20 Jahre DIK – Wer Augenhöhe fordert, muss sie aushalten

Sulaiman Wilms, Chefredakteur der Islamischen Zeitung (IZ), hat zum zwanzigjährigen Bestehen der Deutschen Islam Konferenz (DIK) einen Text veröffentlicht, in dem er kritisch auf die vergangenen Jahre dieses Formats zurückblickt: Muslime würden von der DIK nicht als Partner, sondern als Risikofaktor wahrgenommen, das Forum sei von einem Ort des Dialogs zu einer Bühne des Misstrauens geworden, der Koordinationsrat der Muslime (KRM) und seine Basis würden ignoriert.

Man kann diskutieren, ob das alles so stimmt und dabei unterschiedlicher Meinung sein. Was man nicht diskutieren kann, ist die Tatsache, dass diese Analyse unvollständig ist. Sie hat einen blinden Fleck, der für die muslimischen Positionen zur DIK symptomatisch ist. Denn Wilms tut so, als hätten die Verbände, die im KRM organisiert sind, mit dem Zustand, den er und sie beklagen, nichts zu tun. Für einen Chefredakteur, der sich dem innermuslimischen Diskurs verschrieben hat, ist das eine bemerkenswerte Leerstelle. Diese Leerstelle ist exemplarisch für eine weit verbreitete Vermeidungshaltung innerhalb der muslimischen Communitys – und damit eine Motivation für mich, sie mit diesem Beitrag auszuleuchten.

Der IZ-Text liest sich wie eine Verlautbarung, die so auch direkt aus den Reihen der muslimischen Verbände hätte kommen können. Er ist in seinem Kern darauf angelegt, die Verbände als Opfer eines unguten Staates zu zeichnen und die Frage nach deren eigener Verantwortung gar nicht erst aufkommen zu lassen. Das ist kein Zufall. Das ist die Methode, mit der die muslimischen Verbände öffentlich kommunizieren.

Anlass für Wilms‘ Text ist die Presseerklärung des KRM vom 12. Mai 2026, in der der Dachverband zum zwanzigsten Jahrestag der DIK Bilanz zieht. Die DIK habe sich zunehmend auf Sicherheitsdebatten verengt, Muslime würden wieder primär als Risikofaktor adressiert, die Stimmen der Basis ignoriert. Der KRM fordert stattdessen ein Forum, in dem nicht mehr „über Muslime gesprochen wird, anstatt gemeinsam mit ihnen auf Augenhöhe Lösungen zu entwickeln“. Es ist eine Presseerklärung, die in ihrer Rhetorik geübt auf die bekannten Muster zurückgreift. Die Verbände erscheinen als Anwälte der Basis, der Staat als der eigentlich Erklärungsbedürftige. Was fehlt, ist derselbe blinde Fleck, der auch Wilms‘ Text durchzieht – die Frage, ob der KRM selbst das verkörpert, was er vom Staat einfordert.

Der bekannte Vorwurf

Wilms‘ Text hat drei Kernthesen. Erstens: Die DIK ist von einem Dialogforum zu einem Sicherheitsgremium mutiert, das Muslime primär im Kontext von Extremismus und Radikalisierung wahrnimmt, statt ihre alltäglichen Teilhabefragen ernst zu nehmen. Zweitens: Der Staat inszeniert sich als Beschützer der Mehrheit vor einem muslimischen Risikopotenzial, während die reale Bedrohung – der Anstieg muslimfeindlicher Übergriffe – politisch marginalisiert bleibt. Drittens: Die muslimischen Verbände werden nicht als legitime Partner auf Augenhöhe behandelt, sondern als eingeladene Gäste in einem Forum, dessen Agenda das Innenministerium allein bestimmt.

Es sind Thesen, über die man diskutieren kann. Aber selbst wenn man ihnen uneingeschränkt zustimmen würde, erzählen sie doch nur die halbe Geschichte. Und die Hälfte, die Wilms weglässt, ist die entscheidendere. Es sind die Fragen, die weder Wilms, noch der KRM stellen wollen: Warum ist das so? Und wer trägt dafür Verantwortung?

Die Antwort des KRM auf diese Fragen, die Wilms inhaltlich übernimmt, lautet implizit: der Staat, das Innenministerium, die Mehrheitsgesellschaft. Die muslimischen Verbände kommen in dieser Erzählung als Leidtragende vor, als Akteure, denen Augenhöhe verweigert wird, deren Stimmen ignoriert werden, die auf den Status eingeladener Gäste reduziert bleiben.

