was es gibt, ist ein Dokument, das die Verbände Woche für Woche selbst herstellen und öffentlich zugänglich machen und das ist die Freitagspredigt. Wer wissen will, welche Auslegungen dort weitergegeben werden, muss sie nur lesen. Was in der Woche nach dem Anschlag darin stand, habe ich oben beschrieben. Und wer in die Texte der vergangenen Jahre schaut, findet darin – gottlob – keine extremistischen Botschaften, aber sehr wohl das an der aktuellen Predigt beschriebene Muster des sprachlichen und inhaltlichen Türkeibezugs. Angesichts der politischen Entwicklungen in der Türkei wage ich zu bezweifeln, dass dieser Bezug ein Präventionspotenzial gegen Radikalisierung darstellt. Die Auswirkungen dieses Bezugs, etwa nach dem Anschlag der Hamas am 7. Oktober 2023, deuten vielmehr in die andere Richtung.
Die zweite Ausweichbewegung
Dieselbe Ausweichbewegung findet sich im „Freitag“ an anderer Stelle. Auf die Frage nach der Queerfeindlichkeit im Islam antwortet Özvatan, es gebe queerfeindliche Auslegungen, zugleich sei Queerness im Islam historisch verwurzelt, in Dichtung, Mystik und gelebter Praxis über Jahrhunderte. Das ist vermutlich richtig und ich will es gar nicht bestreiten. Es beantwortet nur wieder eine andere Frage als die gestellte. Was in einer Überlieferung von vierzehn Jahrhunderten verfügbar ist, sagt nichts darüber, was in einer Kölner Gemeinde im Jahr 2026 weitergegeben wird. Der queere Muslim, der sich fragt, ob seine Gemeinde um die Tote des Anschlags trauert, hat von dieser historischen Verfügbarkeit nichts, weil niemand in der Freitagspredigt aus den Werken der Dichter liest, auf die sie sich stützt. Und auch im Gemeindealltag kommt von dieser historischen Verfügbarkeit nichts an. Die Überlieferung enthält vieles. Entscheidend ist, was aus ihr hier und heute geschöpft wird.
Die Behauptung von der liberalen Mehrheit der Gemeinden wäre prüfbar. Sie wird nur nicht geprüft, weil das Ergebnis für alle Beteiligten unbequem werden könnte. Ich habe 16 Jahre in muslimischen Organisationen gearbeitet, ehrenamtlich in Gemeinden und Landesverbänden, hauptamtlich im Bundesverband und als Koordinator der Landesverbände im gesamten Bundesgebiet und in Koordinierungsgremien der größten Dachverbände. Wenn dort liberale Ansichten und vielfältige Auslegungen weitergegeben würden, hätte ich es bemerkt.
Ich habe das Gegenteil bemerkt, und ich habe erlebt, was mit denen geschieht, die auf die Vielfalt hinweisen. Ich kenne die internen Positionspapiere zum Thema Homosexualität. Ich weiß, wie die Verantwortlichen selbst erkennen, dass diese Papiere besser nie an die Öffentlichkeit kommen und ich habe gesehen, wie ihre Verfasser dennoch weiter die Karriereleiter erklimmen und in Positionen befördert werden, in denen sie noch mehr Macht über das religiöse Wissen bekommen, das in den Gemeinden weitergegeben wird.
Meine Erfahrungen sind natürlich keine wissenschaftliche Empirie. Aber vor dem Hintergrund dieser nicht unerheblichen Erfahrungen klingt der Satz von der liberalen und vielfältigen Mehrheit der Gemeinden einfach nicht glaubwürdig.
Wer den Satz von der liberalen Mehrheit sagt, beschreibt nicht die Gemeinden. Er beschreibt, wie sie sein müssten, damit der Rest seines Arguments trägt.
Der Hinterhof
Dass dieser Satz so wenig Widerspruch findet und in diesen Tagen von muslimischen Stimmen in immer neuen Formulierungen wiederholt wird, hat mit der Erzählform zu tun, in der über Moscheegemeinden gesprochen wird. Özvatan lässt sie im Radio in einem Nebensatz fallen. Die wertvolle Arbeit der Gemeinden bleibe unsichtbar, weil sie nicht richtig Teil der Öffentlichkeit seien. Sie seien über Jahrzehnte in die Hinterhöfe geschoben worden und dort finde diese Arbeit eben statt.
Das Bild des Hinterhofs kenne ich, es steht auch in meinem Buch. Ich benutze es dort nur in der anderen Richtung. Ich beschreibe, wie die größten Moscheeverbände dieses Landes in einer selbstgewählten Entfremdung verharren und ihren Glauben als Grundlage einer nationalen Identität und einer kategorischen Fremdheit gegenüber diesem Land leben. Man kann, schreibe ich dort, die Funktionäre aus den Hinterhöfen holen und in repräsentative Moschee- und Bürokomplexe setzen. Aber man kann den gedanklichen Hinterhof nicht aus den alten Funktionären herausholen. Heute muss ich weiter gehen. Dieser gedankliche Hinterhof ist an die nächste Generation vererbt worden und sie befestigt ihn ideologisch massiver, als die alten es taten. Die deutsche Gesellschaft wird aus diesem ideologischen Hinterhof heraus betrachtet und zunehmend als Zumutung für Muslime beschrieben. Auch das ist das Gegenteil wirksamer Prävention gegen Radikalisierung.
