Niemandes Land – Über die Einsamkeit des Ankommens

Es gibt eine Beobachtung, die mich seit einiger Zeit beschäftigt und die ich bislang nicht in Worte gefasst habe, weil sie unbequemer ist als das, was ich sonst schreibe – und wer meine Texte und das Projektformat des „unbequemen Gesprächs“ oder die „Dauernörgler“ kennt, weiß, dass ich unbequeme Themen und kritische Anmerkungen nicht scheue. Aber dieses konkrete Thema empfinde ich als besonders bedrückend. Meine Beobachtung, über die ich hier schreiben will, betrifft die, die es in diesem Land geschafft haben und dennoch nicht ankommen.

Der Auslöser war sehr konkret, steht aber für ein übergeordnetes Phänomen, so dass ich auf eine konkrete Namensnennung verzichte. Es geht um das Interview eines promovierten Wissenschaftlers, eines Politikwissenschaftlers, eines Soziologen und – seiner Selbstbezeichnung nach – „Beraters für Kommunikation“. Jemand vom Fach also, dem bewusst sein muss, dass es nicht nur wichtig ist, was man öffentlich sagt, sondern auch wem man was sagt. Es geht um sein Interview, in welchem er sich um die „Qualität der Demokratie“ in Deutschland sorgt und diese Sorge in die Kameras des TRTDeutsch spricht. TRTDeutsch ist der deutschsprachige Teil der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgesellschaft der Türkei – dem Propagandaorgan des türkischen Erdogan-Regimes, das mittlerweile auch Stand-up Comedians inhaftiert, weil sie es wagen, Witze über den größten türkischen Führer aller Zeiten zu machen. Eines Regimes, das ganz offen eine Diasporapolitik verfolgt, die die dauerhafte Entfremdung der türkisch-muslimischen Bevölkerung in Deutschland zum Ziel hat.

In diesem Text geht es aber nicht um das deutsch-türkische Verhältnis oder den Zustand der verwesenden türkischen Demokratie. Es geht um unsere migrantisch-deutschen Zustände, um Heimischwerdung, um die Authentizitätsperformance migrantischer Eliten und um die identitäre Wagenburg, an der sie mit solchen Interviews mitbauen, obwohl sie nicht darin leben wollen.

Re-Ethnizität

Wer in Deutschland aufmerksam verfolgt, wer in den letzten Jahren die öffentliche Debatte über Migration, Identität und Zugehörigkeit prägt, stellt fest, dass es häufig Menschen mit erfolgreichen Biografien sind. Akademiker, Autorinnen, Journalisten, Politiker – Menschen der zweiten oder dritten Einwanderergeneration, die das Bildungssystem durchlaufen, Karriere gemacht, Sichtbarkeit gewonnen haben. Eliten, migrantischer Herkunft, die zu den Privilegierten dieses Landes gehören. Menschen, für die das Erfolgsversprechen einer freien Gesellschaft auf ihrem persönlichen Lebensweg zur Realität geworden ist. Und es sind genau diese Menschen, die zunehmend eine Sprache sprechen, die nicht von Ankunft handelt, sondern von Fremdheit. Nicht von Gestaltung, sondern von Ausschluss. Nicht davon, was hier möglich ist, sondern davon, was hier verweigert wird.

Was sie ansprechen, ist keine Erfindung. Diskriminierung ist real. Muslimfeindlichkeit, antimuslimischer Rassismus, die Erfahrungen, auf die sich diese Stimmen berufen, sind keine Phantome. Aber es wäre intellektuell unredlich, nicht zu fragen, was es bedeutet, wenn ausgerechnet die Erfolgreichsten einer Gemeinschaft deren Narrativ der Dauerverletzung am lautesten tragen und was diese Konstellation mit den Menschen macht, die weniger Erfolg hatten und deren Verhältnis zu diesem Land deshalb eigentlich eine schwierigere Grundlage hätte.

