Kinder in Niemandes Land – Wie wir der muslimischen Jugend das Ankommen verbieten

Im vorherigen Blogtext „Niemandes Land“ habe ich eine Beobachtung beschrieben, die sich mit der Frage beschäftigt, weshalb die Erfolgreichsten unserer migrantischer Communitys am lautesten von Fremdheit sprechen, obwohl ihre eigene Biografie das Gegenteil beweist. Ich bin dabei bewusst abstrakt geblieben. Mit den weitreichenden Folgen dieses Phänomens will ich mich in diesem Blogtext ausführlicher beschäftigen. Denn die Eliten, die diese Dynamik der rhetorischen Selbstentfremdung tragen, zahlen natürlich nicht den Preis für ihre Re-Ethnizität. Den zahlt die muslimische Jugend, die mit diesen Erzählungen aufwächst, ohne selbst gefragt zu werden, ob sie darin überhaupt vorkommen will.

Zwei Fundstücke aus meinem Alltag in den sozialen Medien haben mir in den letzten Wochen gezeigt, wie konkret diese Erzählungen inzwischen geworden sind und wie sie mit einer bedrückenden Selbstverständlichkeit eine Brücke bauen, zwischen dem muslimischen Mainstream und ihren radikalen, ideologischen Rändern. Ich nenne hier wieder keine Namen, weil es mir nicht um die Auseinandersetzung mit einzelnen Personen geht. Was mich an diesen beiden Fundstücken interessiert, ist etwas anderes. Sie beide, aus völlig unterschiedlichen Richtungen kommend, übermitteln denselben jungen Menschen dieselbe Botschaft. Dass nämlich echtes Ankommen in diesem Land keine Option ist, die man ergreifen darf, ohne etwas zu verraten.

Die Wächter des eigenen Milieus

Das erste Fundstück ist ein Facebook-Beitrag, der im Kern keine neue These aufstellt, sondern bekannte Muster der Abwertung und Verächtlichmachung aus der Sprecherrolle eines akademischen Vorbildes reproduziert – und damit letztlich erneut die Grundbeobachtung aus „Niemandes Land“ über die destruktive Re-Ethnizität muslimisch-migrantischer Eliten bestätigt. Warum, so die in diesem Posting formulierte Frage, seien Migranten, die gesellschaftlich aufgestiegen sind, oft radikaler oder rassistischer gegenüber der eigenen Herkunftscommunity als die „Alteingesessenen“? Die Antwort, die der Beitrag anbietet, lautet: Weil die Elite (Anm.: der Urheber meint hier die deutsche Elite) genau die fördert, die sich mit der lautesten Stimme von der eigenen Gruppe distanzieren, während sie die ausschließt, die kritisch sind (Anm.: gemeint ist wohl gegenüber der deutschen Gesellschaft kritisch) und auf die Würde und die Rechte ihrer Gruppe pochen. Die Elite, so die Zuspitzung, belohne Assimilation und bestrafe Integration. Als Beleg werden Personen angeführt, die jahrelang in ihrer Gemeinschaft aktiv waren, ohne dass Medien oder Politik sie beachtet hätten (Anm.: Da bin u.a. wohl ich gemeint). Erst als sie begannen, öffentlich gegen die eigene Gruppe zu wettern und einen, wie es dort heißt, „assimilierten, entleerten Islam“ zu predigen, seien sie plötzlich gefördert worden. Das System, so der Schluss, spreche den Geltungsdrang solcher Menschen an und mache sie auf diese Weise gefügig für seine Ziele.

