Die Sendung vom 16. Juni 2026 bei Markus Lanz war einer jener seltenen Momente im öffentlichen Fernsehen, in denen eine Debatte tatsächlich das berührte, worum es geht. Ich frage mich allerdings, ob das den Beteiligten während der Sendung auch wirklich bewusst war. Denn je länger die Sendung dauerte, desto deutlicher wurde ein Muster, das ich für symptomatisch in den Debatten um den Islam und muslimisches Leben in Deutschland halte. Die Gäste schienen zu glauben, es reiche, ihre Schlagworte in den Ring zu werfen und ihr jeweiliges Publikum werde schon wissen, dass damit alles Wesentliche gesagt sei. Auf der einen Seite „Unterwanderung“, auf der anderen „antimuslimischer Rassismus“. Beide Begriffe stehen für reale Phänomene. Aber als Debattenbeiträge funktionieren sie vor allem als Signale an die eigene Seite und nicht als Argumente, die etwas erklären oder voranbringen. So kommen wir nicht weiter. Dieser Text ist der Versuch, einige der Fragen, die die Sendung aufgeworfen und offengelassen hat, etwas genauer zu stellen und zu präzisieren.
Immer wieder tauchen Umfragen auf, die ein unbehagliches Bild zeichnen. Der MOTRA-Monitor, im März 2026 veröffentlicht und in der Sendung zitiert, kommt zu dem Ergebnis, dass rund 45 % der unter 40-jährigen Muslime in Deutschland latent oder manifest islamismusaffine Einstellungen aufweisen. 11,5 % dieser Gruppe weisen demnach bereits manifeste islamistische Einstellungen auf, 33,6 % latente – wobei latente Islamismusaffinität nicht zwingend aktive Ablehnung der Demokratie im Alltagshandeln bedeutet, aber Anschlussfähigkeit für entsprechende Ideologien signalisiert. Fast jeder zweite junge Muslim kann sich unter bestimmten Umständen die Errichtung eines islamischen Gottesstaates vorstellen. Eine Studie des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster unter 252 Studierenden der Islamischen Religionspädagogik und Islamischen Theologie ergab, dass ein Viertel der Befragten die Scharia dem deutschen Recht vorzieht, jeder Dritte Juden als Feinde betrachtet und 22 % den Islam als einzige und höchste politische Autorität verstehen.
Solche Zahlen lösen reflexartig zwei Reaktionen aus. Beide waren auch in der Lanz-Sendung wieder zu beobachten. Die eine ist Empörung, die schnell in Pauschalverdacht umschlagen kann und in den gesellschaftlichen Debatten auch häufig umschlägt. Die andere ist Relativierung. Umfragen seien ungenau, Fragen suggestiv, man dürfe keine falschen Schlüsse ziehen. Beide Reaktionen verfehlen das Eigentliche. Denn das Problem liegt tiefer als in der Frage, ob die Zahlen im Einzelnen stimmen, ob Methoden der Datenerhebung verbesserungswürdig oder fehleranfällig sind. Und noch tiefer liegt das Problem darin, dass es in den muslimischen Gemeinschaften selbst viel zu selten und viel zu leise diskutiert wird.
Koran vor Grundgesetz
Natürlich ist der Koran für Muslime häufig die erste und entscheidende Quelle für die persönliche Lebensführung, für die eigene Sinnsuche, für Halt und Orientierung in den Fragen, die keine Behörde und kein Gesetz beantworten kann. Das ist nicht nur verständlich, sondern der Kern religiöser Existenz überhaupt, und keine ernsthafte Kritik richtet sich dagegen. Artikel 4 des Grundgesetzes schützt genau diese Freiheit. Wer fragt, ob der Koran oder die Bibel oder die Tora für einen persönlich noch vor dem Grundgesetz die wichtigere Quelle sei, stellt eine Frage, die das Grundgesetz selbst gar nicht stellen würde und auch nicht stellen will.
Aber die Umfragen fragen auch nicht nach einer solchen Rangfolge der Bedeutung für das eigene Leben. Sie fragen, was gilt, wenn beides in Konflikt gerät. Also danach, nach welcher Ordnung unser Zusammenleben gestaltet werden soll? Und genau hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn nicht alle, die diese Frage falsch beantworten, tun das aus demselben Grund.
