Benjamin Idriz hat Bundeskanzler Friedrich Merz zwei öffentliche Texte gewidmet. Einen offenen Brief, in dem er Merz’ Aussagen zum Frauenbild im Islam als begrifflich unscharf kritisiert und sich und seine Gemeinde als Gegenmodell anbietet. Und einen Folgetext, in dem er die Antwort des Bundeskanzleramts als inhaltliche Verweigerung bewertet und die Gelegenheit nutzt, sich erneut als den Dialogbereiten zu positionieren, dem man nicht begegnet. Beide Texte sind auf Idriz‘ Social Media Accounts einsehbar.
Wer differenzieren will, wird grundsätzlich als inhaltlich redlich wahrgenommen. Wer sich dieser Differenzierung – angeblich – verweigert, dem kann man eine unlautere Stimmungsmache zu Lasten von Muslimen in Deutschland vorwerfen. Das ist das rhetorische Mittel, das sich durch die aktuelle öffentliche Kommunikation des Penzberger Imams zieht. Entsprechend klingen die Kommentare unter Idriz’ Klage, er sei mit seinem Dialogangebot und seiner Aufforderung zur Differenzierung an oberster politischer Ebene gescheitert. Viele Kommentatoren wollen erkannt haben, was Idriz insinuiert: Der Umgang mit uns Muslimen sei gesellschaftspolitisch unfair.
Fehlende Differenzierung
Diese öffentliche Kommunikation eines prominenten Imams und sein inhaltlicher Vorwurf verdienen eine genauere Ausleuchtung. Denn sie stehen exemplarisch für grundlegende Fehlentwicklungen innerhalb der muslimischen Gemeinschaften und einer zunehmenden Entkoppelung des muslimischen Lebens von der Gesellschaft, in der es stattfindet.
Es gehört zum Standardrepertoire des organisierten Islam in Deutschland, auf politische Kritik mit einer Einladung in die eigene Moschee zu reagieren. Die Geste ist so eingeübt wie ihre Wirkung kalkuliert: Sie verlagert die Debatte vom harten Kern der inhaltlichen Differenz auf das weiche Feld der Gastfreundschaft und der persönlichen Begegnung. Nicht ohne Grund sind die Iftar-Einladungen während des Ramadan die von allen Seiten am häufigsten zitierten Formate der Begegnung und des interreligiösen Gesprächs. Sie sind für alle bequem. Es geht dabei um Gesten, nicht um Inhalte. Auch Benjamin Idriz folgt diesem Muster in seinen beiden öffentlichen Texten an Bundeskanzler Friedrich Merz. Was er dabei als Einladung zum sachlichen Dialog inszeniert, ist bei näherer Betrachtung eine rhetorische Übung, die sich leistet, was sie dem Kanzler vorwirft: fehlende Differenzierung.
Immer woanders
Der Kern von Idriz’ erstem Brief ist die bekannte Trennung zwischen religiöser Norm und gesellschaftlicher Praxis. Der Islam als religiöse Quelle enthalte ein auf Würde und Gleichwertigkeit ausgerichtetes Frauenbild. Missstände seien niemals der Religion selbst zuzuschreiben, sondern immer nur ihrer defizitären menschlichen Umsetzung. Das Problem liege woanders. Immer woanders.
So ist es seit 25 Jahren auch bei islamistischen Terroranschlägen. Die Täter sind immer keine wahren Muslime. Ihre Taten haben nie etwas mit der Religion zu tun. Deshalb sei auch die Bezeichnung „islamistisch“ falsch. Diesem Muster folgt auch Idriz mit seinem Widerspruch, zum Frauenbild des Islam gäbe es keinen Diskussions- und schon gar keinen Änderungsbedarf. Das Problem liege immer außerhalb der Religion. Folgt man Idriz’ Grundthese, liegt das Problem immer nur bei Muslimen, die ihre Religion – so muss man denklogisch vermuten – nicht richtig verstehen.
Diese Externalisierung ist eine intellektuelle Ausweichbewegung. Wer behauptet, patriarchale Strukturen und die Abwertung von Frauen seien dem Islam wesensfremd, blendet die normative Kraft der Primärquellen und ihre jahrhundertelange Auslegungstradition aus. Es ist eben kein bloßes kulturelles Missverständnis, wenn innerhalb muslimischer Gemeinschaften Ungleichbehandlung religiös legitimiert wird.
In seinem ersten Brief behauptet Idriz, dass das Frauenbild des Islam – als normativer Gehalt von Koran und prophetischer Tradition – auf Würde, Gleichwertigkeit und sozialer Gerechtigkeit basiere. Missstände seien nicht dem Glauben selbst zuzuschreiben, sondern menschlichen Interpretationen und historischen Entwicklungen. Diese Trennlinie zwischen der reinen normativen Quelle und ihrer defizitären Umsetzung ist die argumentative Grundlage seines gesamten Briefes.