Ich habe diesen Beitrag nicht zum ersten Mal gelesen. Ich habe seine Grundstruktur in etwas anderer Formulierung schon oft gehört, häufig direkt an mich adressiert. Was mich diesmal beschäftigt hat, ist nicht die Kränkung, die darin wohl mir gegenüber zum Ausdruck kommen soll. Daran haben sich in der Vergangenheit schon andere mit noch extremeren Formulierungen versucht. Mich interessiert vielmehr die Funktion, die ein solcher Beitrag für die hat, die ihn lesen und die selbst noch keine gefestigte Position gefunden haben. Der Beitrag tut nämlich etwas sehr Konkretes. Er definiert und macht damit sichtbar, wofür man in unserer muslimischen Gemeinschaft Anerkennung bekommt und wofür man Ausschluss riskiert. Wer (zaghaft, bitte nur andeutungsweise und am besten hinter verschlossenen Türen) kritisch ist, aber die eigene Gruppe dabei als geschlossene Front gegen eine feindliche Außenwelt beschreibt, gilt als integer. Wer kritisch ist und dabei tatsächlich etwas an der eigenen Gemeinschaft verändern will, wer also nicht nur die Rechte der Gruppe gegen die Mehrheitsgesellschaft verteidigt, sondern die Verhältnisse innerhalb der Gruppe selbst infrage stellt, der wird zum Assimilierten erklärt, zum Entleerten, zum gefügig gemachten Werkzeug eines (deutschen) Systems.

Das ist genau die Gatekeeping-Funktion, die ich in „Niemandes Land“ abstrakt beschrieben habe, nur diesmal nicht von einer migrantischen Elite ausgeübt, die selbst längst angekommen ist, sondern in dem Übergangsbereich zur Binnensphäre der muslimischen Communitys – also von innen und für innen, aus der eigenen Community heraus, gegen genau die Stimmen gerichtet, die für ein Ankommen werben.

Der Mechanismus bleibt aber derselbe. Wer die Erzählung der Dauerverletzung nicht mitträgt, hat sich verkauft. Es spielt dabei keine Rolle, ob man selbst gläubig ist, ob man selbst noch aktiv in der eigenen Gemeinschaft steht, ob man die eigene Religion aus Überzeugung und nicht aus einem Distanzierungsbedürfnis heraus lebt. Das alles hat keinen Wert, keine Bedeutung. Sobald man sagt, ich kritisiere meine Gemeinschaft, weil ich sie ändern will, nicht weil ich sie verlassen will, hat man bereits die Seiten gewechselt. Für einen jungen Menschen, der diesen Beitrag liest, bevor er selbst eine Position gefunden hat, ist die Botschaft unmissverständlich. Kritische Distanz zur eigenen Community, die nicht zugleich Kampfansage an die Mehrheitsgesellschaft ist, wird bestraft.

Das Kampfnarrativ der frommsten der Frommen

Das zweite Fundstück kommt aus einer anderen Ecke, funktioniert aber, wenn man genau hinsieht, nach einer verwandten Logik. Es handelt sich um zwei Beiträge eines islamistischen Online-Influencers. Im ersten Beitrag beklagt er, dass „unsere politischen Gegner“ wollten, dass „wir“ gänzlich unsichtbar werden, sowohl im digitalen als auch im analogen Raum, dass man von ihnen erwarte, schweigend hinzunehmen, wie die eigenen Rechte durch Desinformation, „gezielte Denunziation“ und „islamfeindliche Agitation“ systematisch beschnitten werden sollten. Man werde, so der Beitrag, genau dort präsent sein, wo man einen am wenigsten wünsche, aber wo es am meisten nötig sei.

Es war die Formulierung „unsere politischen Gegner“, die mich am meisten interessiert hat, und die ich in einem eigenen X-Beitrag aufgegriffen habe. Ich schrieb, dass ich seine Formulierung sehr erhellend fände, weil sie deutlich mache, was der Islamismus auch für seine eigenen Akteure tatsächlich sei. Keine religiöse Haltung, sondern ein demokratiefeindliches politisches Angebot. Ich bedankte mich für diese Klarheit.

Im zweiten Beitrag reagiert derselbe Influencer auf mein Posting. An meiner Formulierung, „keine religiöse Haltung“, will er zeigen, was „liberale Muslime“ unter Säkularismus eigentlich verstünden, nämlich die Verdrängung des Religiösen aus dem politischen und öffentlichen Raum, in einer, wie er es nennt, „schmittianischen Umdeutung“ säkularer Weltanschauung, die ihnen jede Gestaltungsmöglichkeit in der Gesellschaft verwehren solle. Er bedankt sich für diese Klarheit.