Viele einfache Gläubige, die bei einer Umfrage sagen, der Koran stehe über dem Grundgesetz, erliegen einem kategorialen Irrtum. Sie verwechseln eine Frage nach gesellschaftlicher Ordnung mit einer Frage nach persönlicher Priorität. Sie meinen: „Mein Glaube ist mir wichtiger als staatliche Regelungen“. Das ist menschlich nachvollziehbar und als Antwort auf die gestellte Frage trotzdem falsch. Denn die Frage nach dem Verhältnis von Koran und Grundgesetz ist keine Frage der persönlichen Prioritäten. Sie ist eine Frage nach der Ordnung unseres Zusammenlebens. Und für diese Ordnung gibt es keine religiöse Alternative, die für alle gelten könnte.
Ideologie – nicht Irrtum
Aber dieser individuelle Irrtum reicht als Erklärung nicht aus für das, was strukturell in den muslimischen Gemeinschaften und ihren Organisationen – aktuell immer intensiver – geschieht. Denn dort handelt es sich nicht um einen kognitiven Verständnisfehler. Es handelt sich vielmehr um eine Weltanschauung. Der klassische politische Islam – in seinen verschiedenen Ausprägungen von der Muslimbruderschaft bis zu Milli Görüş – hat diese Position programmatisch ausformuliert. Der Islam ist im dortigen Sinne nicht eine Religion neben anderen, sondern ein vollständiges Lebens- und Gesellschaftssystem, „din wa daula“, Religion und Staat in einem. Das ist keine individuelle Verwechslung von Kategorien, sondern die bewusste Ablehnung der Unterscheidung zwischen beiden. Die kategoriale Ausdehnung des Islam auf alle Lebensbereiche einschließlich des politischen und rechtlichen ist dort nicht Versehen, sondern Überzeugung. Die Verabsolutierung des Islam gegenüber anderen Ordnungssystemen ist nicht Denkfehler, sondern Kern der Ideologie. Wer das als bloßen Irrtum behandelt, dem man mit Aufklärung begegnen könnte, unterschätzt, womit er es zu tun hat.
Religionen sind, was ihr Verhältnis nach außen betrifft, hierarchisch angelegt. Das ist keine islamspezifische Eigenheit, das gilt für alle Offenbarungsreligionen. Die eigene Gemeinschaft ist die bevorzugte, der eigene Glaube der wahre, das eigene Gottesbild das richtige. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ sagt seinem Sinn nach eben nicht nur das Christentum. Für die Binnenperspektive einer Glaubensgemeinschaft ist das folgerichtig und legitim. Aber es kann nicht die Grundlage für das Zusammenleben mit denen sein, die dieser Gemeinschaft nicht angehören. Was für die eigene Gemeinschaft gilt, gilt selbst nach der eigenen religiösen Logik – übrigens auch innerhalb der islamischen Theologie – eben nicht für alle, und ein Prinzip, das nicht für alle gilt, taugt nicht als Fundament einer gemeinsamen Ordnung.
Grundgesetz vor Koran
Genau das ist aber die Funktion des Grundgesetzes. Es ist keine Konkurrenz zur Religion, kein Angriff auf den Glauben und keine staatliche Zumutung gegenüber den Religiösen. Es ist die säkulare, religiös neutrale Grundlage, auf der Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen, unterschiedlichen Gottesbildern und unterschiedlichen Lebensweisen gemeinsam existieren können, ohne dass eine Gruppe der anderen ihre Wahrheit aufzwingen muss. Die Grundrechte regeln zwar formal das Verhältnis des Einzelnen zum Staat, seinen Schutz durch den Staat und gleichzeitig seinen Schutz vor dem Staat, aber sie bringen zugleich zum Ausdruck, auf welchem Fundament menschliche Existenz in diesem Gemeinwesen beruht. Nämlich auf der Unveräußerlichkeit der menschlichen Würde, der Gleichheit vor dem Recht und der Freiheit des Einzelnen gegenüber dem Kollektiv. Das ist kein Kompromiss, der religiösen Gemeinschaften und Individuen etwas kostet. Es ist vielmehr die Grundbedingung, unter der Religionsfreiheit überhaupt möglich ist, auch die eigene, auch die der muslimischen Gemeinschaften.
