Vor Zeugen – 3 Jahre nach dem 7. Oktober

Am 16. Oktober 2023, also neun Tage nach dem Massaker der Hamas in Israel, empfing der Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei, Nathanael Liminski, vier muslimische Verbände aus Nordrhein-Westfalen. Am Ende des Treffens stand eine gemeinsame Erklärung. Unterzeichnet haben sie die Landesverbände der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), des Verbandes der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) und des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) sowie die Islamische Religionsgemeinschaft Nordrhein-Westfalen (IRG NRW), die dem Islamrat und damit der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) zuzuordnen ist. Die „Gräueltaten der Hamas gegen die israelische Bevölkerung“ seien „uneingeschränkt zu verurteilen“, heißt es dort. Man werde nicht zulassen, „dass die terroristischen Angriffe der Hamas auf unseren Straßen bejubelt oder auch nur relativiert werden“.

Nur vier Tage später trat der VIKZ aus dem Koordinationsrat der Muslime (KRM) aus, den er 2007 mitgegründet hatte. Einen Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg hat der Verband bestritten, es hieß lediglich, er wolle seine Neutralität bewahren. Der Eindruck eines Zusammenhangs drängt sich trotzdem auf, insbesondere wenn man sich die Ereignisse der darauffolgenden Monate näher ansieht. Im Juli 2024 machte ein türkischer Journalist öffentlich, dass auch die DITIB diese Düsseldorfer Erklärung mitgetragen hatte. Eine Woche darauf erklärte der Bundesvorsitzende der DITIB, Muharrem Kuzey, in einem türkischsprachigen Interview, der Anstoß sei vom Vertreter der Süleymancılar gekommen, der Gemeinschaft also, auf die der VIKZ zurückgeht. Der vorgelegte Text sei „sehr hart“ gewesen. Vom Unrecht, das die Palästinenser erleiden, sei darin überhaupt keine Rede gewesen. Die Süleymancılar stehen in der Türkei seit August 2026 im Visier der Justiz, ihr Anführer sitzt in Untersuchungshaft. Im September 2026 schließlich wird dem VIKZ in türkischen Medien vorgehalten, er habe damals um getötete Israelis getrauert und für Israelis gebetet.

Ein Satz der Anteilnahme, im Regierungsgebäude eines deutschen Bundeslandes unterschrieben, hat also eine Geschichte, die über den Moment der Unterzeichnung hinausgeht. Solange er auf Deutsch in einer Pressemitteilung stand, blieb er folgenlos. Zum Problem wurde er allerdings, als das türkischsprachige Publikum ihn zur Kenntnis nahm. Drei Jahre später gilt die Trauer um israelische Tote dort als Vorwurf, mit dem man andere diskreditieren kann.

Vor diesem Hintergrund pauschal von einer Radikalisierung muslimischer Gemeinschaften zu sprechen, greift zu kurz. Zu kurz deshalb, weil das eine unpräzise und lückenhafte Analyse wäre. Denn in diesen drei Jahren hat sich der Judenhass in meinen muslimischen Gemeinschaften kaum verändert. Verändert hat sich aber, wo er gesagt werden kann und was denen widerfährt, die ihm widersprechen. Das Publikum, vor dem er früher verstummte, weil Judenhass als etwas Anstößiges galt, ist verschwunden. Und das ist nicht allein der „Erfolg“ muslimischer Antisemiten.

Die letzte Rücksicht

Am Morgen des 7. Oktober 2023 liefen die ersten Nachrichten über den Bildschirm. Ich hatte das Gefühl, dass dies auch für muslimische Organisationen ein Moment ist, in dem man eingeübte Reflexe zurückstellen muss. Man kann über die Eigenstaatlichkeit der Palästinenser und über die israelische Regierungspolitik sehr unterschiedlicher Meinung sein. An diesem Morgen war jedoch etwas so Grausames geschehen, dass man meinen müsste, es könne zunächst nur eine Reaktion zulassen, nämlich das Entsetzen. Ich hatte die Hoffnung, dass die öffentlichen Stimmen meiner muslimischen Gemeinschaften dies erkennen werden und entsprechend reagieren. Diese Hoffnung hat nicht lange gehalten.

Denn diese Reaktion ist in weiten Teilen unserer Gemeinschaften ausgeblieben. Es gab an diesem Tag lachende Emojis, doppeldeutige Grüße zu einem schönen Morgen, Bittgebete für einen Erfolg, den niemand genauer benennen wollte, von dem aber alle ahnten, was gemeint ist. Ein Massenereignis war das sicher nicht. Es war punktuell, aber es fand sich im gesamten Spektrum, unabhängig von Verband, Herkunft und politischer Ausrichtung.