Die halbierte Kritik

Eine vollständige Antwort müsste sich aber trauen, den Blick auch nach innen zu wenden. Der KRM ist ein Gremium, das seit seiner Gründung 2007 strukturell dysfunktional ist. Er wurde mit dem Anspruch gegründet, die Muslime in Deutschland zu repräsentieren. Tatsächlich war er von Beginn an gelähmt. Durch ein faktisches Vetorecht der DITIB, durch konkurrierende Verbandsinteressen, durch die Unfähigkeit, bei zentralen gesellschaftlichen Fragen eine gemeinsame Linie zu formulieren. In wichtigen Momenten – etwa nach dem 7. Oktober 2023, nach dem Anstieg antisemitischer Vorfälle in muslimischen Milieus, oder nach jüngsten rechtsextremen Vorfällen auf Moscheeveranstaltungen oder nach dem Austritt des VIKZ (einem der Gründungsmitglieder) im Oktober 2023 – hat der KRM entweder geschwiegen oder sich hinter allgemeinen Formeln verschanzt. Wer keine klare Stimme hat, wenn es darauf ankommt, darf sich nicht wundern, wenn andere das entstandene Vakuum mit eigenen Narrativen füllen.

Und die Mitgliedsverbände selbst? Ihre Probleme sind nicht einheitlich, aber sie sind erheblich – und sie werden in der Kritik an der DIK mit keinem Wort erwähnt.

Die DITIB, der größte und einflussreichste Mitgliedsverband, ist keine unabhängige deutsche Religionsgemeinschaft, sondern strukturell dem türkischen Staat verbunden – nicht nur theologisch, sondern ausdrücklich personell und finanziell. In türkischen Parlamentsprotokollen wird ganz offen beschrieben, wie türkisch geprägte Strukturen in Deutschland – allen voran die DITIB und IGMG – für die Außenpolitik Ankaras funktionalisiert werden sollen. Das ist keine Unterstellung von Islamfeinden. Das ist nachlesbar. Wer Augenhöhe mit dem deutschen Staat fordert, während er gleichzeitig die verlängerte Hand eines anderen Staates ist, bewegt sich in einem Widerspruch, den er selbst auflösen müsste; bevor er ihn der deutschen Politik als Versagen ankreidet.

Bislang hätte man zumindest sagen können: Sollten sich die politischen Verhältnisse in der Türkei grundlegend ändern, wäre es denkbar, dass die DITIB als institutionelle Filiale Ankaras dieser Gesellschaft gegenüber eine andere – offenere – Haltung einnehmen könnte. Das war die bisherige Grundlage aller optimistischen Einschätzungen hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung der DITIB. Ihre Abhängigkeit ist real, aber sie ist äußerer Natur. Sie könnte sich mit dem ändern, wovon sie abhängt. Das scheint bei nicht wenigen Dialogpartnern in der Politik und Zivilgesellschaft immer noch unverändert die handlungsleitende Annahme zu sein.

Aber diese Grundlage gilt nicht mehr. Im Zuge der türkischen Diasporapolitik und ihrer gestaltenden Wirkung innerhalb der beiden großen türkisch geprägten Moscheeverbände DITIB und IGMG ist es zu einer ideologischen Angleichung gekommen, die auch rapide die personelle Struktur der DITIB verändert. Die Verjüngung der Führungsebenen ist kein Zeichen der stärkeren Hinwendung zur deutschen Gesellschaft. Sie ist vielmehr das Fundament einer zukünftig noch größeren Prägung durch die türkische Diasporapolitik.

Beim Islamrat, dessen einflussreichstes Mitglied die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) ist, liegt das Problem sogar noch tiefer und ist unlösbarer. Hier geht es nicht um institutionelle Fernsteuerung, sondern um ideologische Prägung – was bei der DITIB auf ideologischer Ebene durch die personelle Verjüngungspolitik aktuell immer schneller Gestalt annimmt, war bei der IGMG schon immer die Geschäftsgrundlage. Die IGMG ist aus der politisch-islamistischen Bewegung Necmettin Erbakans hervorgegangen, und diese Herkunft ist keine historische Fußnote – sie ist bis heute das Fundament einer Bewegung, deren Weltbild den säkularen demokratischen Staat als Verfallserscheinung begreift, für die die Trennung von Religion und Politik ein zu überwindendes Übel ist, für die Antisemitismus nicht den Rand-, sondern den Kernbestand der eigenen Ideologiegeschichte darstellt.

Eine solche Bewegung kann nicht ernsthaft als Partnerin eines demokratischen Gemeinwesens auftreten, das sie in ihrer Substanz ablehnt. Man kann die Demokratie nicht als Dialogpartner beanspruchen und sie gleichzeitig als Ordnung verwerfen, in der man nur so lange mitmacht, bis man stark genug ist, sie nach den eigenen Vorstellungen umzubauen. Bei der DITIB konnte man sich in der Vergangenheit vorstellen, dass veränderte politische Bedingungen in Ankara die institutionellen Bindungen lockern könnten. Das gilt – in mit jedem Jahr zunehmenden Maße – nicht mehr. Bei der IGMG ist das seit jeher ausgeschlossen. Die antidemokratische ideologische Prägung ist dort keine äußere, die sich mit einem Regierungswechsel ändern könnte. Sie ist innerer Natur – eine Frage der Überzeugung, nicht der Weisung.