Der Witz an diesem Austausch, wenn man ihn so nennen will, liegt nicht in der Pointe selbst, sondern darin, was er über die Struktur des ursprünglichen Beitrags und die Methodik seines islamistischen Urhebers verrät. Wer der (meinetwegen) säkularen Position eine „schmittianische Umdeutung“ vorwirft, unterstellt ihr, alles Politische auf die Unterscheidung zwischen Freund und Feind zu reduzieren. Aber es ist der Vorwerfende selbst, der in seinem eigenen ersten Beitrag in genau dieser Kategorie denkt und spricht. „Unsere politischen Gegner“, „eure Hetze“, „wo ihr uns am wenigsten wünscht“. Das ist keine religiöse Sprache. Das ist die Sprache eines politischen Existenzkampfes, in der das Religiöse nur noch als Vokabular vorkommt, nicht mehr als Substanz. Wer sich selbst in dieser Sprache bewegt und sie zugleich anderen als Symptom eines demokratiefeindlichen Denkens vorwirft, hat nicht die Gegenseite entlarvt. Er hat sich selbst als politischen Ideologen porträtiert. Und er macht deutlich sichtbar, dass all die islamistische Rhetorik nur die Reproduktion einer politischen Ideologie ist, die sich das religiöse Gewand der vermeintlich besonders authentischen Frömmigkeit überwirft.

Die Freiheit, die man verachtet und braucht

Was mich an Figuren wie dem zitierten Influencer eigentlich beschäftigt, ist nicht der naheliegende Vorwurf der Doppelmoral, dass er die Freiheiten dieses Landes nutzt, während er es und sie verachtet. Diesen Vorwurf halte ich für zu billig, weil er unterstellt, es gäbe für ihn eine ehrlichere Alternative jenseits dieses Landes, in die er sich zurückziehen könnte, um dem Widerspruch zu entkommen. Die gibt es nicht. Und das weiß auch der islamistische Influencer. Das wissen alle islamistischen Influencer. Wenn ich im Folgenden von „er“ und „ihm“ spreche, ist er als Prototyp dieser radikalen politischen Szene gemeint. Mir geht es um etwas Wichtigeres: Sein eigentlicher Widerspruch liegt tiefer und ist existenzieller Natur. Seine gesamte öffentliche Präsenz beruht auf einem Recht, das nur eine liberale, säkulare und pluralistische Ordnung überhaupt garantieren kann. Nämlich auf dem Recht, eine radikale Minderheitenmeinung zu vertreten, ohne dafür verfolgt oder aus dem öffentlichen Raum verdrängt zu werden. Auch wenn er das noch so laut und noch so vehement behauptet: Er wird nicht verdrängt. Er ist mittendrin im öffentlichen Raum. Wenn er schreibt, man werde genau dort präsent sein, wo man ihn am wenigsten wünsche, beruft er sich, ohne es auszusprechen, auf genau die Rechtsordnung, die er ideologisch bekämpft. Ohne eine Verfassung, die Meinungsfreiheit auch für ihre eigenen Gegner garantiert, gäbe es seine Reichweite, seine Sichtbarkeit, seine Anhängerschaft nicht. Er leidet nicht an seinem Widerspruch. Er lebt aus ihm. Die Kampfzone, die er rhetorisch beschwören will, ist in der Realität seiner medialen Präsenz nichts anderes als eine aufmerksamkeitsökonomische Komfortzone.

Dieser Widerspruch – in dem sich auch nicht unerhebliche Teile des muslimischen Mainstreams mittlerweile viel zu bequem eingerichtet haben – bleibt nicht folgenlos, auch spirituell nicht. Ich will das an dem Dauerthema der organisierten muslimischen Verbandslandschaft – dem Thema der Muslimfeindlichkeit – deutlich machen, weil sie durch ihre Gemeindearbeit den unmittelbarsten und größten Zugang zur muslimischen Basis hat: Wer eine Gesellschaft zum Positiven verändern will – mit dem Ziel der Überwindung von Diskriminierung –, ohne an ihr teilhaben zu wollen, verändert nicht ihre Wirklichkeit, sondern nur sein eigenes Verhältnis zu ihr. Er bleibt Zuschauer eines Landes, das er formen möchte, ohne es je als das seine zu begreifen, weil sein Selbstverständnis gerade auf der Fremdheit zu dieser Gesellschaft beruht. Es ist eine Haltung der Teilnahmslosigkeit im Gewand des Engagements. Man kämpft, aber man kämpft von außen gegen ein Innen, dem man selbst nicht angehören will. Das ist keine politische Strategie. Selbst für den islamistischen Influencer nicht, der sich einer politischen Ideologie verschrieben hat. Es ist vielmehr ein Zustand der permanenten Heimatlosigkeit, den man sich selbst verordnet, weil die eigene (religiöse) Identität sich nur durch die Ablehnung dessen definieren lässt, worin man lebt.