Je deutlicher in den folgenden Tagen wurde, welches Morden in den Kibbuzim und auf dem Festivalgelände stattgefunden hatte, desto sichtbarer wurde in den Verbänden eine Rhetorik der Krisenbewältigung. Die Krise, die dort bewältigt wurde, war das Bild der palästinensischen Sache. Die Frage lautete, wie sich die gewohnten Muster der Nahost-Rhetorik noch einmal abspielen lassen, ohne angesichts des Grauens herzlos zu wirken. Die Antwort sind die Sätze, die wir seither alle kennen. Der 7. Oktober habe eine Vorgeschichte. Man müsse sich ansehen, was davor geschehen sei. Gewalt sei auf allen Seiten zu verurteilen. Der Generalsekretär der IGMG sprach gut zwei Wochen nach dem Massaker von Terroranschlägen der Hamas und lehnte jede Form von Gewalt und Terror ab. Danach folgte ein Satz, der zur Sprachregelung dieser Wochen passte. Für seinen Verband sei Unrecht immer Unrecht, von wem es auch ausgehe und gegen wen es sich richte. Das war meinem Empfinden nach nichts anderes als eine Chiffre dafür, dass am 7. Oktober nichts geschehen war, was sich aus der blutigen Geschichte des Nahostkonflikts in irgendeiner Weise hervorhebt. Eine Chiffre für die „Kontextualisierung“, mit der der 7. Oktober als schlüssige Folge eines Unrechts verstanden wird, das den Palästinensern zuvor widerfahren ist. Das war eine Relativierung in den Worten der Verurteilung.

In diesen frühen Wochen unmittelbar nach dem 7. Oktober wurde in den muslimischen Verbänden noch abgewogen. Wer überlegt, wie etwas wirkt, rechnet mit Zeugen der Anklage für seine Worte. Es war die letzte Rücksicht dieser Art.

Die Kantine

Vor dem 7. Oktober 2023 war der Judenhass unter uns Muslimen eher eine Sache der Lautstärke. Es gab ihn im Halbsatz, in der Chiffre, im Sprichwort, in der beiläufigen Verwendung von „Jude“ als Schimpfwort, die im Arabischen und im Türkischen eine eigene Formensprache hat. Er hatte bestimmte Orte. Und diese Orte waren nach innen gerichtet. Ich habe das vor fünf Jahren in meinem Buch beschrieben, als Vorwurf an die muslimischen Funktionäre, die morgens auf interreligiösen Podien „das Loblied des friedlichen Zusammenlebens anstimmen, um am Mittag desselben Tages in der Verbandskantine auf ‚Kreuzzügler‘ und ‚Zionisten‘ zu schimpfen“. Das war keine Metapher, sondern eine Erfahrung.

Diese Erfahrung beschreibt eine Heuchelei. Sie beschreibt aber auch eine Abwägung. Die ist für den Rückblick auf die drei Jahre nach dem 7. Oktober der gesamtgesellschaftlich interessantere Teil. Wer mittags in der Kantine anders redet als morgens auf dem Podium, weiß, dass die Kantine keine kritische Öffentlichkeit hat. Er kennt die Grenze, hinter der solche Sätze Folgen haben. Und er hält sich an sie, weil er für das Überschreiten dieser Grenze Konsequenzen fürchtet.

Diese Grenze war indes nie eine moralische. Sie verlief vielmehr dort, wo die richtigen und die falschen Zeugen ausgemacht wurden. Solange auf dem Podium die falschen Zeugen zuhörten und in der Kantine die richtigen, blieb der Judenhass in der Kantine. Damit war er nicht kleiner. Er war aber leiser.

Die unbewegte Zahl

Wer diesen Zusammenhang bestreitet, muss erklären, warum die Einstellungen sich kaum bewegt haben. Sarah Demmrich, Detlef Pollack, Olaf Müller und Gergely Rosta haben eine Befragung ausgewertet, die im Juli 2023 begann und bis April 2024 lief. Der 7. Oktober fiel mitten in die Erhebung. So ließ sich vergleichen, wie Muslime in Deutschland vor und nach dem Massaker auf dieselben Fragen antworteten. Die starke Zustimmung zu traditionellen antisemitischen Aussagen stieg von 30 auf 35 Prozent, die zu israelbezogenen sank von 23 auf 19 Prozent. Die Autoren sprechen von Veränderungen, die messbar, aber nur marginal sind.