Die verschwiegene Leerstelle

Dabei ist die vielleicht folgenreichste Leerstelle dieser Debatte nicht, was die DIK falsch macht, sondern was sie sichtbar macht. Nehmen wir dazu die KRM-Kritik an der DIK als Ausgangsfrage: Warum sitzen kritische muslimische Einzelstimmen bei einer staatlich organisierten Konferenz am Tisch, während sie in den Strukturen des KRM und seiner Mitgliedsverbände keinen Platz haben? Die Antwort: Weil diese Strukturen keinen Platz für sie vorsehen. Innermuslimische Kritik, abweichende Positionen, unbequeme Selbstbefragung – das ist in den Verbänden nicht erwünscht. Wer dort nicht in die ideologische Linie passt, findet keinen Raum. Der Staat hat mit der DIK dieses Vakuum nicht geschaffen. Er hat es lediglich sichtbar gemacht, indem er Einzelpersonen einlud, die in den muslimischen Verbandsstrukturen nicht eingeladen werden.

Das wäre für sich genommen schon ein bemerkenswerter Befund. Aber er geht noch tiefer. Man könnte durchaus den Eindruck gewinnen, dass auch die DIK in der Vergangenheit – insbesondere nach 2018 – eher darauf geachtet hat, kritische muslimische Stimmen nicht zu offen mit den Verbandsvertretern zu konfrontieren. Die Logik dahinter war pragmatisch: Man wollte wohl die organisierten Partner nicht verprellen, die Kooperation nicht gefährden, den mühsam aufgebauten Kanal nicht verstopfen. Man wollte vermutlich unbequeme Begegnungen verhindern.

Aber nicht nur die Politik, auch zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche Institutionen, die mit muslimischen Verbänden kooperieren, haben meiner Wahrnehmung nach diese Schonung übernommen – weil sie die Beziehung zu den KRM-Mitgliedern nicht belasten wollten. Das Ergebnis ist ein Schonraum, in dem die Verbände seit Jahren vor genau jener Auseinandersetzung bewahrt werden, die sie mit ihrer Kritik an der DIK jetzt selbst von der Politik einfordern.

Das ist der eigentliche Skandal, der hinter Wilms‘ DIK-Kritik verschwindet. Nicht dass der Staat zu wenig Dialogbereitschaft zeigt. Sondern dass die Verbände eine Dialogbereitschaft nach außen einfordern, die sie nach innen systematisch verweigern – und dass alle Beteiligten, die Politik eingeschlossen, mitgeholfen haben, diesen Widerspruch nicht benennen zu müssen.

Die inhaltliche Leerstelle

Dazu kommt eine weitere Leerstelle. Die Fixierung der DIK auf Sicherheitsthemen ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist auch eine Reaktion auf reale Vorgänge, auf Hamas-Sympathiekundgebungen, auf Antisemitismus in muslimisch geprägten Milieus, auf Moscheen, auf deren Veranstaltungen rechtsextreme Symbole gezeigt und nationalistisches Liedgut gespielt wird, das anschließend von den Verbänden selbst kulturell wegerklärt wird. Bis heute betreiben die muslimischen Verbände aufwendige sprachliche Verrenkungen, um die Hamas nicht öffentlich als Terrororganisation zu bezeichnen.

Wenn die Verbände in solchen Momenten nicht klar und unmissverständlich widersprechen, sondern relativieren oder schweigen, dann liefern sie der Politik die Rechtfertigung für genau jenes Sicherheitsnarrativ, das sie anschließend beklagen. Man kann nicht beides haben: die Deutungshoheit über „den Islam in Deutschland“ beanspruchen und gleichzeitig die Verantwortung für das ablehnen, was in den eigenen Reihen geschieht.

Das Argument, Muslime würden pauschal als Sicherheitsrisiko betrachtet, ist nicht abwegig, aber es wird geschwächt, wenn es von Organisationen vorgetragen wird, die ihrerseits keine Bereitschaft zeigen, das Eigene kritisch zu befragen. Die Klage über Stigmatisierung verliert ihre Kraft, wenn sie zugleich als Schutzschild gegen die eigene interne Auseinandersetzung mit gravierenden Problemen eingesetzt wird.