Was ich beschreibe, wird in der Soziologie „reaktive Ethnizität“, manchmal auch „Re-Ethnizität“ genannt. Der Begriff bezeichnet das Phänomen, dass sich Angehörige einer Einwanderergemeinschaft als Reaktion auf Diskriminierungserfahrungen demonstrativ auf die Herkunftskultur besinnen. Und zwar nicht als authentischer Ausdruck gelebter Tradition, sondern als Abwehrhaltung gegenüber einer Gesellschaft, die als feindlich wahrgenommen wird. Was die Forschung dabei bislang seltener ausgeleuchtet hat ist die Tatsache, dass dieses Phänomen nicht nur bei denen auftritt, die tatsächlich gescheitert sind. Es tritt zunehmend bei denen auf, die erfolgreich sind. Und hier beginnt das eigentliche Problem, um das es in diesem Text geht.

Das Legitimationsproblem

Wer in der zweiten oder dritten Generation aufwächst und in der deutschen Mehrheitsgesellschaft Fuß fasst, steht innerhalb der eigenen Gemeinschaft mittlerweile unter einem zunehmenden Druck, der von außen kaum sichtbar ist. Jede gelungene Annäherung an die Mehrheitsgesellschaft kann – und wird mittlerweile immer mehr – als Verrat an der Herkunftsgemeinschaft gedeutet werden. Jede Distanzierung oder Infragestellung von kollektiven Opfernarrativen gilt als Kollaboration mit dem Feind. Die Frage, die einem gestellt wird – manchmal offen, öfter implizit – lautet: Auf wessen Seite bist du eigentlich? Und wer sich dieser Frage entziehen will, zahlt einen Preis, der sich in sozialer Ausgrenzung, in familiären Spannungen, in dem Gefühl misst, nirgends wirklich dazuzugehören.

Für den, der trotzdem erfolgreich wird, entsteht daraus ein spezifisches Legitimationsproblem. Der Erfolg in der Mehrheitsgesellschaft stellt die Gruppenzugehörigkeit infrage. Wer beweisen will, dass er noch „einer von uns“ ist, braucht ein Zeichen. Und dieses Zeichen ist in der Regel die öffentliche Betonung der eigenen Diskriminierungserfahrung oder wenigstens stellvertretend als Stimme der diskriminierten Herkunftsgruppe. Je lauter, desto glaubwürdiger. Re-Ethnizität wird zur Authentizitätsperformance. Als Beweis der authentischen Positionierung im Herkunfts-Wir. Für die Sprecher dieser Positionierung ist das durchaus keine Lüge. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit. Denn die Frage, die dabei nicht gestellt wird, lautet: Wem nützt diese Erzählung? Wem nützt es, wenn die Erfolgreichsten einer Gemeinschaft das System, in dem sie erfolgreich wurden, als grundsätzlich feindlich rahmen? Es als System der „Almans“, der „Kartoffeln“ schmähen? Die demokratische Qualität dieses Systems ausgerechnet jenen gegenüber beklagen, die offenkundig jede Achtung vor einem demokratischen Gemeinwesen verloren haben? Öffentlich davon fantasieren, dieses Land verlassen zu wollen, weil es für sie – ausgerechnet für sie – unerträglich geworden sei?

Die Antwort ist unbequem: Es nützt vor allem ihnen selbst. Denn es löst das Legitimationsproblem. Wer öffentlich erklärt, dass dieser Staat Muslime, Türkeistämmige, People of Color nicht wirklich zugehören lässt, signalisiert der eigenen Gemeinschaft: Ich habe mich nicht verkauft. Mein Erfolg ist trotz des Systems, nicht wegen ihm. Ich bin noch einer von euch. Ich bin nicht der Hausmuslim, nicht der Haustürke.