Diese Zahlen sind für beide Lager der gesellschaftlichen Debatten unbrauchbar. Wer die Radikalisierung von Muslimen belegen will, findet fünf Prozentpunkte dort, wo er die Explosion erwartet hat, und ausgerechnet beim israelbezogenen Antisemitismus einen Rückgang. Wer sie entlasten will, findet einen traditionellen Judenhass, den selbst das Massaker und der Beginn des Krieges in Gaza nur am Rand verschoben haben.

Wenn sich schon unter dem unmittelbaren Eindruck des Massakers so wenig bewegt hat, ist das, was sich in drei Jahren verändert hat, kaum in den Köpfen zu suchen. Es ist am vorderen Rand der Köpfe zu suchen, an der Stelle, an der ein Gedanke entscheidet, ob er den Mund verlässt. Genau dort ist etwas passiert, und zwar außerhalb unserer muslimischen Gemeinschaften ebenso wie in ihnen.

Erwartung und Bitte

Am 21. November 2023 tagte die Deutsche Islam Konferenz (DIK) im Bundesministerium des Innern in Berlin. Die damalige Bundesinnenministerin formulierte dort eine Erwartung an die muslimischen Verbände, so deutlich wie sonst niemand in diesen drei Jahren. „Es ist auch an den islamischen Gemeinschaften und Verbänden in Deutschland, sich laut und deutlich gegen Antisemitismus auszusprechen und Terrorismus zu verurteilen.“ Sie nannte die Orte, an denen sie das erwartete. „In den Freitagsgebeten, in den Gemeinden, auf Veranstaltungen oder auf den eigenen Social-Media-Kanälen.“ Sie benannte auch den Ausweg, den sie offenbar bereits kommen sah. „Es reicht nicht, eine Synagoge zu besuchen und sich dort gegen Terror und Antisemitismus zu stellen, ohne das auch in die Moscheen und Gemeinden hinein zu kommunizieren und online zu verbreiten.“

War das nun eine Erwartung der Ministerin an die muslimischen Gemeinschaften? Oder bloß eine diplomatische Bitte, die mehr für die Ohren der Öffentlichkeit formuliert wurde als für die Ohren der Teilnehmer der DIK? Eine Erwartung hat Folgen, wenn sie enttäuscht wird. Alles andere ist eine unverbindliche Bitte ohne jede Konsequenz. Nach diesem Maßstab hat die deutsche Religionspolitik in drei Jahren keine einzige Erwartung an die muslimischen Verbände formuliert. Mir ist kein Fall bekannt, in dem das Ausbleiben einer deutlichen Predigt, einer türkischsprachigen Erklärung oder eines Gebets für die Geiseln Folgen für eine Kooperation oder eine Einladung gehabt hätte.

Naivität ist dafür eine zu freundliche Erklärung. Die nüchternere lautet, dass der Staat auf die Verbände angewiesen ist, und zwar auf bestimmte Rollen, die diese spielen. Er braucht sie als Religionsgemeinschaft für den Religionsunterricht, für Staatsverträge und für die Seelsorge in Gefängnissen und Krankenhäusern. Er braucht sie als Gesprächspartner und als Stimme, die sich nach einem Anschlag vor die Kamera stellt. Ich habe vor wenigen Wochen beschrieben, wie diese Rollen einander widersprechen. Wer einen Verband für den Religionsunterricht braucht, fragt ungern nach der Rolle, die derselbe Verband gegenüber seiner Basis spielt, nämlich der Rolle der identitären Wagenburg, in der Schutz vor den Zumutungen der deutschen Gesellschaft geboten wird. Er übersieht sie bewusst, weil die Frage die Zusammenarbeit belasten würde.

Auf der anderen Seite des Tisches kommt eine Haltung hinzu, die ich aus meiner Zeit bei der DITIB und aus dem dortigen Kontakt zu den unterschiedlichen muslimischen Verbänden kenne. Viele Funktionäre waren meinem Eindruck nach davon überzeugt, sich auf diese Gesellschaft nicht einlassen zu müssen. Rücksicht auf die Verhältnisse hier hielten sie für entbehrlich. Die entscheidenden Fragen, so ihre Vorstellung, klären ohnehin die Regierungen in Berlin und Ankara miteinander, der Verband setzt das Ergebnis um. Wer so denkt, braucht keine eigene Wirksamkeit und keinen Sinn für die Bedingungen des Zusammenlebens in Deutschland. Ein Appell der Bundesinnenministerin ist aus dieser Sicht eine Wortmeldung auf der falschen Ebene und nichts, auf das man im Verbandsvorstand in Köln wirklich reagieren muss.

