11 Prozent

Das Meinungsforschungsinstitut INSA hat Ende August im Auftrag der „Bild“ seine Sonntagsfrage nach Religionszugehörigkeit aufgeschlüsselt. Unter muslimischen Befragten kommt die SPD auf 26 Prozent, die Linke auf 23, die Union auf 22. Die AfD erreicht 11 Prozent – unter Katholiken sind es 29 Prozent, unter evangelischen Christen 32, unter Konfessionslosen ebenfalls 29.

Am 6. September wurde in Sachsen-Anhalt gewählt. Die AfD kam auf 43,8 Prozent der Zweitstimmen und auf 44,3 Prozent der Erststimmen. Die CDU kam auf 17,2 Prozent, die SPD auf 9,3, die Grünen auf 8,9, die Linke auf 8,6. Die Wahlbeteiligung stieg von 60,3 auf 77,8 Prozent.

Mit diesen Zahlen ist die Analyse dieses Ergebnisses für meine muslimischen Gemeinschaften auch schon erledigt und es bedarf dort keiner weiteren Diskussion. 11 Prozent ist der niedrigste Wert der ganzen Erhebung. Keine der abgefragten Gruppen steht besser da als wir Muslime. Das ist die einzige Lesart, die aus Sicht der muslimischen Organisationen Relevanz hat. Sie werden sie in den zukünftigen Debatten zum Thema AfD verwenden.

Der bequemste Wert

Ich kann diese Reaktion vorwegnehmen, weil ich sie seit 25 Jahren aus der Nähe beobachten konnte. Erscheint eine Studie über Antisemitismus unter Muslimen, wird zuerst die Methode geprüft. Wie war die Stichprobe zusammengesetzt, wie wurden die Fragen formuliert, wer hat die Erhebung bezahlt, welchem Zweck dient ihre Veröffentlichung zu genau diesem Zeitpunkt. Diese kritische Prüfung hat durchaus ihre Berechtigung. Sie unterbleibt aber zuverlässig, sobald ein Ergebnis uns entlastet. Dann wird die Zahl genommen, wie sie ist, in die eigene Pressearbeit gehoben und als Widerlegung all derer geführt, die uns etwas unterstellen.

11 Prozent werden auf diese Weise durch den Herbst getragen werden. Als Beleg dafür, dass die Muslime in diesem Land demokratischer wählen als ihre Nachbarn. Als Beleg dafür, dass die Sorge vor autoritären Neigungen unter Muslimen eine Erfindung der Islamkritik sei. Als Beleg dafür, dass wir uns um uns selbst nicht kümmern müssen, solange andere schlechter dastehen. Die Deutschen haben ein Problem, nicht wir – das ist der Tenor in den muslimischen Gemeinschaften.

Die Zustimmungswerte für die türkische Regierungspartei AKP sind in den muslimischen Organisationen weitaus höher als 11 Prozent. Der autoritäre, ja totalitäre politische Anspruch beider Parteien, ihre Verachtung gegenüber Menschenrechten und Freiheitsräumen für alle, die ihre Ideologie nicht teilen, sind identisch. Selbst ihr völkischer Nationalismus ist verwandt. Angesichts dessen sind diese 11 Prozent noch erstaunlich gering.

Eine Diskussion allein über statistische Erhebungsmethoden oder Deutungsansätze würde jedoch an der Sache vorbeigehen. Spannender als Umfrageergebnisse selbst ist die Beobachtung einer Entwicklung und ihrer Ursachen, die in diesen Zahlen zum Ausdruck kommen.

Was sich bewegt hat

Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 hat die Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF Wählerinnen und Wähler am Wahltag befragt. Muslimische Wähler mit deutscher Staatsbürgerschaft gaben der Linken 29 Prozent, der SPD 28, dem BSW 16, der Union 12 und der AfD 6 Prozent. Zwischen dieser Wahltagsbefragung und der INSA-Erhebung liegen 18 Monate. In diesen 18 Monaten hat sich der Anteil der AfD unter muslimischen Befragten annähernd verdoppelt.