Was dabei strukturell entsteht, ist das, was man als Elite-Replikation von Ausschlussnarrativen bezeichnen könnte. Die Gebildeten, die Sichtbaren, die Einflussreichen reproduzieren eine Erzählung, die das Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft als grundsätzlich antagonistisch definiert. Und sie tun es gerade deshalb, weil sie selbst längst Teil dieser Gesellschaft sind und das nicht zugeben können, ohne ihren Status innerhalb der eigenen (Herkunfts-)Gemeinschaft zu gefährden.

Der biografische Widerspruch migrantischer Eliten

Was dabei selten thematisiert wird, ist die biografische Dimension dieses Widerspruchs. Viele dieser Stimmen haben in ihrer eigenen Lebensgeschichte die Distanz zu den geschlossenen Strukturen der migrantischen – und erst recht der organisierten muslimischen – Community bewusst gesucht. Sie haben Bildungswege eingeschlagen, die aus diesen Strukturen herausführten. Sie leben in Milieus, in denen die soziale Kontrolle der Herkunftsgemeinschaft keine Rolle mehr spielt. Sie haben Partner, Freundschaften, Berufsfelder gewählt, die mit den Erwartungen der Community, die sie öffentlich vertreten (wollen), oft wenig gemein haben. Und trotzdem sprechen sie im Namen eben dieser Community und fördern aktiv jene Selbstentfremdungsnarrative, die in ihr zirkulieren. Die Erzählung einer feindseligen Mehrheitsgesellschaft, das Bild des ewig Fremden, die Überzeugung einer vermeintlich unvermeidlichen Identitätsspaltung zwischen hier und dort. Sie tun das, obwohl oder vielleicht gerade weil sie diesen Narrativen in ihrer eigenen Biografie längst entwachsen sind. Die Strukturen, deren Weltbild sie öffentlich reproduzieren, haben sie selbst hinter sich gelassen. Was sie weitertragen, ist nicht die gelebte Realität dieser Gemeinschaften, sondern deren rhetorische und politische Verwertbarkeit.

Für die jungen Menschen, die in diesem Umfeld aufwachsen, ist das fatal. Sie bekommen von den Erfolgreichsten, die sie als Vorbilder wahrnehmen, die Botschaft: Dieses Land lässt dich nicht wirklich rein. Und gleichzeitig sehen sie, dass diese Vorbilder sehr wohl drin sind. Sogar sehr weit oben drin sind. Der Widerspruch ist offensichtlich. Aber er wird nicht aufgelöst, sondern durch immer lauter werdende Diskriminierungsnarrative überlagert. Was dabei verloren geht, ist die Möglichkeit, das Deutschsein als etwas zu begreifen, das man aktiv mitgestalten kann, und zwar nicht als Privileg, das einem gewährt oder verweigert wird, sondern als Praxis, an der man teilnimmt – und an der diese Vorbilder ja selbst teilgenommen haben.

Dabei hat die Geschichte der Einwanderung nach Deutschland gezeigt, dass es diese Praxis gibt und gegeben hat. Die erste Generation, die hierher kam, hatte in vielem keine Wahl. Sie kam, weil sie gebraucht wurde, nicht weil man ihr Ankommen als gesellschaftliches Projekt verstanden hätte. Die Diskriminierung, die sie erlebte, die meine eigenen Eltern erlebt haben, war real und strukturell. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – entwickelte diese Generation häufig ein pragmatisches Verhältnis zu diesem Land. Man war hier, man lebte hier, man baute hier mit auf. Was entstand, im Kleinen des Persönlichen wie auch im Großen der gesellschaftlichen Zustände, war das Ergebnis der eigenen Bemühungen. Es war das Eigene, auch wenn es vielfach so nicht bewusst erlebt worden sein mag. Re-Ethnizität war dabei eine Schutzfunktion, ein Anker des Vertrauten in der Fremde, die lebendige Erinnerung an das Leben vor Deutschland, aber keine politische Programmatik.