Kategoriale Ausdehnung
In erheblichen Teilen der muslimischen Gemeinschaften in Deutschland hat sich aber ein Selbstverständnis etabliert, das nicht nur den oben beschriebenen kategorialen Irrtum begeht, sondern die kategoriale Ausdehnung des Islam zur Identität erhebt. Islam wird dort nicht als persönliche Glaubenspraxis verstanden, sondern als umfassendes gesellschaftliches Ordnungsprogramm, dem gegenüber das weltliche Recht allenfalls einen vorläufigen Kompromissstatus einnimmt. Dieser Anspruch ist mittlerweile – und das ist die aktuelle Dringlichkeit dieses Befundes – nicht bloß die stille Überzeugung einer radikalen Minderheit am Rand der muslimischen Communitys. Er sitzt, wie die genannten Studien zeigen, tief in der Mitte muslimischer Alltagswelten. In der Lanz-Sendung reagiert Khola Maryam Hübsch darauf – wie so häufig zu beobachten in muslimischen Reaktionen auf diese Frage – mit einer Haltung der Relativierung und methodischer Zweifel an diesem Befund.
Die Konflikte, die aus diesem Irrtum oder aus der identitären Ausdehnung entstehen, sind nicht abstrakt. Sie zeigen sich dort, wo muslimische Eltern ihren Töchtern den Besuch von Schwimmunterricht oder Klassenfahrten verweigern und sich dabei auf religiöse Pflichten berufen, die das staatliche Schulrecht nicht kennt. Sie zeigen sich, wo Muslime, die Zweifel an Glaubensvorstellungen äußern oder sich gar aus religiösen Bindungen lösen wollen, als Abtrünnige behandelt werden und sozialen oder familiären Druck erfahren, der in keiner Weise mit dem verfassungsrechtlich garantierten Recht auf Religionsfreiheit vereinbar ist. Die Freiheit, den Glauben zu verlassen, ist im Islam in weiten Teilen seiner Gemeinschaften kein anerkanntes Recht, sondern ein Tabu, das mit sozialer Ausgrenzung und Ächtung, in extremen Fällen mit physischer Bedrohung sanktioniert wird.
Wie tief der Reflex, sich nicht mit dieser Frage nach den kategorialen Grenzen des eigenen Glaubens und den daraus entstehenden Konflikten beschäftigen zu wollen, sitzt und wie vehement er verteidigt wird, hat die Lanz-Sendung noch einmal sichtbar gemacht. Khola Maryam Hübsch wurde gefragt, ob sie ein Kopftuchverbot für Kinder befürworte. Ihr zentrales Gegenargument – und für mich einer der beiden schmerzhaftesten Momente der gesamten Sendung: „Wenn Sie das Kopftuch für Kinder verbieten, dann müssen Sie auch die Kippa verbieten.“
Verdrängung als Glaubensgrundlage
Das klingt nach konsequenter Gleichbehandlung, ist aber das Gegenteil. Und mehr noch, es offenbart eine diskursive Verdrängung und Verweigerung, die in der Haltung Hübschs exemplarisch für ein weitverbreitetes Phänomen in den muslimischen Gemeinschaften steht. Ich unterstelle Hübsch dabei keine böse Absicht. Sie macht vielmehr sichtbar, wie fossiliert die muslimische Selbstwahrnehmung und Selbstverortung in den Debatten um muslimisches Leben in Deutschland mittlerweile sind.
Kippa und Kopftuch bei jüdischen und muslimischen Kindern sind nicht das Gleiche und deshalb auch nicht vergleichbar. Nicht weil eine Religion mehr wert wäre als eine andere, sondern weil die sozialen Druckverhältnisse, die hinter beiden Symbolen stehen, empirisch grundverschieden sind. Die Kippa ist ein religiöses Erkennungszeichen, das in der jüdischen Gemeinschaft – soweit mir bekannt – nicht als religiöse Pflicht für Kinder gilt, deren Nichtbefolgen mit sozialen Konsequenzen sanktioniert wäre. Das Kinderkopftuch hingegen wird in weiten Teilen der muslimischen Gemeinschaften als religiöse Erwartung verstanden, deren Nichterfüllung mit sozialem Druck, familiären Konflikten und Ausgrenzung beantwortet werden kann.