18 Monate sind eine kurze Zeit für eine solche Bewegung. Sie umfassen zwei Sommer, in denen über Abschiebungen, Staatsbürgerschaft und Moscheebauten so geredet wurde wie lange nicht. Wer in dieser Zeit unter Muslimen um Stimmen wirbt, kann kaum hoffen, mit reiner Programmarbeit zu punkten. Denn die AfD hat mit Blick auf uns Muslime kein einziges positives Anliegen, keine Zusage, nichts, was sich in einem Koalitionsvertrag einlösen ließe. Sie hat nichts anzubieten außer einem Weltbild. Dazu gleich mehr.

Am 4. September hat die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) zur Teilnahme an der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt aufgerufen. Ihr Generalsekretär Ali Mete verwies auf das Regierungsprogramm der AfD, das am 11. April 2026 in Magdeburg beschlossen wurde. Dessen Punkt 17 trägt die Überschrift „Nein zu Muezzin und Minarett!“ und beginnt mit dem Satz, der Islam gehöre weder zu Deutschland noch zu Sachsen-Anhalt. Er endet mit der Ankündigung, die AfD-Regierung werde alle Möglichkeiten ausschöpfen, den Einfluss dieser „kulturfremden Religion“ in Sachsen-Anhalt zu beschränken. Punkt 31 lehnt bekenntnisgebundenen Islamunterricht an Schulen ab. Punkt 30 verlangt Sonderklassen für Flüchtlingskinder, in dritter Begründung, um „unsere Kinder von den vielfältigen Belastungen freizuhalten, die sich beim gemeinsamen Unterricht mit Kindern aus völlig fremden Kulturen ergeben“.

Zwei Tage nach diesem IGMG-Aufruf wurde gewählt. Für die AfD ist es das beste Ergebnis ihrer Parteigeschichte und das beste Ergebnis, das eine Partei in Sachsen-Anhalt seit 1990 erzielt hat.

Man kann diesen Aufruf für folgenlos halten, weil die muslimische Wählerschaft in Sachsen-Anhalt zahlenmäßig kaum ins Gewicht fällt. Genau darin liegt sein eigentliches Problem. Er richtete sich an Menschen, von denen man gemeinhin meint, sie würden ohnehin nicht AfD wählen, in einem Land, in dem sie den Ausgang nicht beeinflussen konnten. Die Menschen, die den Aufruf hätten hören müssen, sitzen woanders. Sie sitzen zum Beispiel in Duisburg, in Offenbach, in Berlin-Neukölln, und ein Neuntel von ihnen erklärt in einer bundesweiten Umfrage, eine Partei wählen zu wollen, die ihnen die Zugehörigkeit zu diesem Land abspricht. Denen hätte Mete etwas sagen können. Er hat es nicht getan. Der Grund für dieses Schweigen sollte in unseren politischen Debatten nicht weiter ignoriert werden.

Kein Importartikel

Die geläufige Erklärung für die 11 Prozent AfD-Zustimmung unter muslimischen Wählern lautet, es handele sich um die Abgrenzung der Etablierten gegen die Nachrückenden. Wer seit 30 Jahren hier lebt, eingebürgert ist, einen Beruf erlernt oder studiert hat und die Sprache beherrscht, will nicht mit denen verwechselt werden, die im letzten Jahr gekommen sind. Er hat sich mühsam einen Platz erarbeitet und fürchtet, dass die Neuen diesen Platz gefährden. Also stimmt er für die Partei, die verspricht, die Tür zu schließen, und rechnet damit, dass er selbst auf dieser Seite der Tür steht.

Diese Erklärung mag auf einen Teil der Fälle zutreffen. Sie greift aber zu kurz, weil sie den Vorgang zu einer Frage der Interessenlage macht und damit an der Frage nach dem Inhalt, nach dem Weltbild der AfD vorbeigeht. Menschen treffen ihre Wahlentscheidung selten nur nach dem Impuls, gegen ihre Nachbarn und für ihr Portemonnaie zu stimmen. Sie geben ihre Stimme für ein Bild davon, wie die Welt geordnet sein sollte.