Die fragile Identität des Fremden

In der zweiten Generation begann sich das zu verschieben. Die Migrationserfahrung war nicht mehr die eigene, sondern die ererbte. Die Fremdheit – auch meine Fremdheit – war nicht mehr die Fremdheit des Ankömmlings, sondern die Fremdheit des Aufgewachsenen, der trotz allem als fremd behandelt wird. Das ist eine andere, in mancher Hinsicht schwierigere Erfahrung weil sie nicht durch die Erzählung des Neuanfangs aufgefangen werden kann. Hier entstand der Boden, auf dem die reaktive Ethnizität von heute gedeiht.

In dieser zweiten und mittlerweile noch stärker in der dritten Generation ist etwas Entscheidendes eingetreten. Die Migrationserfahrung existiert nicht (mehr) als unmittelbar erlebte Biografie, sondern nur noch als erzähltes Erbe. Wer in Deutschland aufgewachsen ist, hier zur Schule gegangen ist, hier seine Freundschaften, seinen Beruf, seine Sprache gefunden hat, ohne jemals woanders gelebt zu haben, der trägt eine Re-Ethnizität, die er nicht aus eigener Migrationserfahrung herleiten kann. Sie ist ideologisch gewählt, nicht unmittelbar biografisch gewachsen. Das macht sie einerseits fragiler, weil sie sich permanent neu beweisen muss. Andererseits macht es sie aggressiver, weil Zweifel an ihr – auch in Gestalt von migrantischen Dritten, die sich dieser Re-Ethnizität verweigern – als Angriff auf die eigene Identität erlebt werden.

Es gibt eine Frage, die man sich in diesem Zusammenhang stellen muss, auch wenn sie unangenehm ist: Warum funktioniert das? Warum verfängt dieses Narrativ in einer Generation, die objektiv mehr Optionen hat als jede Generation vor ihr, sich dieses Land als das eigene zu begreifen? Eine Teil-Antwort liegt in der deutschen Öffentlichkeit selbst. Talkshows, Redaktionen, Förderinstitutionen, Preise – sie alle belohnen bestimmte Narrative. Der migrantische Intellektuelle, der von Diskriminierung berichtet und dabei persönlichen Erfolg demonstriert, bedient eine emotionale Erwartung des liberalen Kulturbetriebs. Er liefert Betroffenheit und Überwindung in einem, Opfer und Vorbild zugleich. Das ist ein attraktives Produkt auf dem Markt der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Wer dagegen sagt: Ich bin hier zuhause, ich habe keine Identitätskrise, und ich kritisiere die eigenen Gemeinschaften für ihre identitären Wagenburgen, der bekommt dafür deutlich weniger Resonanz und erntet dafür, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, von beiden Seiten Gegenwind. Für die Herkunftsgemeinschaften ist man damit der Verräter, der „deutsche Agent“, der assimilierte Hausmuslim. Für die politischen Interessenvertreter, die sich als Anwälte der Unterdrückten verstehen, ist man derjenige, der „rassistischen Rechtfertigungsdruck“ aufbaut und auf den „Applaus von der falschen Seite“ schielt. Sie wollen einem – als Nichtmuslime – dann erklären, wie man sich als Muslim in dieser Gesellschaft gefälligst zu fühlen und zu positionieren hat.

Die Macht der Dauerverletzung

Ich will damit nicht Diskriminierungserfahrungen relativieren. Sie gehören zu meinem eigenen realen Erfahrungshorizont. Aber diese Selektivität der öffentlichen Aufmerksamkeit trägt selbst zu einer Verzerrung bei, die letztlich niemanden nützt. Am wenigsten nützt sie denen, in deren Namen gesprochen wird. Wer das Narrativ der rassistischen oder muslimfeindlichen Dauerverletzung besetzt, der tut etwas sehr Wirksames. Er definiert damit, wer zur Gemeinschaft gehört und wer nicht. Wer dieses Narrativ nicht teilt, wer sagt, es ist komplizierter, wer auf eigene Verantwortung besteht, wer Selbstwirksamkeit ohne Opfernarrativ bewirbt, der steht plötzlich außerhalb. Das ist klassisches Gatekeeping im öffentlichen Diskurs und an der sozialen Tür der migrantischen / muslimischen Communitys. Und es ist eine Form von Macht, die in der Debatte über Einwanderung und Integration fast nie als solche benannt wird.

