Am 27. Juli hat die DITIB eine Erklärung zum Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin auf ihre Webseite gestellt. Sie verurteilt darin die Tat. Sie steht dort auf Deutsch, auf der deutschsprachigen Webseite. Auf der türkischsprachigen Version derselben Webseite steht sie heute, fast eine Woche nach dem Anschlag, immer noch nicht.
Der Text fehlt hier in einer Sprache, die ohnehin die Arbeitssprache dieses Verbandes ist. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er auf Türkisch entstanden oder ins Türkische übersetzt wurde, damit die Verbandsspitze ihn verstehen und freigeben kann, bevor er auf die deutsche Webseite geht. Das Fehlen der türkischsprachigen Verurteilung des Anschlags ist also keine Verzögerung, sondern eine Entscheidung.
Ich habe das zuletzt am Samstagmorgen nachgesehen, so wie ich seit Jahren nachsehe, was in den Verbänden auf Türkisch steht und was auf Deutsch. Dieser Vergleich ist die aufschlussreichste Lektüre, die man in diesem Feld betreiben kann.
Sprachlosigkeit ließe sich ja noch nachvollziehen. Von einem Verband, der seit 25 Jahren übt, das Wort Islamismus nicht in den Mund zu nehmen, kann man schlecht erwarten, dass er über das Wochenende eine Sprache findet, die er nie gelernt hat. Das hier aber ist keine Sprachlosigkeit. Die Verurteilung existiert ja. Sie ist formuliert, redigiert, freigegeben und veröffentlicht worden. Sie ist nur nicht für die eigenen Leute bestimmt. Sie ist nicht für uns Muslime bestimmt, sondern bloß für „die Deutschen” und ihre lästigen Erwartungen.
Der Vorwurf des Schweigens ist damit leicht zu entkräften, man muss nur auf die deutschsprachige Presseerklärung zeigen. Das haben viele, auch in der Medienlandschaft, seit Wochenbeginn getan. Der Vorwurf, den ich hier erhebe, lässt sich so aber nicht ausräumen. Die Verurteilung eines islamistischen Anschlags wird in diesen Verbänden als Außenkommunikation behandelt. Als etwas, das man der deutschen Öffentlichkeit schuldet, nicht der eigenen Gemeinde. Sie erfüllt eine gesellschaftliche Erwartung, die als lästige Zumutung empfunden wird. Sie ist keine Ansage an die eigenen Leute.
Was in der Moschee ankommt
Es gibt ein zweites, präziseres Instrument, um das zu prüfen. Die Freitagspredigt ist das einzige Format, mit dem die großen Verbände ihre Basis tatsächlich und wöchentlich erreichen. Sie wird zentral erstellt, an die Gemeinden ausgegeben und dort verlesen. Was in der Predigt nicht vorkommt, hat in der Gemeinde auch nicht stattgefunden.
Die IGMG, der zweitgrößte Verband, predigt an diesem Freitag über die Kaaba, unter dem Titel „Orientierung für Körper und Geist”. Zum Anschlag in Berlin kein Wort.
Bei der DITIB, deren Predigttext nach meinem Eindruck sonst bereits am Donnerstagabend im Netz steht, war am Freitagmorgen nur der Text der Vorwoche zu finden. Veröffentlicht wurde er dann doch noch im Lauf des Vormittags, unter dem Titel „Halal-Verdienst und Etikette des Handelns”. Das Bemerkenswerte daran: Die türkische Religionsbehörde in Ankara predigt an diesem Freitag über Halal und Haram, mit zwei Schwerpunkten – der religiösen Sexualmoral und dem erlaubten Erwerb. Köln übernimmt den zweiten.
Es ist denkbar, dass die Funktionäre in Köln entschieden haben, in der Woche nach einem Anschlag auf queere Menschen nicht ausgerechnet über religiöse Sexualmoral zu sprechen. Das wäre immerhin ein Bewusstsein dafür, wie ein solcher Text in Deutschland gelesen würde. Nur bleibt es folgenlos. Es führt nicht dazu, dass etwas zum Anschlag gesagt wird. Man lässt das vollständig weg.