Die Verbände haben das schnell verstanden. Sie haben den Appell weder zurückgewiesen noch erfüllt. Sie haben abgewartet und waren sich sicher, dass die kritische Nachfrage nach dem Grund ihres Unterlassens ausbleiben würde. Für den Ausweg, den die Ministerin damals benannte, mussten sie nicht einmal etwas erfinden. Sie mussten ihn nur gehen, und zwar in beide Richtungen, den Synagogenbesuch nach außen und das Schweigen nach innen.

Zwei Publika

Nach außen bleibt das Schweigen folgenlos. Nach innen jedoch hat jedes Wort Folgen. Zwischen diesen beiden Publika fallen alle Entscheidungen der muslimischen Verbände. Sie fallen fast immer zugunsten des inneren Publikums.

Ich habe diese Abwägung lange vor dem 7. Oktober kennengelernt. In meiner Zeit im KRM ging es einmal um eine Geste der Solidarität mit den Juden in Deutschland. Ein Funktionär – damals noch geübt in großen öffentlichen Gesten – lehnte im inneren Zirkel der muslimischen Funktionäre entschieden ab: „Ich lasse mich doch nicht vor Israel-Fahnen fotografieren. Das kann ich meiner Basis nicht erklären.“

Ein solcher Satz beschreibt eine Abwägung, die sich nach dem 7. Oktober wiederholt hat. Im Januar 2025 habe ich an dieser Stelle festgehalten, dass die Verbände kurz nach dem 7. Oktober die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Basis kein Verständnis für das selbst zögerlich vorgetragene Mitgefühl mit den Opfern der Hamas hatte. Diese Erfahrung besteht aus Protestanrufen, aus Kommentarspalten, aus Schmähungen in den Gemeinden. Die Verbände sind sich der gesamtgesellschaftlichen Erwartung, Klarheit zu zeigen, durchaus bewusst. Sie fürchten aber den Gegenwind der eigenen Basis mehr.

Die Düsseldorfer Erklärung zeigt, wie genau diese Abwägung arbeitet. Der Satz über die Gräueltaten der Hamas ist in keiner Sprache inhaltlich falsch. Folgen hatte er aber nur in einer und war selbst neun Monate später noch gegenüber einem türkischsprachigen Publikum erklärungsbedürftig.

Ein weiteres, aktuelles Beispiel für diese Abwägung: Im Sommer 2026 hat die DITIB ihre Verurteilung des Anschlags auf den Berliner Christopher Street Day nur auf ihre deutschsprachige Webseite gestellt. Auf der türkischsprachigen Seite fehlt sie bis heute. Vor wem ein Satz verborgen bleiben soll, erkennt man bei den muslimischen Verbänden daran, in welcher Sprache er fehlt. Das Nachrichten-Archiv der DITIB hat zum Zeitpunkt, in dem ich diesen Text verfasse, 941 Nachrichten in deutscher Sprache. In der türkischsprachigen Version desselben Archivs sind es 1562 Nachrichten. Beide Archive umfassen nahezu denselben Zeitraum. In türkischer Sprache hat die DITIB also deutlich mehr zu sagen als auf Deutsch, aber die Verurteilung des CSD-Anschlages gehört nicht dazu.

Ebenso zuverlässig hat in unseren Gemeinschaften der Widerspruch Folgen. Im Oktober 2023 wurde mein Plädoyer für Meinungsvielfalt in Glaubensfragen unter dem Titel „Liberaler Extremismus“ verbreitet und mit dem Extremismus von Mördern in eine Reihe gestellt. Es folgten „Hausmuslim“, der Vorwurf der Staatstreue und im Herbst 2025 eine Kampagne gegen drei öffentliche muslimische Stimmen, die für ein friedliches Zusammenleben von Muslimen und Juden in Deutschland eingetreten sind. Drei öffentliche Stimmen unter etwa fünf Millionen Menschen.

Damit hat sich das Verhältnis umgekehrt. Eine antisemitische Äußerung bleibt in unseren muslimischen Gemeinschaften folgenlos und bringt an mancher Stelle sogar offene Anerkennung. Wer sie hingegen kritisiert, verliert die Zugehörigkeit. Wer den Judenhass in den eigenen Reihen benennt, verhandelt anschließend über seine vermeintlich zwielichtige Finanzierung, seine angeblich niederträchtigen Motive und sein Muslimsein. Über den Judenhass redet in dieser Zeit niemand mehr.