Aber es wäre unvollständig, die gesamte Verantwortung bei den migrantischen Eliten zu belassen. Denn es gibt eine Frage, die die deutsche Mehrheitsgesellschaft sich selbst bislang nicht ernsthaft gestellt hat. Was meinen wir eigentlich, wenn wir Integration fordern? In den öffentlichen und politischen Debatten wird Integration fast ausschließlich als Zustand beschrieben, den Migranten zu erreichen haben. Als Ziel am Ende eines Weges, der mit Spracherwerb beginnt, über Bildung und Beschäftigung führt und irgendwo in der unauffälligen gesellschaftlichen Teilhabe endet. In der Leitkultur-Debatte kam dann noch – wenig hilfreich – Händeschütteln und klassische Musik dazu. Was aber dieses Ziel inhaltlich füllt, welches Bild von Deutschsein dahintersteht, in das man sich integrieren soll, das bleibt erstaunlich vage. Die Antwort, die man bekommt, wenn man nachfragt, ist in der Regel eine Aufzählung von Grundgesetznormen und demokratischen Werten. Das ist richtig und notwendig, aber es ist nicht hinreichend. Auf diese Punkte berufen sich mittlerweile auch islamistische Online-Influencer, die von einem Kalifat träumen – vermeintlich verfassungstreu natürlich nur für den Nahen Osten.

Die gemeinsame Praxis der Integration

Denn Integration als gelebte Alltagspraxis ist mehr als die formale Akzeptanz von Rechtsstaatlichkeit. Sie ist die Entscheidung, dieses Land als das eigene zu begreifen – mit seinen Eigenheiten, seiner Geschichte, seinen Menschen, seiner Widersprüchlichkeit. Und das setzt voraus, dass die Gesellschaft, in die man sich integrieren soll, auch ein erkennbares Angebot macht. Nicht das Angebot, irgendwann vielleicht als dazugehörig anerkannt zu werden, wenn man sich ausreichend angepasst hat. Sondern das Angebot, jetzt, als der, der man ist, Teil von etwas zu sein, das einen trägt, das letztlich alle trägt.

Integration kann kein Prozess sein, den die Gesellschaft verwaltet und Migranten absolvieren. Sie ist eine gemeinsame Praxis, eine Haltung, die auf beiden Seiten entschieden werden muss. Täglich, im Kleinen, in den zahllosen Begegnungen, aus denen gesellschaftliches Leben besteht. Solange sie lediglich als Bringschuld der Eingewanderten begriffen wird, wird sie scheitern. Nicht weil die Eingewanderten sich nicht integrieren wollen, sondern weil ein derart definiertes Modell von Integration von falschen, unerfüllbaren Voraussetzungen ausgeht.

Das führt zur vielleicht unbequemsten Frage dieses Textes. Eine diskriminierungsfreie Gesellschaft wird es nicht geben. Das ist keine Resignation nach Jahrzehnten angehäufter Diskriminierungserfahrungen, sondern eine nüchterne Beschreibung menschlicher Realität und meiner persönlichen Wahrnehmung mannigfaltiger Diskriminierungspraktiken in migrantischen Communitys selbst. Denn auch wer Diskriminierung erfährt, ist in der Lage, selbst andere zu diskriminieren. Denn Diskriminierung ist nicht das Produkt eines bösen Geistes, den man durch ausreichend Aufklärung austreiben könnte. Sie ist tief in sozialen Strukturen, in unbewussten Mustern, in der schieren Trägheit menschlicher Wahrnehmung verankert. Daraus folgt dieser Gedanke: Wer die Bedingung stellt, erst heimisch zu werden, wenn Diskriminierung aufgehört hat, stellt eine Bedingung, die nie erfüllt werden wird. Und wer diese Bedingung stellt, hat – ob bewusst oder nicht – die Entscheidung bereits getroffen, nicht anzukommen.