Interessanter ist ohnehin, was übrig bleibt. Der Halal-Verdienst ist in Ankara in dieser Woche kein neutrales Thema. Die AKP-Regierung lässt gerade die nächste Welle von Oppositionspolitikern verhaften, mit dem Vorwurf der Korruption und der Bestechlichkeit. Eine Predigt über redlichen Erwerb und die Etikette des Handelns liefert diesem Vorgehen die religiöse Rahmung. Die Diyanet weiß, warum sie diesen Text ausgerechnet jetzt schreibt, und Köln hält die Linie bis nach Deutschland. In der Woche nach einem islamistischen Anschlag in Berlin richtet also der größte muslimische Verband dieses Landes seine Predigt an den politischen Interessen in der Türkei aus. Was in Deutschland geschieht, kommt darin nicht vor.
Zwei Wortmeldungen
Ich hatte mich auf ein ruhiges Wochenende gefreut. Dann las ich – vor dem Hintergrund des oben beschriebenen Sachverhalts – an einem einzigen Tag zwei Wortmeldungen, die sicher unabhängig voneinander entstanden sind, aber etwas Entscheidendes gemeinsam haben.
Die erste kommt aus der Politik. Der Anschlag in Berlin, heißt es dort, mache deutlich, wie wichtig ein Verband wie die DITIB sei. Ein gut organisierter, in der Gesellschaft verankerter Islam sei ein wichtiger Teil der Prävention gegen Islamismus; Verbände wie die DITIB leisteten mit ihrer Bildungs-, Jugend- und Sozialarbeit einen Beitrag gegen Radikalisierung. Wer diese Strukturen pauschal infrage stelle, solle auch beantworten, wer ihre Rolle übernehmen würde. Ziel müsse es sein, den größten muslimischen Dachverband zu stärken.
Die zweite kommt aus der Wissenschaft, und sie argumentiert sorgfältiger. Von Muslimen, heißt es dort, werde nach dem Anschlag erwartet, dass sie die Tat „islamistisch” nennen und deren queerfeindlichen Charakter betonen. Die Betroffenen und das Tatmotiv beim Namen zu nennen sei richtig und wichtig. Problematisch werde es, wenn in dieser Erwartung ein Gesinnungstest gegen Muslime mitschwinge, eine unterstellte moralische Distanz zu queeren Lebenswelten, die zu überwinden sei. Aus Anteilnahme werde dann eine Glaubwürdigkeitsprüfung. Der Verfasser will es auch verfassungsethisch formulieren: Man müsse nicht beim CSD mitlaufen, um mit aller Kraft dafür einzustehen, dass andere dort sicher mitlaufen können. Rechte seien keine Sympathiebekundungen. Ebensowenig müsse ein wissenschaftlich umstrittener Islamismus-Begriff unkritisch übernommen werden, um religiös motivierten Terror ohne jeden Vorbehalt zu verurteilen. Wo der öffentliche Diskurs darüber hinaus die richtige Sprache und die richtige Gesinnung verlange, wolle er nicht mehr den Schutz von Freiheit, sondern im Kern ihre Verengung.
Beide Wortmeldungen, die politische wie die akademische, ruhen auf derselben unausgesprochenen Voraussetzung. Der Politiker setzt die DITIB mit den Muslimen gleich, denen er ein religiöses Zuhause sichern will. Der Wissenschaftler setzt die Erwartung an die Verbände mit einer Erwartung an „die Muslime” gleich, deren Freiheit er verteidigen will. Der eine will die Verbände stärken, der andere will die Muslime schützen. Beide glauben, dass das dasselbe sei. Genau das ist der Irrtum, um den es mir hier geht. Bevor ich beiden Wortmeldungen widerspreche, will ich zuvor noch erklären, wie dieser Irrtum entstanden ist.
Der Irrtum, auf dem die Debatte steht
Öffentlichkeit und Politik wollen mit den Muslimen reden. Je nach Haltung wollen sie ihnen widersprechen, sie verstehen, sie schützen, sie beschimpfen oder nichts mit ihnen zu tun haben. So verschieden diese Absichten sind, sie teilen eine Voraussetzung: Sie alle brauchen jemanden, den man adressieren kann und der „die Muslime” ist.