Der Unterschied liegt nicht im Symbol, sondern im Zwang, der hinter dem Symbol stehen kann und in nicht wenigen Fällen auch steht. An diesem Punkt wollen viele – so wie auch Hübsch in der Sendung – auf das religiöse Erziehungsrecht der muslimischen Eltern abstellen. Das ist argumentativ legitim. Aber es ist auch unvollständig. Denn Hübsch und mit ihr alle Apologeten des Kinderkopftuches müssten sich dann – wenn sie die Freiheitsräume dieser Gesellschaft tatsächlich ernst nehmen – ebenso konsequent und mit der gleichen öffentlichen Vehemenz wie Hübsch bei Lanz innerhalb der eigenen muslimischen Gemeinschaften dafür einsetzen, dass Mädchen sich ab 12 Jahren auch gegen das Tragen eines Kopftuches entscheiden können, ohne familiären und sozialen Zwängen ausgesetzt zu sein. Eine solche offene Diskussion über diese Frage der Religionsmündigkeit muslimischer Mädchen erlebe ich in unseren muslimischen Gemeinschaften aber nicht. Für nicht wenige muslimische Mädchen ist religiöse Gemeinschaft vielmehr nur unter Bedingungen möglich, die sie selbst nicht kontrollieren und auf die sie selbst als erwachsene Frauen keinen wirksamen Einfluss haben. Wer eine Ahnung von den tatsächlichen Tendenzen und bereits fortgeschrittenen Entwicklungen in dieser Frage erhalten will, mag sich die Fotos der Jugendarbeit in muslimischen Organisationen der letzten 15 Jahre angucken und danach schauen, welche Veränderungen allein im äußeren Erscheinungsbild dort zu beobachten sind.
Dynamik der Gemeinschaft
Die eigentliche Schutzfrage ist deshalb nicht, ob Religion sichtbar sein darf, denn das darf sie, und das Grundgesetz schützt diese Sichtbarkeit ausdrücklich. Die Frage ist, ob ein Kind, das noch nicht religionsmündig ist, durch das Tragen eines religiösen Symbols in eine Rolle gedrängt wird, die es nicht selbst gewählt hat und aus der es – und das ist der entscheidende Punkt – sozial kaum herauskommen kann, ohne einen hohen Preis zu zahlen. Diese Frage wegzureden, indem man auf die Kippa verweist, mag für die Dynamik einer Talkshow geschickt sein. Sie ist aber argumentativ unehrlich und leugnet die Dynamiken der eigenen muslimischen Gemeinschaften, die Hübsch nicht verborgen geblieben sein können.
Gerade Hübsch müsste die Wucht dieser Dynamiken nur zu bekannt sein. Aber in ihrem lauten Einsatz für das, was sie für die Interessen der Muslime hält, verdrängt sie, dass eben diese muslimischen Gemeinschaften des Mainstream-Islam ihr und ihrer Gemeinschaft der Ahmadiyya die Eigenschaft absprechen überhaupt Muslime zu sein. Genau das ist das Muster und das diesem Muster zu Grunde liegende Problem, das ich in diesem Text und in vielen Texten zuvor beschreibe: Wir haben es in unseren muslimischen Gemeinschaften und bei ihren öffentlichen Gesichtern – wie aktuell Hübsch bei Lanz – mit einer strukturellen Weigerung zu tun, das Eigene wirklich kritisch zu befragen. Wer innerhalb der muslimischen Gemeinschaften das Eigene kritisch benennt, wird nicht als Mahner, sondern als Verräter behandelt. Und das hinterlässt Spuren und führt zu Vermeidungshaltungen insbesondere auch bei jenen, die wie Hübsch unter dieser Dynamik der eigenen muslimischen Gemeinschaften zu leiden haben.
Die Wirkmacht dieser Weigerung und die Veränderungen, die sie auch in der politischen Landschaft verursacht, wurde am Beispiel eines anderen Gastes deutlich. Lamya Kaddor hat in derselben Sendung ein Argument eingebracht, das auf den ersten Blick einleuchtet: Wer Islamismus bekämpfen wolle, müsse auch antimuslimischen Rassismus bekämpfen – beides seien zwei Seiten einer Medaille. Das ist halb richtig und deshalb halb falsch, und die falsche Hälfte ist die gefährlichere.