Der Koran enthält indes Regelungen, die sich nicht ohne Weiteres als kulturelle Überlagerungen aus dem Text herauslösen lassen: das unterschiedliche Erbrecht, die eingeschränkte Zeugenschaft von Frauen, das Recht des Mannes zur einseitigen Scheidung, die Möglichkeit der Polygamie, das Konzept der ehelichen Leitungsfunktion des Mannes. Diese Regelungen sind nicht das Ergebnis von Missverständnissen oder historischen Abweichungen von einem ursprünglich egalitären Geist der Religion. Sie sind textuell verankert und werden von einem erheblichen Teil der muslimischen Gelehrtentradition als normativ bindend verstanden.
Das weiß auch Idriz. Wenn er trotzdem zu dem Ergebnis kommt, dass der normative Gehalt des Islam ein auf Gleichwertigkeit ausgerichtetes Frauenbild enthält, dann hat er eine bestimmte hermeneutische Entscheidung getroffen. Er hat entschieden, welche Texte er wie gewichtet, welche Kontexte er als auflösend betrachtet und welche Traditionen er als maßgeblich ansieht. Das ist legitim. Aber es ist nicht dasselbe wie die Beschreibung „der Religion selbst“.
Seinen öffentlichen Brief ans Bundeskanzleramt, der diesen Zusammenhang nicht benennt und sich stattdessen hinter Begriffen wie „spiritueller Gleichwertigkeit“ versteckt, kann ich nicht als Wunsch nach Differenzierung akzeptieren. Er ist nichts anderes als die öffentliche Verweigerung einer ehrlichen Bestandsaufnahme.
Idriz hätte sagen können: Ich verteidige eine bestimmte Lesart des Islam, die ich für die richtige halte, und ich weiß, dass andere Lesarten existieren und sich auf dieselben religiösen Quellen berufen. Das wäre ein ehrlicher Beitrag zu einer innerislamischen Debatte gewesen. Stattdessen präsentiert er seine Interpretation als gesicherten normativen Befund des Islam schlechthin – und wirft Merz gleichzeitig vor, nicht hinreichend zu unterscheiden.
Verpasste Chance – aber wessen?
In seinem zweiten öffentlichen Text beklagt Idriz dann, dass das Bundeskanzleramt auf seinen Brief nicht inhaltlich eingegangen sei. Eine verpasste Chance, schreibt er. Doch es stellt sich die Frage, wessen Chance es war, die hier verpasst wurde?
Das Kanzleramt hat mit seiner Standardantwort und dem Verweis auf die Deutsche Islam Konferenz lediglich das getan, was politisch konsequent war: Es hat sich nicht darauf eingelassen, eine Scheindebatte um vermeintliche Inhalte zu führen, denen Idriz selbst ausweicht. Das mag für Idriz enttäuschend sein. Es bleibt trotzdem richtig. Der Staat kann keine religiöse Debatte führen, der sich die Muslime selbst und allen voran ihre religiösen Führungspersönlichkeiten verweigern.
Denn der offene Brief hat keine der normativen Fragen beantwortet, die Merz’ mit seiner Äußerung zum Frauenbild im Islam angestoßen hatte. Er hat sie als Kategorienfehler wegdefiniert: Das sei alles nicht die Religion selbst, sondern nur ihre Fehlanwendung. Wer so vorgeht, kann anschließend keine inhaltliche Auseinandersetzung einfordern.
Was ich nicht ignorieren kann
Ich habe in den letzten Jahren oft und ausführlich darüber geschrieben, wie muslimische Führungspersönlichkeiten in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 reagiert haben – oder eben nicht reagiert haben. Was gesagt wurde, was zögerlich gesagt wurde und was gar nicht gesagt wurde, ist für mich kein vernachlässigenswertes Detail, das man freundlich übergehen kann. Es ist der entscheidende Prüfstein für die Glaubwürdigkeit derjenigen, die für sich in Anspruch nehmen, muslimische Gemeinschaften in diesem Land zu führen und zu repräsentieren.
Idriz ist dieser Debatte in den Tagen nach dem 7. Oktober – meinem Empfinden nach – ausgewichen. Er hat die Chance verpasst, den inneren Zusammenhang zwischen Religion, religiöser Tradition und der hässlichen Tradition des Judenhasses in muslimischen Gemeinschaften differenziert zu thematisieren. Und dies in einer Zeit, in der die jüdischen Gemeinschaften und die gesamte Gesellschaft in diesem Land auf die Wortführer der muslimischem Gemeinschaften und ihre öffentliche Haltung geschaut haben. Da war die Gelegenheit, zwischen religiöser Normativität und gelebter Realität zu unterscheiden. Idriz hat sie nach innen mit möglichst wenig Lärm verstreichen lassen. Das lässt sich meiner Ansicht nach auch nicht durch einen Verweis auf eine offene Gemeinde in Penzberg neutralisieren.
Was im Brief nicht vorkommt
Es gibt eine Frage, die Idriz in seinen beiden öffentlichen Texten nicht stellt, obwohl sie für das Thema zentral ist: Wie gehen muslimische Gemeinschaften in Deutschland damit um, wenn religiöse Quellen zur Legitimierung von Diskriminierung (nicht nur ) gegenüber Frauen herangezogen werden?