Diesen Adressaten hat die deutsche Religionspolitik selbst hergestellt. Als die Deutsche Islam Konferenz 2006 zusammentrat, stand der Staat vor einem Problem seines eigenen Rechts. Das Religionsverfassungsrecht kennt Religionsgemeinschaften, Ansprechpartner, Verhandlungsführer. Es kennt keine Millionen einzelner Gläubiger ohne Adresse. Also musste eine Adresse her. Ein Jahr später gründete sich der Koordinationsrat der Muslime, quasi als Dachverband der Dachverbände — nicht aus einem Bedürfnis der Gemeinden heraus, sondern aus dem des Staates nach einem einheitlichen Gegenüber.
Innermuslimisch löste das erhebliche Auseinandersetzungen aus, allerdings nicht die fruchtbaren. Statt über die Frage religiöser Autorität stritt man darüber, wer in dieser Annäherung der verschiedenen Verbände wie viel repräsentative Macht beanspruchen darf; auf dem Höhepunkt wurden sogar Regierungspolitiker aus der Türkei eingespannt, um die innermuslimischen Konflikte mit einem Machtwort zu lösen. Das Ergebnis war nicht die Entstehung deutscher Religionsgemeinschaften, sondern die fortschreitende politische Gleichschaltung der größten Moscheeverbände und ihre Einnordung auf die türkische Regierungspolitik.
Aus dieser religionspolitischen Notlösung ist im Lauf der Jahre eine Tatsachenbehauptung über die muslimische Bevölkerung dieses Landes geworden; dass sie nämlich mit den Verbänden wirklich Repräsentanten ihrer Interessen und eine öffentliche Stimme hätte. Niemand an der Basis hat diesen Übergang beschlossen. Er hat sich eingeschliffen, weil er allen Beteiligten Arbeit ersparte.
Die Verbände sind aber nicht die Muslime. Sie vertreten lediglich ihre Moscheevereine. Das ist nicht dasselbe. Und selbst dort haben die einzelnen Vereine kein gleichwertiges Stimmrecht in den eigenen Verbandsorganen. Die große Mehrheit der Muslime in diesem Land ist in keiner dieser Strukturen organisiert und war es nie. Sie hat niemanden gewählt, der in ihrem Namen spricht, sie ist nie gefragt worden, und sie erfährt von den Erklärungen, die angeblich ihre Haltung wiedergeben, wenn überhaupt aus der Zeitung. Der Staat hat „die eine Adresse” der Muslime bekommen, aber die Muslime an der Gemeindebasis kennen auch nach zwanzig Jahren nicht die Adresse der DIK.
Ich weiß, wie diese Gleichsetzung entstanden ist, weil ich als Ehrenamtler bis 2013 in Hamburg und im Hauptamt bis 2017 in Köln selbst für sie gestritten habe. Ich habe gegenüber Ministerien, Verwaltungen und Kirchen dafür argumentiert, dass man mit den Verbänden reden müsse, weil sie die Muslime repräsentierten. Ich habe diese Argumente nicht nur vorgetragen, ich habe an einigen mitgeschrieben. Ausgehalten habe ich es im Hauptamt keine vier Jahre. Um es in Anlehnung an ein Bismarck zugeschriebenes Wort zu sagen: Ich war dabei, als diese Wurst gemacht wurde. Ich weiß, woraus sie besteht. Ich kann jedem nur empfehlen, sie nicht mehr zu essen.
Wer denn sonst
Der Einwand, der jede weitere Überlegung beendet, steht schon in der oben zitierten politischen Wortmeldung. Wer diese Strukturen infrage stellt, soll bitte sagen, wer ihre Rolle übernimmt. Es gibt niemand anderen.
Der Einwand hat einen richtigen Kern, führt aber nicht zur richtigen Schlussfolgerung. Richtig ist, dass der Staat für bestimmte Fragen einen Vertragspartner braucht. Wer Religionsunterricht organisiert, Bestattungsflächen ausweist oder eine Gemeinde als Bauherrn behandelt, braucht ein muslimisches Gegenüber mit Satzung, Vorstand und Haftung. Für solche Zwecke sind die Verbände legitime Partner.
Falsch ist die stillschweigende Übertragung dieser praktischen Rolle auf alles andere. Die Moscheeverbände sind Facility Manager, eine Moscheegebäudeverwaltung in Gestalt juristischer Personen. Wer über Grundstücke und Lehrpläne verhandelt, ist damit noch lange nicht befugt zu sagen, was Muslime denken, fühlen oder nach einem Anschlag empfinden. Schon gar nicht, wenn das Gesagte seinen Ursprung in einer kruden antidemokratischen Erbakan-Ideologie oder der türkischen Diasporapolitik hat. Die Verbände haben diese Vermischung dankbar angenommen, weil sie ihnen eine Bedeutung verleiht, die ihre Mitgliederzahlen nicht hergeben.