Und über dieses Bild besteht zwischen der AfD und meinen muslimischen Gemeinschaften weit mehr Übereinstimmung als beide Seiten zugeben.

Was die AfD anbietet

Ordnung ist wertvoller als Vielfalt. Eine Gemeinschaft ist stark, wenn sie einheitlich ist. Die Rollen von Mann und Frau sind vorgegeben und keine Verhandlungsmasse. Homosexualität ist eine Verirrung des Westens, die man von den Kindern fernhalten muss. Über die Körper der Töchter entscheidet die Familie. Wer abweicht, ist gekauft, krank oder beides. Der Staat soll durchgreifen. Die Medien lügen. Die Eliten verachten die einfachen Leute und verfolgen einen Plan, den sie nicht offenlegen.

Ich habe diese Sätze über Jahre gehört. Sie haben ihren Platz in unseren muslimischen Strukturen – in Vorstandssitzungen, in Seminaren, am Rand von Veranstaltungen, zuweilen im Zentrum von Veranstaltungen, in der Teestube der Moschee, in Gesprächsrunden der Jugendarbeit. In unserer Fassung haben die Eliten und ihr verborgener Plan im Zweifel jüdische Urheber. Solche Sätze waren dort nie als rechtsradikale Sätze markiert. Sie galten als fromme Sätze. Sie wurden von Menschen gesagt, die sich für anständig hielten und es in vielen Hinsichten auch durchaus waren. Das ist das Tückische an solchen Sätzen – sie gehören bereits so sehr zum Bestand des „normalen Wissens“ über die Welt und über andere Menschen, dass sie nicht mehr als Widerspruch zum eigenen positiven Selbstbild und zum Anspruch der eigenen Anständigkeit wahrgenommen werden.

Wenn ein junger Mann, der mit diesen Sätzen aufgewachsen ist, das Programm der AfD liest, findet er darin die Grammatik seiner Kindheit wieder. Er findet die Verachtung für Gendersprache, für Regenbogenfahnen im Klassenzimmer, für Frauen, die sich nicht ein- und unterordnen, für eine Kultur, die aus Freiheit Beliebigkeit gemacht habe. Er findet die Überzeugung, dass eine Gesellschaft nur zusammenhält, wenn alle dasselbe glauben und dasselbe tun. Er findet den festen Glauben daran, dass es eine reine Gruppe gibt und alles außerhalb dieser Gruppe eine Gefährdung darstellt.

Der Streit zwischen meinen muslimischen Gemeinschaften und der AfD dreht sich lediglich um die Frage, wer zu dieser reinen Gruppe gehört. Über die Idee der Reinheit hingegen besteht Einigkeit.

Für die AfD ist die Trennlinie eine biologische und völkische. Das Deutsche ist etwas, mit dem man geboren wird. Für den frommen Puristen in meinen muslimischen Gemeinschaften verläuft dieselbe Trennlinie religiös und äußerlich. Muslimisch ist, wer sich äußerlich einordnet. Die beiden Erzählungen haben denselben Bauplan und tauschen nur das Material aus, aus dem die Mauer der Festung gemauert wird, in der man sich gegen den äußeren Feind verschanzt. Wer den Bauplan für richtig hält, kann gegen das Material schlecht argumentieren.

Deshalb halte ich die 11 Prozent für schlüssig und bin überrascht, dass die Zahl nicht größer ist. Diese 11 Prozent sind Menschen, die das Angebot der AfD richtig verstanden haben und sich selbst auf der richtigen Seite der Trennlinie vermuten. In diesem einen Punkt täuschen sie sich. Die Trennlinie der AfD verläuft dort, wo sie selbst stehen. Aber in allen anderen Punkten sind sie zu Hause.