Gefährliche Medaille
Richtig ist, dass Diskriminierungserfahrungen, das Gefühl, nicht dazuzugehören, der Blick der Mehrheitsgesellschaft, der Muslime primär als Sicherheitsrisiko wahrnimmt, Radikalisierung begünstigen können. Das ist empirisch belegt, und wer das bestreitet, verschließt die Augen vor den eigenen Daten. Aber aus dieser Wechselwirkung eine Medaille zu machen, setzt voraus, dass beide Seiten symmetrisch sind, dass also der Kampf gegen Islamfeindlichkeit und der Kampf gegen Islamismus dasselbe Problem von zwei Seiten her angehen. Das ist aber nicht zutreffend.
Islamfeindlichkeit ist ein Problem der Mehrheitsgesellschaft, das der Staat und seine Institutionen durch Antidiskriminierungspolitik, Strafverfolgung und strukturelle Reformen angehen müssen. Islamismus ist ein Problem, das seinen Ursprung in einer Ideologie hat, die innerhalb der muslimischen Gemeinschaften entsteht, gepflegt und weitergegeben wird und das deshalb auch dort bearbeitet werden muss. Beide Probleme verdienen Aufmerksamkeit. Aber sie haben unterschiedliche Ursachen, unterschiedliche Träger und verlangen unterschiedliche Antworten.
Lamya Kaddor verkennt in ihrem Argument noch eine zweite, subtilere aber gleichwohl wichtige Ebene. Sie suggeriert eine Kausalität, die in dieser Richtung nicht belegt ist, dass nämlich Islamismus vor allem eine Reaktion auf Islamfeindlichkeit sei und deshalb mit ihr steht und fällt. Das ist empirisch nicht haltbar. Und auch hier mache ich Lamya Kaddor keinen persönlichen Vorwurf einer bösen Absicht. An ihrem Argument wird lediglich deutlich, welche Denkmuster unsere Debatten der letzten Jahre und die innermuslimische Weigerung einer kritischen Selbstbefragung hervorgebracht haben und wie hartnäckig sie als diskursive Selbstverständlichkeiten verteidigt werden.
Islamistische Ideologie hat eine eigenständige intellektuelle und theologisch-politische Geschichte, die unabhängig davon existiert, wie Muslime in westlichen Gesellschaften behandelt werden. Milli Görüş wurde nicht gegründet, weil türkische Gastarbeiter in Deutschland diskriminiert wurden. Die Muslimbruderschaft entstand nicht als Reaktion auf westlichen Rassismus. Die Idee des „din wa daula“ ist keine Trotzreaktion auf Ausgrenzung. Sie ist ein ideologisches Programm und ein politisches Angebot. Ein Argument, das diese Tatsache ausblendet, läuft Gefahr, selbst in Grundzügen rassistisch zu wirken: Es vermittelt das Bild von Muslimen als Kinderseelen, die lediglich zu affektiven Reaktionen auf frustrierende gesellschaftliche Erfahrungen und nicht zu strategischen, ideologischen Konzepten fähig sind.
Das bedeutet nicht, dass Diskriminierungserfahrungen irrelevant sind. Sie sind es nicht. Sie wirken nachweislich als Brandbeschleuniger, als Rekrutierungshebel, als emotionaler Resonanzboden für Ideologien, die Menschen ein Gefühl von Würde und Zugehörigkeit versprechen, das die Mehrheitsgesellschaft ihnen verweigert. Aber ein Brandbeschleuniger ist eben nicht die Ursache des Feuers. Wer die Bekämpfung des Islamismus an die Bekämpfung der Islamfeindlichkeit koppelt, riskiert erstens, dass Islamismus als primär fremdverursachtes Problem erscheint, für das die muslimischen Gemeinschaften selbst kaum Verantwortung tragen. Und zweitens, dass der politische Druck, Islamismus intern, also innermuslimisch, zu bekämpfen, nachlässt, solange Islamfeindlichkeit nicht ausreichend bekämpft ist. Das bedeutet de facto, dass muslimische Gemeinschaften ihre Eigenverantwortung, die Ursachen des Islamismus zu bekämpfen, auf einen Sankt-Nimmerleins-Tag vertagen, bis wir alle in einer utopischen Gesellschaft angekommen sind, in der es keinerlei gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit mehr gibt.