Die zweite Behauptung des Politikers, die Verbände seien ein Garant gegen Radikalisierung, ist eine ungeprüfte Selbstbeschreibung – und nebenbei eine merkwürdige Aussage über die eigene Gemeindebasis, setzt sie doch voraus, dass es ohne die Arbeit der Verbände dort zu mehr Radikalisierung käme. Wer redet so über die eigenen Leute? Tatsächlich gibt es weder eine Kausalkette zwischen Moscheebindung und daraus resultierender Radikalisierung noch die umgekehrte Automatik, dass Moscheebindung Radikalisierung verhindere. Vertiefte religiöse Kenntnisse können ein Schutz vor Radikalisierung sein; es kommt aber darauf an, was vermittelt wird und in welchen religiösen Alltag dieses Wissen eingebettet ist. Bei den großen Verbänden sehen wir ideologische Prägungen, die eine muslimische Selbstwahrnehmung als Fremde in Deutschland vermitteln, wir sehen Glaubensverständnisse, die Antisemitismus befördern, und religiöse Traditionen, die nach innen Überlegenheit und nach außen Abwertung weitergeben. Solange die Verbände sich damit nicht selbstkritisch auseinandersetzen, ebnen sie den Weg zu einer Radikalisierung, die dann bei ihnen selbst stattfindet oder, was derzeit akuter ist, in virtuellen Räumen – weil junge Muslime in ihren Gemeinden zu wenig darüber gelernt haben, dass die Abwertung anderer Menschen falsch ist.
Und dann der Zeitpunkt dieser Wortmeldung. In genau dieser Woche, in der die DITIB der türkischsprachigen Basis die Verurteilung des Anschlags verschweigt, kommt aus der deutschen Politik ein „Die machen das sehr gut und müssen gestärkt werden!”. Der Bund hat 2024 ein Abkommen mit der Diyanet über die jährliche Ausbildung von 75 Imamen geschlossen, während dieselbe Diyanet im eigenen Parlament beschreibt, wie sie über genau diese Strukturen die Diaspora an die türkische Nation binden will. Wer die DITIB stärken will, stärkt also die Interessen der AKP-Regierung, nicht die der Muslime in Deutschland. Es sei denn, er begreift diese Muslime nicht als Bürger dieses Landes, sondern als politische Verfügungsmasse der Türkei. Dann hätten wir indes ein noch größeres Problem als schlichte Ignoranz.
Diese Entwicklung muss umgekehrt werden, und das verlangt keine neue Struktur, keinen weiteren Rat, keine Islam-Reform. Es wäre schon hilfreich, wenn eine Redaktion, die eine muslimische Perspektive sucht, nicht automatisch bei einer Verbands-Pressestelle anruft. Wenn ein Ministerium, das wissen will, wie Muslime auf eine Debatte reagieren, nicht Verbände fragt, die sich zuerst im Ausland erkundigen, was „die Muslime” in Deutschland dazu sagen dürfen. Wenn eine Verbandserklärung als das gelesen wird, was sie ist: nicht die Wortmeldung „der Muslime“, sondern die Position einer Organisation, die sich diesem Land nicht verpflichtet fühlt.
Die Verengung, von der niemand spricht
Damit zur zweiten Wortmeldung, der aus der Wissenschaft. Sie verdient die ernsthaftere Auseinandersetzung, weil sie etwas Richtiges sagen will, aber an dem oben beschriebenen Grundirrtum der Gleichsetzung scheitert.
Rechte sind keine Sympathiebekundungen. Das ist wahr, und es ist wichtig. Man muss queere Lebensentwürfe nicht teilen, um mit aller Kraft dafür einzustehen, dass queere Menschen in diesem Land sicher leben. Und ein Diskurs, der über den Schutz von Freiheit hinaus die richtige Gesinnung verlangt, verengt tatsächlich, was er zu schützen vorgibt. Als theoretische Abhandlung über Verfassungsethik unterschreibe ich jedes Wort davon.
Die Frage ist nur, an wen sich jene Erwartung richtete, die hier als Gesinnungstest zurückgewiesen wird.