Was die DIK braucht

Was die DIK wirklich braucht, ist keine Neuausrichtung nach den Wünschen des KRM. Sie braucht Gesprächspartner, die das, was sie nach außen fordern – Augenhöhe, Verantwortung, demokratische Teilhabe – auch nach innen praktizieren. Verbände, die sich als Teil dieser Gesellschaft begreifen, nicht als deren Außenseiter mit Sonderinteressen. Institutionen, die nicht von einem fremden Staat abhängen und deren Leitungsstrukturen tatsächlich die hier lebenden Muslime repräsentieren – und nicht die Interessen von Regierungen in Ankara oder die Ideologie einer islamistischen Bewegung, für die dieser Staat und diese Demokratie bestenfalls Mittel zum Zweck sind. All das kann nicht der Staat leisten. Das bleibt schon noch die Aufgabe von muslimischen Organisationen, die deutsche Religionsgemeinschaften sein wollen.

Zwanzig Jahre DIK haben gezeigt: Das Format allein ändert nichts. Der Staat kann kein Dialogforum bauen, wenn auf der anderen Seite keine Partner sitzen, die Dialog auch mit sich selbst führen können. Wer das institutionelle und ideologische Versagen der muslimischen Verbände aus der Analyse herauslässt, schreibt keine „substanzielle Kritik“ der DIK. Er schreibt Verbandspolitik in akademischem Gewand. Und die IZ ist dafür, bei allem handwerklichen Können ihres Chefredakteurs, ein wiederkehrendes Beispiel.

Das Deutsche an der Islam Konferenz

Dabei wäre die DIK nicht überflüssig. Sie müsste aber etwas grundlegend anderes sein als das, was sie bislang ist und was der KRM sich von ihr wünscht. Kein Gremium, in dem der Staat mit Muslimen spricht, ihre Vertreter befragt, bewertet und in Sicherheitsnarrative einbettet. Und auch kein Gremium, das als diplomatischer Begegnungsort mit dem deutschen Staat den muslimischen Verbänden bei ihren Audienzen in Ankara und Rabat nur als Beleg der eigenen Bedeutung in Deutschland dient.

Sondern ein Raum, den der Staat zur Verfügung stellt und in dem Muslime miteinander sprechen. Offen, kontrovers, ohne Rücksicht auf Verbandsinteressen. Ein Raum, in dem die Fragen verhandelt werden können, die innerhalb der muslimischen Organisationen nicht verhandelt werden dürfen: über Antisemitismus in den eigenen Reihen, über die Abhängigkeit von fremden Staaten, über das Verhältnis zur Demokratie, über die Stimmen derjenigen, die in den Verbänden keinen Platz finden. Der Staat wäre in diesem Modell nicht Gastgeber mit Agenda, sondern Ermöglicher ohne Veto. Das wäre unbequemer für alle Beteiligten – und genau deshalb produktiver. Eine solche DIK würde nicht fragen, was Muslime dem Staat zu sagen haben. Sie würde den Muslimen ermöglichen, sich das zu sagen, was sie einander schulden.

Wer das für eine paternalistische Zumutung hält, verkennt die verfassungsrechtliche Logik. Der Staat hätte mit einer solchen Neuausrichtung der DIK kein Interesse daran, Muslime zu beaufsichtigen, zu erziehen oder ihren inneren Diskurs zu steuern. Er hätte ein ureigenes Interesse daran, dass Religionsgemeinschaften, mit denen er dauerhaft kooperieren will – in Fragen des Religionsunterrichts, der Wohlfahrtspflege, der Seelsorge in öffentlichen Einrichtungen -, intern so verfasst sind, dass diese Kooperation auf einer belastbaren Grundlage steht.

Organisationen, die deutsche Religionsgemeinschaften sein wollen, die aber abweichende Stimmen systematisch ausschließen, fremden Regierungen rechenschaftspflichtig sind oder demokratische Grundwerte nur strategisch-instrumentell akzeptieren, sind keine verlässlichen Partner für einen demokratischen Rechtsstaat. Nicht weil der Staat das willkürlich so empfindet, sondern weil das Grundgesetz genau diese Frage stellt und die Demokratie als unabänderlichen Kern dieses Staates und seiner Interessen festschreibt.

Die DIK als Raum innermuslimischer Selbstverständigung wäre also keine Konzession des Staates an eine Minderheit oder an den Grundsatz seiner religiösen und weltanschaulichen Neutralität. Sie wäre Ausdruck seines verfassungsrechtlich legitimen Interesses daran, dass der Dialog, den er führt, auch wirklich einer ist. Eine solche DIK würde sich wieder daran erinnern, dass sie nicht irgendeine Islam Konferenz sein will, die so zum Beispiel auch in Ankara stattfinden könnte – sondern eine Deutsche Islam Konferenz.