Das ist der Kern der Frage, die ich mit diesem Text stellen will: Wie kann Heimischwerdung trotz Diskriminierung gelingen? Wie kann man Deutsch werden, wenn Diskriminierung durch Deutsche eine bleibende Realität ist? Die Antwort, die ich für mich gefunden habe, und für die ich keine Allgemeingültigkeit beanspruche, die ich aber als ehrliche Haltung zur Diskussion stelle, lautet: Es gibt einen Unterschied zwischen der Erfahrung von Diskriminierung und der Identität des Diskriminierten. Diesen Unterschied kann man erkennen und leben. Die Erfahrung der Diskriminierung ist real. Und dass immer mehr Menschen sich für eine Identität des Diskriminierten als Paradigma ihrer Existenz entscheiden, ist ebenso real. Beides ist real, aber insbesondere das Letztere muss nicht das eigene Selbstbild bestimmen. Wer sich dauerhaft über die Erfahrung des Ausgeschlossenseins definiert, übergibt denen, die ausschließen, die Macht über das eigene Selbstverständnis. Das ist eine Entscheidung, die man treffen kann. Aber man sollte wissen, dass man sie trifft.

Und als migrantische Elite sollte man sich davor hüten, sie für andere zu treffen. Denn das eigentliche Opfer der Dynamik, die ich in diesem Text beschreibe, sind nicht die Kritiker wie ich, die gelernt haben, damit umzugehen – die in der aktuellen Einsamkeit des Ankommens auch die befreiende Ruhe vor identitären Erwartungen ihrer Herkunftsgemeinschaften finden. Das eigentliche Opfer sind junge Menschen in dieser Gesellschaft, die dieses Land als ihr eigenes begreifen, oder dabei sind, diese Frage für sich positiv zu beantworten und die von den Stimmen, die in der Öffentlichkeit für ihre migrantische / muslimische Gemeinschaft sprechen, täglich hören, dass dieser Weg kein wirklicher Weg ist, dass die Gesellschaft, in die sie sich einbringen, sie nicht wirklich will. Diese Stimmen bieten ihnen keinen Schutz vor Diskriminierung. Was ihnen diese Stimmen nehmen, ist die Möglichkeit der Überwindung von Diskriminierung. Sie nehmen ihnen die Möglichkeit, den Versuch der Heimischwerdung überhaupt als legitim zu begreifen.

Heimisch werden ist keine Frage des Passes und kein Produkt staatlicher Integrationspolitik. Es ist eine innere Entscheidung, die niemand von außen erzwingen kann, weder durch Förderung noch durch Druck. Aber diese Entscheidung fällt nicht im luftleeren Raum. Sie fällt in einem sozialen Umfeld, das sie entweder ermöglicht oder verunmöglicht. Und solange die lautesten Stimmen innerhalb migrantischer Gemeinschaften diese Entscheidung als Verrat rahmen, solange migrantische Eliten diese Rahmung verstärken, solange eine Gesellschaft Integration als Absolvierungsprojekt versteht statt als gemeinsame Praxis, und solange niemand die Frage stellt, was wir eigentlich meinen, wenn wir sagen, jemand solle deutsch werden, und solange muslimische Gemeinschaften sich der Herausforderung verweigern, zu klären, was es heißt, nicht nur Muslime in Deutschland, sondern auch deutsche Muslime zu sein – solange werden wir diese Debatte immer wieder von vorne führen, ohne weiterzukommen.