Sie richtete sich nicht, wie es der Wissenschaftler formuliert, an „die Muslime”. Sie richtete sich an Organisationen, die für sich in Anspruch nehmen, für Muslime zu sprechen. Wer sich an Runden Tischen, in Staatsverträgen und vor Kameras als Stimme einer Bevölkerungsgruppe präsentiert, muss sich daran messen lassen, was er mit dieser Stimme sagt. Das ist kein Gesinnungstest, sondern die Einlösung einer Repräsentationsbehauptung, die die Verbände selbst formuliert haben und bei jeder Gelegenheit erneuern. Aus einer Erwartung an einen Verbandsapparat wird im Argument des Wissenschaftlers eine Zumutung an eine religiöse Minderheit. Diese Gleichsetzung erscheint dabei nicht als These, über die man streiten könnte, sondern als Grundannahme, die gar nicht erst ausgesprochen wird. Wer sie akzeptiert, kann zu keinem anderen Ergebnis kommen.
Das Gleiche gilt für den Islamismus-Begriff. Dass ein wissenschaftlich umstrittener Begriff nicht unkritisch übernommen werden muss, ist für sich genommen richtig. Nur üben die großen Verbände genau diese Zurückweisung seit dem Terroranschlag von 2001, ohne je eine Diskussion über das Phänomen selbst zu führen. Das ist keine begriffliche Sorgfalt, sondern eine Zuständigkeitsverweigerung. Wer sich mit dieser Ideologie befasst, muss benennen, welche Berührungspunkte sie zum eigenen Glaubensverständnis hat, und dieser Frage weichen die Verbände seit 25 Jahren aus.
Der wissenschaftliche Vorbehalt liefert dieser Verweigerung nachträglich ihre bequeme Begründung. Sie macht aus der schwerwiegenden, langjährigen Verantwortungslosigkeit der Verbände eine diskurstheoretische akademische Debatte um präzise Semantik. Er mag im Seminar anders gemeint sein, als er in einer Verbandszentrale gelesen wird; und ausgerechnet dort führt er zu einer bemerkenswerten Verschiebung. Weil die Verbände das Wort Islamismus partout nicht in den Mund nehmen wollen, sprechen sie inzwischen von „religiös begründetem Extremismus”. Mit ihrer Weigerung, über den Unterschied zwischen Ideologie und Religion zu reden, schieben sie die Gewalt mit den eigenen Worten aus dem ideologischen in den religiösen Kontext. Ob das die gewünschte Differenzierung zum Wohle der Muslime ist, wage ich zu bezweifeln.
Und dann die „Verengung der Freiheit“ selbst. Diese Mahnung hat mich wirklich wütend gemacht. Diese Formulierung setzt nämlich voraus, dass es einen muslimischen Freiheitsraum gibt, in den von außen hineinregiert wird. Diesen Raum gibt es, ich kenne ihn ziemlich genau. Nur wird er nicht von außen verengt.
In unseren Gemeinschaften existiert gegenwärtig keine Debatte über den Umgang mit queeren Menschen, in der man konservative und liberale Positionen gegeneinanderstellen könnte. Es gibt Schweigen. Und wo nicht geschwiegen wird, wird in Kategorien von Krankheit und Sünde gesprochen. Ich habe in all den Jahren in muslimischen Strukturen kein einziges Mal erlebt, dass eine Gemeinde oder ein Dachverband von sich aus, ohne äußeren Anlass, über diese Frage gesprochen hätte. Queere Muslime werden in ihren Gemeinden unter der stillschweigenden Bedingung geduldet, dass sie unsichtbar bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie sich in dieser Woche gefühlt haben, in der ihre eigenen religiösen Gemeinschaften ihrem Schmerz keinen Platz gegeben haben und ihre Trauer nicht mal in einem winzigen Satz in der Freitagspredigt mitempfinden wollten. Das ist keine Frage religiöser Verbote oder Lehrmeinungen. Es ist eine Frage, wie wir als Mitmenschen miteinander umgehen.
Wer angesichts dessen vor der Verengung diskursiver Freiheitsräume warnt, warnt vor der falschen Verengung.