Der blinde Fleck hinsichtlich dieser Verschränkung zwischen uns Muslimen und der AfD liegt darin, dass sich kein äußerer Verursacher finden lässt, dem man sie anlasten könnte. Wenn ein junger Muslim sich radikalisiert, verweisen wir auf Ausgrenzung, auf Diskriminierung im Bewerbungsverfahren oder bei der Wohnungssuche, auf Polizeikontrollen, auf die Bilder aus Gaza. Wenn ein junger Muslim AfD wählt, gibt es diesen äußeren Verursacher in unseren Debatten nicht.

Es bleibt damit die Frage, was er bei uns – in den muslimischen Strukturen – gelernt hat, das diese Verschränkung begünstigt. Die Antwort auf diese Frage ist für unsere zukünftigen Debatten über den Zustand unserer Demokratie von großer Bedeutung und hat einen Umfang, der vielen nicht deutlich genug vor Augen steht. Ein genauer Blick ins AfD-Wahlprogramm in Sachsen-Anhalt soll im Folgenden die Wahrnehmung für diese Verschränkung schärfen.

Die Entscheidung, die beide verlangen

Punkt 14 des Kapitels Kultur und Integration des AfD-Wahlprogramms will die Einbürgerungserklärung des Landes ersetzen. Wer eingebürgert werden möchte, soll künftig erklären, er nehme „seine neue Identität an“ und lasse „seine alte Identität los“. Dazu die Verpflichtung, keine ausländischen Konflikte zu unterstützen, „insbesondere für Konflikte meines ehemaligen Heimatlandes“.

Dieser Satz kommt mir bekannt vor. Ich kenne ihn aus den eigenen muslimischen Reihen, dort allerdings mit vertauschten Vorzeichen. Wer als Muslim in diesem Land ankommen will, wer sich deutsch nennt und damit die eigene Gesellschaft meint, wenn er von unserer spricht, hat sich in den Augen vieler in unseren muslimischen Gemeinschaften verkauft. „Anbiederung an die Deutschen“ ist ein Synonym für „nicht mehr muslimisch“. Die Erklärung, die das Programm verlangt, und der Vorwurf, den wir uns unter Muslimen gegenseitig machen, ruhen auf derselben Annahme. Zwei Zugehörigkeiten sind eine zu viel. Wer behauptet, zwei zu haben, lügt bei einer von beiden.

Für ein siebzehnjähriges muslimisches Mädchen, das in Halle zur Schule geht und dessen Großeltern aus Adana kommen, ist das dieselbe Zumutung, gleich aus welcher Richtung sie kommt. Sie soll etwas ablegen, das sie ausmacht. Der Unterschied liegt letztlich allein darin, welche Hälfte sie loswerden soll.

Dasselbe Wort für die Abweichung

Punkt 18 des ersten Kapitels des AfD-Wahlprogramms wendet sich gegen die „Frühsexualisierung“ in Kitas und Grundschulen. Der Text spricht von „nicht-normalen Geschlechtsidentitäten“, von „abseitigen sexuellen Vorlieben“ und von „devianten Formen von Sexualität“. Punkt 19 nennt Geschlechtsdysphorie eine „Störung“. Punkt 12 beschreibt Feminismus und Individualismus als „pervers-linken“ Ungeist, der die tradierten Rollenbilder „zersetzt“.

Am 8. Mai 2026 hat Burhan Kesici, Vorsitzender des Islamrats, im ZDF-Format „Forum am Freitag“ die vier Motive einer muslimischen Akzeptanzkampagne als „Abnormalitäten“ bezeichnet, darunter ein schwules Paar und eine Muslimin ohne Kopftuch. Im Deutschlandfunk hat er seine Wortwahl am 1. August verteidigt, das sei ein theologischer Fachbegriff.

Der Vorgang ist in beiden Fällen derselbe. Die Abweichung wird zu einem Zustand erklärt, über den sich nicht streiten lässt, weil er als Befund auftritt. Der eine nennt ihn deviant, der andere abnormal. Danach braucht niemand mehr eine Diskussion über Ausgrenzung oder Akzeptanz zu fordern. Die Beschreibung hat die Ausgrenzung und die Abwertung bereits vorgenommen. Und ein Jugendlicher, der beide Sätze hört, den einen im Wahlkampf und den anderen aus dem Mund seines Verbandsvorsitzenden, lernt, dass es zu diesen Fragen offenbar nur eine Meinung gibt.