Hinter dieser Haltung liegt, wie ich glaube, ein Grundirrtum, der weit über islamistische Kreise hinausreicht und der, in unterschiedlicher Verdünnung, meine gesamte muslimische Community durchzieht. Es ist der stille, selten ausgesprochene Glaube, dass „muslimisch“ an sich schon ein Qualitätsmerkmal sei, das keiner weiteren Kriterien mehr bedarf. Er begegnet uns in vielerlei Gestalt. Wir sind bereit, (religiöse) Moral, Tugendhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Autorität allein an äußeren Merkmalen, der Kleidung, dem Kopftuch, dem Bart, der Sprache festzumachen, solange wir diese Merkmale als „muslimisch“ identifizieren. Selbst ein überführter Spendenbetrüger verliert nichts von seiner Anschlussfähigkeit, weil es in unserer Community für viel zu viele ausreicht, wenn nur das „Muslimische“ äußerlich sichtbar bleibt. Den Absolutheitsanspruch unserer Religion haben wir so weit ausgedehnt und von unserer Beziehung zu Gott getrennt und schablonenhaft auf unseren Alltag übertragen, dass das „Muslimische“ als einziges Kriterium für Akzeptanz oder Ablehnung ausreicht. Für die radikalen Ränder unserer Community ist das besonders attraktiv, weil sie sich, wie oben beschrieben, als besonders fromme, kämpferische Gatekeeper des „Muslimischen“ inszenieren und somit soziale Macht aufbauen.

Aus diesem Glauben folgt fast zwangsläufig die Überzeugung, diese Gesellschaft könne sich eigentlich nur verbessern, wenn sie muslimischer würde, muslimischer geprägt, muslimischer regiert, muslimischer im Alltag. Das ist ein fundamentaler Fehler. Weder Gerechtigkeit noch Freiheit noch Rechtsstaatlichkeit noch Pluralität sind automatische Folgen einer muslimischen Prägung von Gesellschaft. Sie sind eigenständige Kriterien, die eine Gesellschaft erfüllen muss, unabhängig davon, welche Religion in ihr Mehrheit hat oder den größten sozialen Einfluss beansprucht.

Freiheit und Glauben

Die Freiheit, in der sich muslimisches Leben in Deutschland überhaupt erst entfalten kann, ist historisch nicht aus muslimischen Einflüssen entstanden. Sie ist das Ergebnis einer europäischen Aufklärung, einer Trennung von Staat und Religion, eines über Jahrhunderte erkämpften Rechtsstaats, an dessen Entstehung Muslime keinen nennenswerten Anteil hatten, weil sie schlicht noch nicht in nennenswerter Zahl hier lebten. Wer die Verbesserung der eigenen Lage als Muslim in Deutschland an die Bedingung knüpft, dass diese Gesellschaft muslimischer werden müsse, verwechselt die Ursache der eigenen Freiheit mit ihrer angeblichen Zukunftsformel. Was der islamistische Influencer ebenso ignoriert wie nicht wenige Muslime, die sich ein muslimischeres Deutschland wünschen: Wir können die Verbesserung unseres Zustandes als Community nicht auf einer These aufbauen, die der Entstehungsgeschichte unserer eigenen Freiheit widerspricht. Wir werden nicht freier werden, wenn alles andere muslimischer wird. Wir werden freiere Muslime sein, wenn wir auch als Muslime diese säkulare Freiheit schützen.