Auf diese Konstruktion sind wir auch noch stolz und nennen sie seit drei Jahren Standhaftigkeit.

Der erste Impuls

Die entscheidende Veränderung lag aber nicht bei uns Muslimen. Sie kam im Wesentlichen mit drei Impulsen.

Ich habe kurz nach dem Massaker in einem Interview einen Satz gesagt, den ich damals für eine Randbemerkung hielt. „Ich erinnere aus meiner eigenen Jugend in den 1980er Jahren, dass Karrieren sehr schnell ein Ende gefunden haben, wenn man Antisemitismus öffentlich artikuliert hat. Über dieses Tabu sind wir längst hinweg. Heute beschert das Wahlerfolge.“ Der Satz war als Vorwurf an die Mehrheitsgesellschaft gedacht. Er beschreibt inzwischen aber die gesellschaftliche Rahmenbedingung, unter der bei uns in den muslimischen Gemeinschaften geredet wird.

Im Juni 2026 hat der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) seinen Jahresbericht für 2025 vorgelegt. 8.725 dokumentierte Vorfälle, im Schnitt vierundzwanzig an jedem Tag des Jahres. 178 Angriffe, 257 Bedrohungen, vier Fälle extremer Gewalt. Bei 68 Prozent der Vorfälle war der Bezug auf Israel das Motiv. 807 Vorfälle ordnet der Bericht dem rechtsextremen Spektrum zu, den höchsten Wert seit dem Beginn der bundesweiten Erhebung im Jahr 2020. Sie stammen aus einem Milieu, das mit dem Islam nichts zu tun hat. Dieses Milieu hat in Deutschland mittlerweile eine parlamentarische Vertretung, die bei Wahlen zulegt. Ein junger Muslim, der wissen will, welche Folgen ein antisemitischer Satz in diesem Land heute hat, muss dafür keine Studie lesen. Er sieht sich einfach um.

Er sieht sich um und lernt, dass die Schwelle gesunken ist. Für ihn wie für alle anderen. Wer das Absinken einer gesellschaftlichen Hemmschwelle nur für ein Problem der Rechten hält, hat nicht vollständig verstanden, was gerade passiert. Denn eine Hemmschwelle ist ein öffentliches Gut. Sie schützt auch die, die sie nicht verteidigen. Und sie fällt für alle zugleich.

Der zweite Impuls

Soziale Straflosigkeit allein erklärt aber nur das Schwinden der Vorsicht. Was in den Monaten nach dem 7. Oktober geschah, ging darüber hinaus. Aus einem Satz, für den man sich früher einen unbeobachteten Raum suchte, wurde ein Satz, für den man öffentlich Beifall bekam.

Dieser zweite Impuls kam aus einer ganz anderen Richtung. Er kam aus einem Milieu, das sich als das Gegenteil des rechten versteht, aus Hochschulen, aus Kulturbetrieben, aus der palästinasolidarischen Szene. Er kam in Gestalt eines Vokabulars, das den Judenhass in eine Haltung übersetzt, die sich ausdrücklich als moralische Haltung verstanden wissen will. Wer aber „Zionist“ sagt, meint oft „Jude“ und muss das nie zugeben. Wer „Genozid“ ruft, hat das Massaker vom 7. Oktober nachträglich in einen Akt der Notwehr verwandelt. Wer „Nie wieder Staatsräson“ auf ein Transparent schreibt, hat sich die knappste Formel deutscher Verantwortung angeeignet und gegen ihren Gegenstand gewendet. Im Oktober 2024 hat ein Landesparteitag der Berliner Linken einen Antrag gegen Antisemitismus so lange umgeschrieben, bis auch die Feststellung gestrichen war, dass Hamas und Hisbollah keine Befreiungsbewegungen sind. Die Mehrheit stieß sich am Begriff des eliminatorischen Antisemitismus, der im selben Satz stand. Die Feststellung über Hamas und Hisbollah verschwand mit ihm.

Damit war die gesellschaftliche Lage für einen jungen Muslim mit einer antisemitischen Überzeugung eine völlig neue. Früher musste er sie verstecken oder als Kritik tarnen. Jetzt konnte er sie aussprechen und dafür als politisch bewusster Mensch gelten. Die Verbands-Kantine war als Safe Space für Judenhass gar nicht mehr nötig. Das öffentliche Podium war dafür die viel bessere Bühne.