Das Kind und wem es gehört

Derselbe Punkt 18 sieht „die Seelen unserer Kinder“ im Visier von Fanatikern und erklärt Sexualerziehung zur „Domäne der Eltern“. Punkt 11 des Schulkapitels verbietet die Regenbogenflagge im schuloffiziellen Gebrauch, weil die Schule den Kindern „die normale Familie bestehend aus Mann und Frau“ als Vorbild zu vermitteln habe. Punkt 12 will die Erziehung „im Geist der Liebe zu ihrer Heimat und dem deutschen Volk“ in das Schulgesetz und die Landesverfassung schreiben.

Dazu passt Punkt 9 des ersten Kapitels. Hinter der Forderung nach Kinderrechten verberge sich „nichts anderes als der Versuch, staatliche Eingriffe in das Familienleben zu erleichtern“. Deshalb soll das Elternrecht in die Landesverfassung, nahezu im Wortlaut des Artikels 6 Absatz 2 Satz 1 Grundgesetz.

Genau dieses Elternrecht halten unsere Verbände jedem Vorstoß gegen das Kinderkopftuch entgegen. Ich habe in meinem Blogtext „Über ihren Kopf hinweg“ dargelegt, dass das Bundesverfassungsgericht darin eine Freiheit sieht, die dem Schutz des Kindes dient und keine Verfügung der Eltern über das Kind.

Muslimische Organisationen und die AfD sehen das offenkundig anders. Beide  Seiten wollen die Schule als Ort, an dem das Kind die Ordnung seiner Gruppe sichtbar trägt. Die eine als Fahne am Mast und als Erziehung zur Heimatliebe, die andere als Tuch auf dem Kopf einer Neunjährigen. Beide nennen das Schutz, aber beide meinen damit die Ordnung der Erwachsenen.

Punkt 30, die Sonderklassen, gehört ebenfalls hierher. Die dritte Begründung dort lautet, „unsere Kinder von den vielfältigen Belastungen freizuhalten, die sich beim gemeinsamen Unterricht mit Kindern aus völlig fremden Kulturen ergeben“. Wer in unseren muslimischen Gemeinden aufgewachsen ist, kennt den Satz in seiner frommen Fassung. Er handelt dort von den schlechten Freunden, von den Risiken einer Klassenfahrt, von dem Kind, mit dem man besser nicht spielt, weil es den „falschen“ Glauben oder die „falsche“ Kultur hat.

Die Verteidigung der eigenen Wahrheit

Im Wissenschaftskapitel erklärt Punkt 7 die Genderstudien zu „einem politischen Programm und keiner Wissenschaft“. Punkt 8 nennt den Postkolonialismus „die politisch motivierte Vernichtung der Wissenschaft“. Punkt 10 wirft der Islamwissenschaft vor, den Altparteien „auf Knopfdruck Bestätigungen und Gefälligkeitsgutachten“ zu liefern, und kündigt ein eigenes Landesinstitut für kritische Islamforschung an, das islamische Gemeinschaften „wahrheitsgemäß beurteilt“.

Dieser Reflex ist kein exklusives Phänomen der AfD. Erscheint eine Studie über Antisemitismus unter Muslimen, prüfen wir zuerst den Auftraggeber, dann die Methode, dann den Zeitpunkt. Widerlegt wird selten etwas. Wir erledigen eine notwendige Diskussion vielmehr dadurch, dass ein Motiv behauptet und der Befund damit aus der Debatte genommen wird. Wer diesen Weg zu Ende geht, braucht am Schluss eine eigene Instanz, die das passende Ergebnis liefert. Die AfD nennt sie Institut für kritische Islamforschung. Wir nennen sie innerhalb unserer muslimischen Strukturen die eigene Gelehrsamkeit und in der akademischen Landschaft beklagen wir, dass es zu wenig „Forschung für Muslime“ gäbe und die Universitätsstandorte zur Islamischen Theologie schmähen wir als „Projekt des deutschen Staates“, der uns unseres Glaubens berauben will.