Das Medaillen-Argument ist gut gemeint. Aber gut gemeint ist nicht dasselbe wie richtig und konsequent gedacht. Jeder, der es in der Debatte verwendet, sollte sich fragen, weshalb die gleiche argumentative Rhetorik auch von muslimischen Funktionären und radikalen Online-Influencern verwendet wird, die diese Gesellschaft als feindliches Umland ihrer muslimischen Wagenburg beschreiben, gegen das sich Muslime zu verteidigen hätten und die jede Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Islamismus verweigern, ja sogar bestreiten, dass es ihn tatsächlich gibt.
Fehlende Differenzierung
Muslime beklagen zu Recht, dass in der öffentlichen Debatte zu wenig zwischen Islam und Islamismus, zwischen Muslimen und Islamisten unterschieden wird. Diese Klage ist berechtigt. Denn Pauschalisierung schadet, sie trifft die Falschen und sie befördert genau jene Ausgrenzungserfahrungen, die ihrerseits als Brandbeschleuniger wirken. Differenzierung ist nicht nur ein Gebot der diskursiven Fairness, sie ist eine Voraussetzung für eine ernsthafte Debatte. Das haben alle Gäste bei Lanz auch mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck gebracht. Aber Differenzierung fällt nicht vom Himmel. Sie muss erarbeitet werden. Und sie muss vor allem von denen erarbeitet werden, die den Gegenstand von innen her kennen. Das ist der Punkt, an dem die muslimischen Gemeinschaften eine Verantwortung tragen, der sie bislang weitgehend ausgewichen sind.
Wenn nach einem Terroranschlag, nach einer islamistischen Demonstration, nach dem Bekanntwerden von Parallelstrukturen oder rechtsextremen Vorfällen auf Moscheeveranstaltungen der erste und oft einzige Reflex lautet: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“, dann ist das keine Differenzierung. Differenzierung würde bedeuten zu erklären, warum bestimmte Auslegungen des Islam auf fruchtbaren Boden fallen, welche theologischen Traditionen und institutionellen Strukturen das begünstigen und was dem entgegengesetzt werden kann. Das wäre eine ehrliche Auseinandersetzung mit allen Facetten des eigenen Glaubensbestandes. Stattdessen wird eine Grenzlinie gezogen, die den Islamismus vollständig aus dem Islam herausschneidet, als handele es sich um eine externe Bedrohung, die mit dem eigenen Glauben nichts gemein hat. Islamismus ist aber keine Erfindung von außen. Er ist eine falsche, gefährliche, abzulehnende Interpretation von innen. Das zu verdrängen, ist die nächste argumentative Unehrlichkeit in der Debatte.
Hinzu kommt, dass die muslimischen Organisationen, die am lautesten Differenzierung einfordern, im eigenen Bereich am wenigsten zu ihr bereit sind. Wer in den eigenen Reihen differenziert, wer unbequeme Fragen stellt, wer auf Missstände hinweist, wird nicht als Beitrag zur notwendigen differenzierten Debatte behandelt, sondern als Verräter, als Steigbügelhalter der Islamfeinde, als jemand, der der Gemeinschaft als „Hausmuslim“ schadet. Die innermuslimische Reaktion auf Differenzierung ist viel zu häufig Verachtung. Diese interne Intoleranz gegenüber Differenzierung ist das genaue Gegenteil dessen, was nach außen gefordert wird. Sie ist auch ihr größtes Hindernis. Denn eine Gemeinschaft, die intern keine abweichenden Stimmen duldet, kann nach außen keine glaubwürdige Differenzierung anbieten. Was sie anbietet, ist dann keine Unterscheidung zwischen Muslimen und Islamisten, sondern lediglich eine Abgrenzung, eine Geste, sich vom Schlimmsten zu distanzieren, ohne sich mit den Ursachen zu befassen – weil die Ursachen in nicht unerheblichem Maße auch etwas mit den eigenen Strukturen und Glaubensverständnissen zu tun haben.