Wer die Radikalisierung der letzten drei Jahre beschreiben will, sollte genau hier ansetzen. Die antisemitische Überzeugung war – überall, auch in der Mehrheitsgesellschaft – immer vorhanden. Neu ist die gesellschaftliche Belohnung.

Der dritte Impuls

Für die türkeistämmigen Muslime in Deutschland kam ein dritter Impuls hinzu. Er kam von ganz oben. Am 25. Oktober 2023, neun Tage nach der oben beschriebenen Düsseldorfer Erklärung, sagte der türkische Staatspräsident vor der Fraktion seiner Partei im Parlament in Ankara einen Satz, der die Lage für die türkisch geprägten Verbände in Deutschland geklärt hat. „Die Hamas ist keine Terrororganisation. Sie ist eine Gruppe der Befreiung und der Mudschahedin, die für den Schutz ihres Bodens und ihrer Heimat kämpft.“

Für die DITIB ist dieser Satz keine Meinung unter vielen. Ihre Führungsebene wird von der türkischen Religionsbehörde besetzt, in ihren Predigten achtet sie penibel darauf, Ankara nicht zu widersprechen, und die Diyanet, von der sie faktisch gesteuert wird, ist dem Präsidialamt zugeordnet. Ein Verband in dieser Lage kann die Hamas nicht eine Terrororganisation nennen, gleichgültig, was seine Funktionäre im Einzelnen denken mögen. Ich fürchte allerdings, dass es an dieser Stelle zwischen Ankara und Köln und vielen in den Gemeinden keinen großen Dissens gibt.

Der Satz vom 25. Oktober hat seine Wirkung auch deshalb entfalten können, weil er in ein Angebot eingebettet ist, das Erdoğan den Türkeistämmigen in Europa seit Jahren macht. Es lautet, dass sie keinen Grund haben, sich klein zu fühlen, weil ihr Präsident sich vor niemandem klein macht. Der Moment, an dem dieses Angebot für viele greifbar wurde, war sein „One minute!“ gegenüber Schimon Peres in Davos im Jahr 2009. Die Parteinahme, um nicht zu sagen der offene Hass gegen Israel war von Anfang an ein Teil dieses Stolzes. Nach dem 7. Oktober bekam dieser Hass, selbst in seiner blutigsten und grausamsten Manifestation, den Segen des Staatsoberhaupts.

Damit schließt sich ein Kreis, der in Deutschland selten gesehen wird. Den Satz, dass die Hamas eine Befreiungsbewegung sei, sprach in Ankara der Präsident aus. In Berlin strich ein Parteitag den Satz, der ihm widersprach. Ein junger Muslim türkischer Herkunft hört ihn von allen Seiten: Die Rechte hat ihm gezeigt, dass Judenhass folgenlos bleibt. Die Linke hat ihm Beifall in Aussicht gestellt. Ankara hat ihm gesagt, dass er damit auf der richtigen Seite steht. Nach all diesen Impulsen muss ein junger Muslim drei Jahre nach dem Massaker des 7. Oktober heute in vielen seiner Gemeinschaften und vor der Öffentlichkeit nicht mehr begründen, warum er Juden hasst. Er muss sich vielmehr rechtfertigen, warum er sie nicht hasst.

Weg von der Mitte

Die drei Impulse der Entlastung für den eigenen Judenhass kommen von den Rändern des gesellschaftlichen und politischen Spektrums. Unsere muslimischen Gemeinschaften bewegen sich auf diese Ränder zu. Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 gaben muslimische Wähler nach der Wahltagsbefragung der Forschungsgruppe Wahlen der Linken 29 Prozent ihrer Stimmen, dem BSW 16 und der AfD 6 Prozent. Im August 2026 kam die AfD in einer Erhebung des Instituts INSA unter muslimischen Befragten auf 11 Prozent, die Linke auf 23.

In meinem Text „11 Prozent“ habe ich beschrieben, warum mich die Zahl für die AfD nicht überrascht. Die vorgegebene Ordnung der Geschlechter, die Verachtung für Abweichung, die Vorstellung einer reinen Gruppe finden junge Muslime in deren Programm als etwas wieder, das ihnen aus den eigenen Gemeinschaften vertraut ist. Am anderen Ende des Spektrums finden sie in Teilen der Linken ein Milieu, das den Antisemitismus in den eigenen Reihen nicht klärt und dem Satz über die Hamas nicht widerspricht. Die Nähe zu beiden Enden ist verschieden begründet, aber ihre Richtung ist dieselbe. Sie führt aus der Mitte einer demokratischen Gesellschaft heraus.