Punkt 14 des Justizkapitels macht den nächsten Schritt. Wer den deutschen Staat, Deutschland als historisch-kulturelles Gebilde, die deutschen Bürger oder die Nationalsymbole öffentlich verunglimpft, soll mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden. Das Kollektiv bekommt also eine Ehre, diese kollektive Ehre wird verletzbar, und die Verletzung verlangt eine Strafe.

Das ist die gleiche Denkfigur, die ich in meinem Buch im Hinblick auf den Streit über Mohammed-Karikaturen beschrieben habe. Damals hielt ich sie für ein muslimisches Problem. Die AfD korrigiert mich mit ihrem Wahlprogramm. Es ist die Denkfigur jeder Gemeinschaft, die sich über ihre Kränkbarkeit definiert. Der Unterschied liegt lediglich darin, wessen Ehre geschützt werden soll.

Der Unterschied

Das Erkennen dieser inhaltlichen Parallelen darf uns nicht blind für die entscheidenden Unterschiede machen.

Die AfD will Landesregierung werden. Was in ihrem Programm steht, soll durch Verfassungsänderung, Runderlass, Fördermittelvergabe und Strafrecht durchgesetzt werden. Die muslimischen Verbände haben diesen Apparat nicht. Ihre Mittel sind der soziale Druck, das Vereinsrecht, der Entzug von Zugehörigkeit. Das ist ein erheblicher Unterschied im Schaden, den beide anrichten können. Gerade deshalb ist die Verteilung der Alarmbereitschaft in unseren Debatten erklärungsbedürftig.

Ideologische Radikalisierung erscheint uns in einem Fall als akute Gefahr einer islamistischen Unterwanderung, die wir bekämpfen und verbieten müssen, und in dem anderen Fall euphemistisch als verstaubte Deutschtümelei, die lediglich berechtigte Interessen im überzogenen Ton artikuliere und Widerhall in den eigenen parteipolitischen Strategien finden müsse. In dem einen Fall wollen wir jedes Risiko vermeiden, in dem anderen sind wir zu Experimenten bereit und wollen den Zugang zur politischen Macht nicht versperren und abwarten, wie es sich so entwickelt.

Ein zweiter Unterschied liegt in der Beschaffenheit der Trennlinie. Die völkische ist geschlossen. Wer sie nicht von Geburt an überschritten hat, überschreitet sie nie. Die religiöse ist im Prinzip offen, denn jeder kann Muslim werden. Das ist der Kern unseres Bekenntnisses. Darin liegt auch der Irrtum jener 11 Prozent, die sich auf der richtigen Seite der Trennlinie vermuten.

Eine geerbte Zurückweisung

Ich will den obigen inhaltlichen Feststellungen noch einige analytische Gedanken folgen lassen, die sich intensiver mit dem Warum der beschriebenen Parallelen befassen.

Das Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) hat Ende August eine Längsschnittbefragung von 2.631 Wahlberechtigten veröffentlicht. Gefragt wurde nach der Wahlneigung, also danach, ob sich die Befragten überhaupt vorstellen können, eine bestimmte Partei jemals zu wählen. Dieselben Personen wurden im Winter 2023/2024 und im Winter 2024/2025 befragt.

Die kategorische Ablehnung der AfD ist danach in der Gruppe mit Bezug zur Türkei und zur Region Middle East and North Africa (MENA) am stärksten ausgeprägt. Rund 80 Prozent dieser Befragten schließen aus, die Partei jemals zu wählen, gegenüber etwa 65 Prozent über alle Gruppen hinweg. Das wäre die Entwarnung, die wir aus muslimischer Sicht gerne hätten. Sie hält bei der Lektüre aber nicht lange vor.