Differenzierung verlangt aber mehr. Sie verlangt die Bereitschaft zu fragen, warum junge Menschen in Deutschland, die hier aufgewachsen sind, hier zur Schule gegangen sind und hier leben, für islamistische Ideologien empfänglich sind. Nicht als Anklage, sondern als ernsthafte Frage. Sie verlangt die Bereitschaft, die eigenen Institutionen – Moscheen, Verbände, Vereine – daraufhin zu befragen, welche Weltbilder sie vermitteln und welche Loyalitäten sie erzeugen. Und sie verlangt die Bereitschaft anzuerkennen, dass das Schweigen der Mehrheit in einer Gemeinschaft keine Distanz belegt, sondern nur, dass die Mehrheit eben schweigt, wenn neben ihr etwas Schlimmes passiert. Wer das alles nicht tut, aber trotzdem Differenzierung einfordert, fordert sie von den Falschen. Denn Differenzierung ist keine Leistung, die ausschließlich die Mehrheitsgesellschaft den muslimischen Gemeinschaften schuldet. Sie ist eine Leistung, die auch die muslimischen Gemeinschaften sich selbst und dieser Gesellschaft schulden.
Offene Fragen
Das ist der eigentliche Mangel, der in dieser Debatte zu selten benannt wird. Ja, Muslime werden pauschal verdächtigt. Das passiert tatsächlich und ist ein reales und ernstzunehmendes Problem. Gleichzeitig findet in den muslimischen Gemeinschaften selbst keine robuste Auseinandersetzung mit der Frage statt, wie das eigene religiöse Selbstverständnis mit den Anforderungen einer demokratischen Gesellschaft vereinbar ist. Wie sieht der Platz einer muslimischen Gemeinschaft in einem nichtmuslimischen Gemeinwesen aus? Und zwar dauerhaft, nicht bloß als Übergangsphase bis zu einer imaginierten Mehrheit? Wie kann diese muslimische Gemeinschaft gleichberechtigte Stütze einer demokratischen Ordnung sein, ohne dem Anspruch zu folgen, dieses Gemeinwesen perspektivisch nach eigenen religiösen Vorstellungen umzugestalten und dabei seine bestehenden Freiheitsräume für andere einzuschränken? Das ist die entscheidende Frage. Sie wird in muslimischen Gemeinschaften nicht beantwortet. Sie wird in den meisten muslimischen Organisationen nicht einmal offen gestellt.
Dabei ist sie dringender als je zuvor. Islamfeindlichkeit ist real. Derselbe MOTRA-Monitor, der oben zu Einstellungen unter Muslimen zitiert wurde, stellt fest, dass 43 % der Gesamtbevölkerung antimuslimische Einstellungen teilen und mehr als 28 % eine manifest muslimfeindliche Haltung aufweisen. Diese Zahlen sind nicht weniger alarmierend als die Zahlen über islamistische Einstellungen. Der pauschale Verdacht gegenüber Muslimen schadet dem Zusammenleben und ist mit dem Grundsatz einer pluralistischen Gesellschaft, den unser Grundgesetzes vermittelt, nicht vereinbar. Aber dieser Befund entbindet die muslimischen Gemeinschaften nicht von ihrer eigenen Verantwortung. Wer auf Augenhöhe für sich eintreten will, muss auch die Bereitschaft zeigen, das Eigene zu befragen. Wer fordert, als Teil dieser Gesellschaft ernst genommen zu werden, muss auch bereit sein, die Grundlagen dieser Gesellschaft ernst zu nehmen und nicht nur taktisch zu akzeptieren, sondern innerlich zu bejahen. Dieses Bejahen ist kein quasi-religiöses Bekenntnis. Es verpflichtet aber zu einer selbstkritischen Debatte darüber, was es für eine muslimische Gemeinschaft bedeutet, in einer demokratischen Gesellschaft nicht nur zu existieren, sondern sie aktiv zu stützen und zu schützen.
Das Grundgesetz bietet für diese Frage nicht nur eine beliebige Antwort, sondern die einzige, die alle einschließt. Auch uns Muslime. Aber diese Antwort anzunehmen verlangt mehr als nur formale Loyalität. Es verlangt die Bereitschaft zu akzeptieren, dass der eigene Glaube die erste Quelle nur für das eigene Leben ist, aber nicht für das Leben der anderen. Das ist keine Niederlage des Glaubens, sondern seine Beheimatung in einer freiheitlichen Demokratie. Vor diesem gedanklichen Hintergrund müssen wir festhalten: Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, haben wir bislang vielleicht zu einseitig gestellt. Viel wichtiger als die Antwort von Politikern ist für mich, wie die Antwort von uns Muslimen auf diese Frage lautet. Und was wir tatsächlich meinen, wenn wir diese Frage bejahen.