Özvatan und ich benutzen dasselbe Bild, er meint vermutlich sogar den konkreten Ort, aber wir benutzen einen anderen Satzbau. Bei ihm werden die Gemeinden dorthin „geschoben“. Bei mir verharren sie ideologisch darin. Der Unterschied ist nicht stilistischer Natur. Wer im Passiv erzählt, hat die Zuständigkeit schon vergeben, noch bevor seine Analyse anfängt. Dann liegt das Problem nämlich darin, dass die Gesellschaft nicht hinsieht und die Lösung darin, dass sie hinsehen und fördern soll. Aus dieser Haltung entstehen Fragebögen, in denen die Fragen an Moscheeverbände schon so formuliert sind, dass jede Gemeindeaktivität als Präventionsmaßnahme verbucht werden kann. Wer im Aktiv erzählt, landet bei der Frage, was die Gemeinden in den vergangenen Jahrzehnten mit sich selbst gemacht haben. Die ist unangenehmer, weil sie an uns Muslime adressiert ist.
Ich bestreite ausdrücklich, dass Ausgrenzung erklärt, warum in muslimischen Gemeinden über den Umgang mit queeren Menschen nicht gesprochen wird. Kein einziges Mal, weder in einer Hinterhofmoschee noch im prachtvollen Neubau im Zentrum der Stadt, habe ich erlebt, dass eine Gemeinde oder ein Dachverband dieses Gespräch von sich aus geführt hätte, ohne äußeren Anlass, ohne Anfrage, ohne Anschlag. Dafür braucht es keinen Vorderhof und kein Förderprogramm. Es braucht die Entscheidung, es besprechen zu wollen. Sie ist nie getroffen worden.
Der Grund dafür liegt auch in einer anderen persönlichen Beobachtung während meiner 16 Jahre in den Verbandsstrukturen. Es gibt zwei Themen, bei denen selbst reaktionäre Verbandsfunktionäre Angst vor der eigenen Gemeindebasis haben: Antisemitismus und Homosexualität. Und dabei geht es keineswegs um die Angst vor liberalen Ansichten oder vor einer großen Vielfalt religiöser Auslegungen bei diesen Themen.
Was daraus folgt
Es gibt einen Unterschied zwischen der Aussage, dass muslimische Gemeinschaften Teil der Lösung sein müssen und der Aussage, dass sie es bereits sind. Die erste ist richtig und verlangt etwas von uns Muslimen. Die zweite ist bequem und verlangt gar nichts. Wer die zweite sagt, wenn er die erste meint, macht aus einer richtigen Aufgabe eine falsche Zustandsbeschreibung.
Ich kann verstehen, warum sie so gerne gesagt wird. Sie entlastet alle gleichzeitig. Die Verbände bekommen bestätigt, was sie ohnehin über sich denken und wie sie öffentlich gesehen werden wollen. Politik und Verwaltung bekommen einen Adressaten, mit dem sich Programme und Verträge aufsetzen lassen, ohne dass jemand deren Inhalte lesen muss. Die Forschung bekommt eine Position, die sich klar gegen rechts abgrenzen lässt, ohne in die Gemeinden hineingehen und dort etwas Unbequemes finden zu müssen. Die Kirchen bekommen „gute Dialogpartner“, bei denen sie nicht näher hingucken müssen. Und wir Muslime bekommen die Nachricht, dass wir schon Teil der Lösung sind, was uns jede Zumutung erspart. Ein Argument, das so vielen so viel Arbeit abnimmt, verdient unser aller Misstrauen.
Denn der Preis dafür ist hoch. Wenn Moscheegemeinden und ihre Dachverbände nach jedem Anschlag reflexhaft zur funktionierenden Präventionsinstanz erklärt werden, ohne dass jemand nachsieht, was dort tatsächlich geschieht, dann werden sie als Präventionsinstanz verspielt. Denn nachsehen wird irgendwann jemand. Es wird vermutlich nicht wohlwollend geschehen und dann kommt diese Wunschvorstellung mitsamt allem, was an ihr richtig war, unter die Räder.
Die vorliegenden Befunde, die ich oben beschrieben habe, sagen nicht, dass Glaube gefährlich ist. Sie sagen, dass es darauf ankommt, welches Glaubensverständnis vermittelt wird. Zwischen einer Gemeinde, in der man lernt, dass andere Auslegungen des Islam ihre Berechtigung haben und wertvoll sind und einer, in der man lernt, es gebe nur eine, es gebe einen „objektiven Islam“, liegt keine Frage der Frömmigkeit. Es ist eine Frage der Haltung gegenüber allen anderen. Diese Haltung wird in den Gemeinden gebildet. Sie ist der eigentliche Gegenstand religiöser Bildung und der einzige Grund, aus dem religiöse Bildung präventiv wirken könnte.
Ich hätte gerne, dass das Argument stimmt. Ich habe viele Jahre in diesen Strukturen verbracht, mich für ihre Anerkennung als Religionsgemeinschaften eingesetzt und kein Interesse daran, dass sie sich als wirkungslos erweisen. Die Moscheegemeinde kann das Wirksamste sein, was wir gegen Radikalisierung haben. Kann. Sie wird es indes nicht dadurch, dass man es nur behauptet. Und schon gar nicht dadurch, dass man behauptet, sie sei es bereits. Wir sind weit davon entfernt und wir bewegen uns gerade zügig in die andere Richtung.