Denn dieselbe Studie zeigt, dass in dieser Gruppe die Wählbarkeit aller großen Parteien binnen eines Jahres gesunken ist, für die SPD, die Union und die Linke sogar in statistisch bedeutsamem Ausmaß. Die Abwendung richtet sich also gegen das gesamte parteipolitische Angebot. Die Mitautorin Mara Junge merkt dazu an, dass eine Debatte, die Migration vor allem als Problem verhandelt, Wähler ohne Migrationshintergrund kaum gewinnt und migrantische Wähler zugleich verliert.

Wer sich aber von allen abwendet, hält irgendwann bei der Partei an, die am lautesten sagt, dass alles falsch läuft.

Weiter unten in derselben Veröffentlichung steht ein Alterseffekt. Unter Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund neigen die über 65-Jährigen weniger zur AfD als die Jüngeren. Bei Wahlberechtigten ohne Migrationshintergrund gibt es diesen Alterseffekt nicht. Die Ablehnung der AfD ist in meinen muslimisch geprägten Communities also dort am stärksten, wo die Erfahrung mit deutschem Rassismus am ältesten ist. Sie wird schwächer, je jünger die Befragten sind.

Die Generation meiner Eltern – und das gilt auch für meine Generation – brauchte für diese Ablehnung keine Begründung. Wir hatten Mölln, Solingen, Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen erlebt, später den NSU-Komplex. Wir wussten auch ohne politische Bildung an deutschen Schulen, wovon die Rede ist, wenn jemand von Volk und Reinheit spricht. Diese Gewissheit stammte aus Erfahrung. Erfahrungen lassen sich nicht vererben. Was bei den Kindern und Enkeln ankommt, ist eine Familienerzählung, die mit der Zeit verblasst, und die kaum einen Platz in unserer schulischen Bildungslandschaft hat.

Was umso mehr an ihre Stelle treten müsste, wäre ein Argument. Ein Argument dagegen, dass Menschen nach Herkunft, Glauben oder Lebensweise in wertvolle und weniger wertvolle sortiert werden.

Wir haben in unseren muslimischen Strukturen kaum eine belastbare und deutliche Verankerung für dieses Argument, weil wir es in unserem religiösen Alltag selbst nicht konsequent anwenden. Man kann einem Achtzehnjährigen schwer erklären, dass die völkische Version der Reinheit verwerflich, aber die eigene religiöse Version heilig ist. Und noch deutlicher wird dieser Widerspruch, wenn die Religion auch noch mit einem ethnonationalistischen Verständnis von Höherwertigkeit der eigenen Nation und des eigenen – türkischen/arabischen – Volkes verbunden wird.

Die halbe Verteidigung

Über Jahre habe ich kritisiert, dass die muslimischen Verbände in Deutschland zu allen Fragen des Zusammenlebens schweigen, die sie nicht unmittelbar selbst betreffen. Zur Rente, zur Klimapolitik, zur Bildungsmisere, zur Frage, wie dieses Land in zwanzig Jahren aussehen soll. Zu Wort gemeldet haben sie sich, wenn es um Muslimfeindlichkeit ging, um Moscheeangriffe, um Kopftuchverbote, um die eigene Anerkennung als Körperschaft. Eine klare Position zur AfD hat in all den Jahren keiner von ihnen formuliert.

Am 4. September hat die IGMG das, wie eingangs beschrieben, getan. Der Aufruf endet mit drei Sätzen:

„Nutzen Sie Ihre Stimme. Gehen Sie wählen. Demokratie verteidigt sich nicht von allein.“

Der letzte Satz ist richtig. Er ist so richtig, dass er auch dort gilt, wo Mete ihn nicht angewandt wissen will.

Denn was die AfD den Muslimen in Sachsen-Anhalt androht, ist die Anwendung eines Weltbildes, dessen Bauplan in den Gemeinden (nicht nur) dieses Verbandes seit Jahrzehnten in religiöser Fassung gepflegt wird. Die reine Gruppe, die vorgegebene Ordnung der Geschlechter, die Verirrung des Westens, der Verrat des Abweichlers. Mete verteidigt die Demokratie gegen dieses konkrete AfD-Material, lässt aber den zugrunde liegenden ideologischen Bauplan unberührt. Weil es auch die Ideologie seines Verbandes ist. Das ist eine halbe Verteidigung, die die Demokratie nicht als grundlegendes Prinzip unseres Zusammenlebens verinnerlicht hat. Deshalb spricht Mete auch ausdrücklich nur zu Wählerinnen und Wählern in Sachsen-Anhalt und nicht zu Adressaten in seinem eigenen Verband.