Der schmale muslimische Raum
Der Satz, Pluralismus bewähre sich gerade darin, die Freiheit anderer auch dann zu verteidigen, wenn man ihre Überzeugungen nicht teilt, ist ein schöner Satz. Er wird hier aber zur Verteidigung von Organisationen aufgeboten, die ihn ihrer eigenen Basis gegenüber nie ausgesprochen haben. Er stand in dieser Woche in keiner Freitagspredigt. Er steht in einer deutschen Debatte über Muslime, nicht in der überfälligen muslimischen Debatte über Religion und Pluralismus. Der verfassungsethische Grundsatz wird als Schutzschild für Institutionen benutzt, statt als Aufgabe an die Gemeinden formuliert zu werden, in denen er etwas verändern würde. Bei allem Respekt und aller aufrichtigen persönlichen Wertschätzung: Von muslimischen Wissenschaftlern erwarte ich mehr.
Schmaler wird in dieser Woche tatsächlich etwas. Nur nicht der Raum, den die Verbände beanspruchen, sondern der Raum für Muslime, die die Zustände in ihren eigenen Gemeinschaften benennen. Wer das tut, gilt in Politik, Verwaltung, Wissenschaft und bei den Kirchen als Störfaktor, weil er das „gute Gespräch” mit den großen Verbänden belastet. Man arbeitet lieber mit denen, die repräsentieren, als mit denen, die etwas zu sagen haben. Und wer als Muslim die Verhältnisse in seiner religiösen Gemeinschaft hin zu mehr Freiheit verändern will, muss sich, insbesondere von der politischen Linken, anhören, er sei rassistisch und ignoriere die Machtverhältnisse in dieser Gesellschaft. Ich frage mich dann regelmäßig, welche Ahnung diese Stimmen von den realen Machtverhältnissen in meiner religiösen Gemeinschaft haben.
Die Warnung vor einem Generalverdacht ist berechtigt. Ich sehe unter meinen eigenen Texten genug Kommentare, die Muslime nicht als Individuen wahrnehmen, sondern als homogenes Kollektiv, das man loswerden muss. Diese Sprache ist gefährlich, sie führt zu Gewalt gegen Muslime, und ich habe dafür als deutscher Muslim sehr empfindliche Ohren. Aber die Warnung darf nicht dazu führen, dass jeder Befund über Probleme in unseren Gemeinschaften als muslimfeindlicher Angriff abgewehrt wird. Wenn ich den Reflex kritisiere, nach islamistischen Anschlägen zu behaupten, das habe nichts mit dem Islam zu tun, muss ich auch hierauf hinweisen: Es ist ebenso falsch, jede Kritik an Zuständen in unseren Gemeinschaften zu Rassismus zu erklären. Das beendet jedes Gespräch, und wir haben noch sehr viele Gespräche miteinander zu führen.
Was der Irrtum anrichtet
Solange die oben beschriebene Gleichsetzung fortbesteht, wird jede ideologische Verwüstung der Verbände als Eigenschaft der Muslime gelesen. Eine Organisation, deren Führungsebene von einer fremden Staatsbehörde besetzt wird, deren Predigten sich an dem orientieren, was in Ankara geschieht, und die die Existenz als deutscher Muslim begrifflich für einen Widerspruch hält, ist kein Abbild der Menschen, die in ihren Gemeinden beten. Sie ist ein Apparat, der zwischen einer türkischen Behörde und einer deutschen Öffentlichkeit vermittelt. Die Muslime in Deutschland kommen darin lediglich als Zahl vor, die diese Vermittlung legitimieren soll.
Muslimfeindlichkeit ist real, sie nimmt zu, und sie wird nach diesem Anschlag weiter zunehmen. Ich habe kein Interesse daran, das kleinzureden. Aber sie wächst auch deshalb, weil sich in der öffentlichen Wahrnehmung die Grenze zwischen den Tätern und der überwältigenden Mehrheit der friedlichen Gläubigen auflöst. Diese Grenze könnten öffentliche muslimische Stimmen ziehen, wenn sie eine Sprache dafür hätten. Die Gleichsetzung verhindert das, weil sie die Zuständigkeit für diese Sprache bei Organisationen belässt, die sie beharrlich zurückweisen. So, wie der Politiker und der Wissenschaftler sie mit ihren obigen Aussagen reproduzieren, ist sie kein Schutz vor Muslimfeindlichkeit. Sie ist ihr Katalysator.