Am morgigen 3. Oktober werden mehr als 700 Moscheen zum dreißigsten Mal ihre Türen öffnen. Der KRM hat den Tag der offenen Moschee in diesem Jahr unter das Motto „Moscheen als Träger gesellschaftlicher Verfasstheit“ gestellt und dabei auf das Grundgesetz verwiesen. Nach drei Jahren, in denen die muslimischen Verbände die Hamas nicht als Terrororganisation bezeichnet, ihre Anteilnahme nach terroristischer Gewalt gar nicht oder nur auf Deutsch geäußert und die Anfeindung ihrer Kritiker in den eigenen Reihen hingenommen und damit legitimiert haben, ist dieses Motto völlig unglaubwürdig. Denn getragen wird eine Verfassung von denen, die ihre Mitte halten, wenn die eigenen Leute an die Ränder drängen. Die Führungen der großen muslimischen Verbände stellen sich dieser Entwicklung nicht nur nicht in den Weg, sie fördern sie sogar. Sie warnen nach außen vor den Rändern und schweigen nach innen. Die IGMG hat vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zur Verteidigung der Demokratie aufgerufen und kein Wort an die eigenen Gemeinden gerichtet, in denen manche offen sagen, dass sie AfD wählen wollen. Die DITIB folgt in der Frage der Hamas ohnehin der Linie Ankaras.

Das Ende des Zwinkerns

Auf der Ebene der religiösen und akademischen Autoritäten lässt sich derselbe Vorgang in Zeitlupe beobachten. Bis 2023 arbeiteten diese Autoritäten mit der Andeutung. Ein geteiltes Bild ohne Kommentar. Ein augenzwinkernder Gruß, der an einem bestimmten Morgen erscheint. Ein Like unter einem Beitrag, der die Verteidigung der Meinungsvielfalt zur Gefahr für den Islam erklärt. Ein Bittgebet für einen Erfolg, den niemand konkret benennt und doch jeder versteht. Wurde nachgefragt, folgte der Hinweis auf den Kontext, und nach einigen Wochen eine Einordnung, die alles zum Missverständnis erklärte.

Die Andeutung ist eine Technik für Verhältnisse, in denen eine kritische Öffentlichkeit zu besorgen ist. Mit solchen Andeutungen bleibt die Botschaft für das eigene Publikum verständlich und für das öffentliche bestreitbar. Über die Absicht dahinter muss man nicht spekulieren, entscheidend ist, welche Wirkung diese Methode hat. Ein junger Mensch lernt daran, dass Zustimmung zum Hass ohne eine ausdrückliche Positionierung auskommen kann, dass sie in seinen sozialen Räumen unausgesprochen mitschwingt und abrufbar bleibt. Und dass die Autoritäten seiner Gemeinschaft seinen eigenen Hass teilen und als richtige Haltung bestätigen.

Seit 2024 ist diese Technik in weiten Teilen überflüssig geworden. Was früher angedeutet wurde, wird heute ausformuliert, auf Podien, in Beiträgen, unter dem eigenen Namen. Das ist die eigentliche Veränderung dieser drei Jahre.

Die offene Tür

Über diese Veränderung kritisch zu sprechen, ist nicht einfach. Wir haben es mit einem gesellschaftlichen Klima zu tun, in dem der Judenhass unter Muslimen für viele der willkommene Anlass ist, um über Muslime insgesamt schlecht zu reden. Der Begriff des importierten Antisemitismus ist in der AfD seit Jahren ein politisches Werkzeug. Eine Debatte, die den Antisemitismus unter Muslimen zum Hauptfall erklärt, verschiebt die Aufmerksamkeit von dem Milieu weg, das die Zahlen des vergangenen Jahres nach oben getrieben hat.

In diesem Klima fällt immer wieder verlässlich eine Mahnung. Muslime dürfen nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Der Satz ist vor diesem Hintergrund richtig. Nur darf nach diesem Satz kein Punkt stehen. Nach ihm muss das Gespräch über das Problem beginnen, das die Warnung überhaupt erst nötig macht. Zu diesem Gespräch gehört auch das, was nicht bei uns Muslimen liegt. Der deutsche Antisemitismus braucht uns Muslime nicht. Er war vor uns da, er ist neben uns gewachsen, und er hat die Schwelle mit abgesenkt, hinter der bei uns das antisemitische Reden beginnt. Die Erinnerungskultur dieses Landes fängt ihn ebenso schlecht auf wie unseren, weil sie nur um die Toten trauern will und sich mit der Analyse dessen schwertut, was und wer Abwertung heute hervorbringt.