Zwei Wochen davor

Am 22. August hat derselbe Ali Mete auf IslamiQ aufgeschrieben, was die Islamdebatte in Deutschland angeblich ausblende. Er hat darin seine eigene Organisation zum koranisch gebotenen Weg der Mitte erklärt und das Extremismusproblem an den Rand verlegt, definitorisch und ohne einen einzigen Beleg und angesichts der ideologischen Prägung seines Verbandes auch völlig kontrafaktisch. Ich habe das damals kommentiert, hier kann man das nochmal nachlesen.

Im Wahlaufruf wiederholt er dieselbe Bewegung, diesmal vor einer neuen Kulisse. Der Rand liegt jetzt wieder außerhalb der eigenen Gemeinschaft, bei einer Partei, gegen die sich alles sagen lässt, ohne dass es in einer einzigen Moschee – oder in Ankara – unbequem werden müsste. Die Mitte ist wieder er selbst.

Mete macht hier keinen handwerklichen Fehler in der Öffentlichkeitsarbeit. Das ist vielmehr ein Paradebeispiel für die in den muslimischen Verbänden praktizierte Methode der doppelten Botschaften. Sie ist der Grund, warum ich seinem Aufruf zur Verteidigung der Demokratie nicht glaube.

Die Adresse im eigenen Haus

In den Gemeinden (nicht nur) dieses Verbandes sitzen Menschen, die AfD wählen wollen. Sie sitzen dort nicht heimlich. Sie sagen es beim Tee nach dem Freitagsgebet, sie sagen es mit denselben Argumenten, mit denen dort seit 30 Jahren über die „Verkommenheit dieses Landes“ gesprochen wird. Ein einziger Absatz an sie, der benennt, warum das Angebot der AfD anziehend wirkt und woran es sich beim eigenen Glauben bricht, hätte mehr Bedeutung als die vollständige Aufzählung dessen, was die AfD mit uns vorhat.

Ich vermute, dass dieser Absatz in solchen Veröffentlichungen nicht geschrieben wird, weil er sich nicht schreiben ließe, ohne einzuräumen, dass die AfD ihre Anziehungskraft auf muslimische Wähler zu einem erheblichen Teil aus dem bezieht, was in diesen Verbänden gelehrt und tradiert wird. Wer das einräumt, müsste zugeben, dass die Ursache mitten in der Gemeinde liegt. Also bleibt es bei einem Text, der nach außen warnt und nach innen schweigt.

So entsteht eine Pressemitteilung, die niemandem wehtut, an die sich in vier Wochen niemand erinnert und die im Jahresbericht und in Dialogveranstaltungen unter „demokratisches Engagement“ verbucht wird.

Der Satz, den wir teilen

Der Begriff „deutscher Muslim“ gilt in meinen muslimischen Gemeinschaften weiterhin als Widerspruch in sich. Das Deutsche und das Muslimische seien zwei Sphären, die einander ausschließen, und wer beides zugleich sein wolle, habe sich verkauft. Diesen Satz habe ich in den letzten Jahren mindestens genauso oft, vielleicht sogar häufiger von Muslimen gehört als von Rechtsradikalen. Er kommt aus drei Richtungen gleichzeitig auf uns zu, von den Völkischen, die uns die Zugehörigkeit biologisch bestreiten, von den Islamisten, die sie religiös bestreiten, und aus einem Teil der Linken, der uns die Rolle des ewigen Opfers zuweist und jede Verschmelzung für Assimilation hält. Drei Milieus, die einander verachten, sind sich in diesem einen Punkt völlig einig.

Eine muslimische Gemeinschaft aber, die diesen Satz für wahr hält, hat gegen eine Partei, die ihn plakatiert, kein Argument mehr.