Nur ein kleines Beispiel aus unseren eigenen Verhältnissen: Die Sehnsucht nach größerer Geschlossenheit der muslimischen Organisationen ist ein wiederkehrendes Narrativ, Ausdruck der Vorstellung einer Umma, einer Einheit aller Muslime. Sie wird von allen Verbänden beschworen, in Verlautbarungen wie in Predigttexten. Gleichzeitig gibt es Verbandsführungen, die davon überzeugt sind, dass man „mit Arabern nicht zusammenarbeiten” und „Arabern nicht vertrauen” könne – das sind dieselben Personen, die in ihren Freitagsreden gefühlt in jedem zweiten Satz das Wort Umma verwenden. Niemand fragt, mit welcher Legitimation sie mit diesem rassistischen Bauchgefühl die Existenzbedingungen „der Muslime” in Deutschland gestalten dürfen.
Ohne die Gleichsetzung könnten wir darüber reden, dass es Rassismus auch in ethnisch-nationalistisch ideologisierten Verbandsstrukturen gibt und dass dort aus ideologischen Gründen Antisemitismus und Queerfeindlichkeit mit religiösen Argumenten tradiert werden. Zu glauben, diese Zustände wirkten sich nicht auf die Mehrheit der Muslime aus, ist ignorant. Und Forderungen, diese Strukturen müssten auch noch gestärkt werden, sind infam, wenn sie mit der Behauptung erhoben werden, man wolle damit Muslime schützen.
Stattdessen wird die Gleichsetzung in immer tieferen gesellschaftlichen Zusammenhängen reproduziert. Auch die akademische Landschaft ist mittlerweile bemüht zu erklären, in diesen Verbandsstrukturen werde die beste Prävention gegen Radikalisierung betrieben. Statt einer kritischen Analyse des religiösen Alltags begnügt man sich damit, die Selbstbeschreibungen der Verbände ungeprüft zu reproduzieren, weil „die Muslime” vor Pauschalvorwürfen geschützt werden sollen. Diese wohlmeinende Absicht bestimmt das Ergebnis der Forschung. Die Türkeibindung der DITIB wird dann zum „Alleinstellungsmerkmal”, das man aufrechterhalten solle. Predigttexte, die mehr muslimische Pflegefamilien fordern und sich dabei an der queerfeindlichen Familienpolitik der AKP orientieren, werden in Studien zu sozialen Botschaften zum Kindeswohl umgedeutet.
Wenn nicht einmal die klügsten muslimischen Köpfe bereit sind, an dieser Stelle zu unterscheiden, kann niemand von der Mehrheitsgesellschaft erwarten, dass sie diese Differenzierungsleistung erbringt. Die Mängel dieser Verbandsapparate werden dann für Eigenschaften aller Muslime gehalten. Es ist in diesem Zusammenhang schon ein merkwürdiger Antirassismus, der die Repräsentationsansprüche einer ausländischen Staatsbehörde und einer ausländischen politischen Ideologie gegen die Kritik von deutschen Muslimen in Schutz nimmt.
Wer ist „wir”
Ich benutze in Texten wie diesem selbstverständlich das Wort „wir”. Wir müssen einsehen, dass wir ein Islamismusproblem haben. Wir müssen das Weltbild dieser Menschen benennen und entkräften. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass Islamisten mit uns am selben religiösen Tisch sitzen.
Ich meine das ernst, und ich habe keinen besseren Begriff. Aber ich weiß nicht mehr genau, wen ich damit anspreche. Die Institutionen, die dieses „wir” nach außen zu verkörpern behaupten, sind es nicht. Sie haben in dieser Woche gezeigt, welchen Interessen ihre Kommunikation folgt, und es sind nicht die der Muslime in Deutschland. Diese wiederum haben keine Struktur, in der sie ein „wir” bilden könnten, das über die eigene Familie hinausreicht. Was fehlt, ist allerdings keine weitere Dachorganisation. Was fehlt, ist die Erfahrung, ohne eine solche Organisation als Muslim ernst genommen zu werden.
Vielleicht ist der ehrlichste Satz, den ich zu dieser schwierigen Woche schreiben kann, dieser: Ich weiß, wovon ich mich abgrenze. Ich weiß nicht, wozu ich gehöre. Und jene Stimmen – wie die beiden oben beschriebenen -, die in Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft bereit sind, ihre Zugehörigkeit derart bedingungslos zu formulieren, helfen mir nicht, sie als „wir“ wahrzunehmen.