Aber auch das ist aus meiner muslimischen Perspektive keine Entlastung. Dass die Tür des Judenhasses in diesem Land schon immer offenstand und sich wieder weiter geöffnet hat, ist keine Erklärung dafür, dass wir Muslime so bereitwillig hindurchgehen.

Was möglich gewesen wäre

Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle festgehalten, dass es unserem geistlichen Personal in zwei Jahren nicht ein einziges Mal gelungen ist, geschlossen und ohne Wenn und Aber für die Freilassung der israelischen Geiseln zu beten. Solange lebende Geiseln in Gaza festgehalten wurden, ist dieses Gebet ausgeblieben. Dass es geht, wenn man will, hat die IGMG im Februar 2023 gezeigt. Am Tag des Erdbebens in der Südosttürkei kündigte ihr Vorsitzender für den folgenden Freitag in allen Moscheen des Verbandes eine Sammlung und ein Totengebet für die Opfer an. Innerhalb weniger Stunden war die gottesdienstliche Ordnung eines ganzen Verbandes umgestellt. Für jüdische Opfer hat man es nicht getan.

Soweit ich es überblicke, hat keiner der großen Verbände die Hamas in drei Jahren eine Terrororganisation genannt. Selbst die Düsseldorfer Erklärung spricht von Gräueltaten und von terroristischen Angriffen. Das Wort Terrororganisation steht dort nicht. In der Türkei wurde sie trotzdem so gelesen, und schon das war zu viel.

An keiner deutschen Moschee wehte neben der deutschen und der türkischen Fahne einmal die israelische neben der palästinensischen, was der geforderten Zwei-Staaten-Lösung wenigstens einen Anschein von Glaubwürdigkeit gegeben hätte. Bei Verbänden, die sehr genau wissen, was Fahnen sagen, ist das Fehlen der israelischen eine bewusste Entscheidung.

Aus den zentral verteilten Predigttexten der großen Verbände ist mir kein Freitag bekannt, an dem der Judenhass unter Muslimen der Gegenstand war. Es wird auch theologisch nicht für notwendig erachtet, einmal öffentlich in und mit den Gemeinden zu reflektieren, warum unter uns Muslimen Moses als Prophet verehrt und Juden so leichtfertig gehasst werden.

Nichts davon hätte Geld erfordert oder eine theologische Neuerung verlangt. Jedes davon wäre kurzfristig zu entscheiden und zu organisieren gewesen. Gescheitert sind diese Sätze und Gesten allein daran, dass die eigene Basis und Ankara Zeugen geworden wären, wie man tatsächlich einmal als deutsche Religionsgemeinschaft gehandelt hätte. Genau diese Zeugen wollte man nicht.

Unser Problem

Meine Position bleibt auch drei Jahre später unverändert. Der Judenhass in den muslimischen Gemeinschaften ist unser Problem, er ist von uns zu bearbeiten, und jede Erklärung, die ihn anderswo unterbringt, ist eine Ausrede.

Bearbeiten heißt dabei mehr, als ihn bloß leiser zu machen. Das Feindbild des Juden, den man nicht als Menschen ansehen muss, ist bei uns aus Versatzstücken gebaut, die auch aus religiösen Erzählungen stammen oder sich auf sie berufen. Diese Versatzstücke liegen auf demselben religiösen Tisch, an dem wir unseren Glauben als Trost und Halt erleben. Sie dürfen dort nicht länger verfügbar sein. Kurz nach dem 7. Oktober habe ich geschrieben, dass man seinen Hass weitergeben muss, damit er nicht aufhört, und dass dieses Weitergeben eine bewusste Entscheidung ist. Die Entscheidung liegt bei uns Muslimen. Wer Religionsgemeinschaft sein will, darf sich der kritischen Debatte über diese Entscheidung nicht verweigern.

Drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 ist der Unterschied zu vorher unübersehbar. Früher brauchte der Hass auf Juden in unseren muslimischen Gemeinschaften einen Raum ohne die falschen Zeugen. Heute sind die Zeugen überall, und viele von ihnen bekräftigen den Hass. Das ist drei Jahre später unser deutsches Problem.