Das ist keine akademische Frage. In zahlreichen muslimischen Gemeinschaften werden diskriminierende Praktiken ausdrücklich mit religiösen Texten begründet – nicht als kulturelle Abweichung von einer egalitären Norm, sondern als deren normativer Ausdruck. Wer das ausschließlich als Fehlinterpretation abtut, ohne sich mit den Texten und den Traditionen auseinanderzusetzen, auf die sich diese Gemeinschaften berufen, betreibt keine Differenzierung. Er betreibt Immunisierung. Gegenüber Fragen von außen, aber auch gegenüber den Fragen der Betroffenen.
Ein Brief, der wirklich zur Differenzierung beitragen wollte, hätte diese Verbindung zwischen religiöser Legitimierung und diskriminierender Praxis benennen und kommentieren müssen. Er hätte klären müssen, wie Idriz theologisch mit den Textstellen umgeht, auf die sich diese Praxis beruft. Er hätte zeigen müssen, dass seine Behauptung nicht nur für die eigene Gemeinde in Penzberg gilt, sondern sich auch mit den Bedingungen auseinandersetzt, unter denen andere Gemeinschaften anders entscheiden.
Das fehlt vollständig. Stattdessen wird die eigene Gemeinde als Gegenbeweis präsentiert, als lebender Beleg dafür, dass alle Probleme außerhalb der Religion liegen und nichts an der Religion selbst. Das ist keine Auseinandersetzung mit dem Problem, sondern seine Umgehung.
Der Folgetext und seine Wirkung
Der zweite Text, in dem Idriz auf die Standardantwort des Bundeskanzleramts reagiert, macht das Gesamtmuster deutlicher sichtbar und offenbart eine Problematik, von der man nur hoffen kann, dass Idriz sie nicht bewusst verstärkt.
Die Antwort des Kanzleramts war – die Beschreibung Idriz’ zu Grunde gelegt – das, was sie immer ist: allgemeine Wertschätzung, Verweis auf bestehende Formate, höfliche Absage. Das ist politischer Alltag und kein Signal. Idriz wertet es aber als inhaltliche Verweigerung – und als Beleg dafür, dass Merz der von ihm angestoßenen „Debatte“ ausweicht.
Damit reproduziert Idriz – hoffentlich unbewusst und nur fahrlässig – ein Narrativ, das innerhalb der muslimischen Gemeinschaften immer wirksamer wird. Ein Narrativ, wonach diese demokratische Gesellschaft Muslime kategorisch ablehne, sie unfair behandele, sie niemals akzeptieren werde und permanent dämonisiere. Ein Narrativ, das diese Gesellschaft und ihre tragenden Säulen als „Wertediktatur“ beschreibt, die einer freien Entfaltung muslimischen Lebens feindlich gegenüberstehe.
Islamistische Online-Influencer bedienen sich gegenwärtig immer mehr dieses Narratives, um insbesondere junge Muslime dieser Gesellschaft und den demokratischen Grundlagen unseres Zusammenlebens zu entfremden. Es wäre zu begrüßen, wenn ein öffentlich kommunizierender Imam sich dieser Tendenzen bewusst wäre und seine Botschaften so formuliert, dass sie solchen radikalisierenden Erzählungen nicht zusätzlich den Weg ebnen.
Was eine ehrliche Debatte erfordern würde
Merz’ Formulierung mag in ihrer begrifflichen Unschärfe verbesserungswürdig gewesen sein. Aber die Antwort auf begriffliche Unschärfe ist nicht theologische Apologie. Sie ist die Bereitschaft, aufzuhören, die Religion gegen die Realität ihrer Anhänger zu verteidigen. Sie ist die Bereitschaft, sich den schwierigen Fragen zu stellen, die sich aus den eigenen Quellen ergeben und die täglich in muslimischen Gemeinschaften – auch hier in Deutschland – zu konkreten Entscheidungen über das Leben von Frauen führen.
Eine ehrliche öffentliche Debatte über das Frauenbild im Islam müsste auch die Fragen stellen, die Idriz offen lässt. Welche Regelungen des klassischen islamischen Normensystems sind mit einer gleichberechtigten Gesellschaft vereinbar – und welche nicht? Wie geht die islamische Theologie, für die Idriz als Imam steht, mit den Textstellen um, auf die sich traditionelle und fundamentalistische Lesarten berufen? Und wie verhält sich ein muslimischer Führungsanspruch zu den Gemeinschaften, die denselben religiösen Texten folgen und dabei zu anderen Schlüssen kommen?
Solange Dialogangebote lediglich dazu dienen, das eigene öffentliche Bild zu korrigieren, statt die inneren Widersprüche der eigenen Gemeinschaft aufzuarbeiten, bleiben sie das, was dieser öffentliche Briefwechsel von Anfang an war: eine wohlformulierte Geste ohne inhaltliche Substanz.
Es wäre schön, wenn das zukünftig anders wäre.