Was aus dieser Einsicht folgen müsste, ist eine andere Grundhaltung. Nicht die Frage, wie diese Gesellschaft muslimischer werden kann, spielt darin eine Rolle, sondern die Frage, was wir, aus muslimischer Überzeugung und mit muslimischem Antrieb, zu dieser Gesellschaft beitragen können, damit sie für alle besser wird, die in ihr leben, auch für jene, denen der Islam gleichgültig ist oder die ihm ablehnend gegenüberstehen. Die eigene religiöse Motivation für einen gesellschaftlichen Beitrag zu nutzen, ohne daraus einen Herrschaftsanspruch abzuleiten, das ist der eigentliche Grundpfeiler des Zusammenlebens in einer offenen Gesellschaft. Gegenwärtig sehe ich nicht, wie meine muslimische Community diesen Grundpfeiler mitträgt. Denn man kann schwerlich Pluralität als gesellschaftliches Prinzip einfordern, wenn man sie in der eigenen Mitte nicht einmal erträgt.

Die beiden Fundstücke, die ich oben näher beleuchtet habe, sind dafür gute, eigentlich schlechte Beispiele. Weder der eine noch der andere Beitrag lässt Raum für eine muslimische Position, die anders ist, ohne sie sofort zum Verrat oder zur Kapitulation zu erklären. Eine Community, die intern keine Differenz aushält, wird extern keine Gesellschaft überzeugen, dass ihr am Zusammenleben in Differenz gelegen ist. Meine muslimische Community, deren deutsche Freiheitsräume aus dem Selbstverständnis einer liberalen Gesellschaftsordnung erwachsen, muss sich mit der Frage auseinandersetzen, warum sie innerhalb der eigenen Community den „liberalen Muslim“ zum Schimpfwort gemacht hat, warum der liberale Muslim nicht selbstverständlich als eine von vielen möglichen muslimischen Selbstverständnissen in und mit dieser Community existieren darf, ohne abgewertet zu werden.

Zwei Erzählungen, ein Effekt

Ich will die oben beschriebenen Fundstücke noch auf einer anderen Ebene diskutieren. Sie beide stehen sich, beim ersten Blick auf ihre Urheber, fremd gegenüber. Der eine kommt aus einem akademisch grundierten, community-internen Diskurs, der andere aus einer explizit islamistischen Ecke. Und doch lässt sich in ihrer Wortwahl, ihrem Bezugsrahmen, ihren erklärten Feindbildern und ihrer (wohl) intendierten Wirkung eine besorgniserregende Annäherung beobachten. Sie erzeugen bei einem jungen Menschen, der beide liest, denselben Effekt. Beide erklären, dass echte Zugehörigkeit zu diesem Land keine legitime Option ist. Der eine tut es, indem er jede Stimme, die für ein Ankommen ohne Selbstverleugnung wirbt, zur assimilierten Verräterin erklärt. Der andere tut es, indem er die gesamte Gesellschaft, in der man lebt, zur dauerhaften Kampfzone erklärt, in der es keine neutralen Räume, keine gemeinsamen Interessen, keine Ambivalenz geben darf, sondern nur Gegner, die man notfalls unter Verlust jeder Beziehung zurückdrängen muss. Dabei sind ihm jene Muslime, die diese Haltung nicht teilen, die größten Gegner, weil sie seinem Publikum vorleben, dass es eine muslimische Alternative zu dieser ideologischen Kampfzone gibt.

Ich habe diese Dynamik in meiner Zeit bei DITIB, zwischen 2014 und 2017, aber auch im damaligen Austausch mit den anderen großen muslimischen Verbänden aus nächster Nähe beobachtet. Was ich dort gesehen habe, war ein schleichendes Sich-Einrichten in einem Klima, in dem beide Erzählungen ständig präsent waren. Mal als beiläufige Bemerkung eines geachteten Älteren, mal als programmatische Grundannahme, dass Deutschland eine dauerhafte Zumutung für die Existenz eines Muslims sei. Es erstaunt mich bis heute, wie man davon ausgehen kann, die eigene Existenz als Muslim in Deutschland sei ein Irrtum des Schicksals.

Unsere Community lebt in einem anhaltenden selbst verursachten Widerspruch, der darin liegt, gleichzeitig Anschluss an Deutschland zu suchen (als Individuum mit einem sozialen Leben und institutionell als deutsche Religionsgemeinschaft) und dabei in der muslimischen Binnensphäre ständig lernen zu müssen, dass dieser Anschluss ein Verrat sei, sobald er zu weit geht. Die Räume, in denen eine Erzählung der Mitgestaltung gedeihen könnten, werden gleich von zwei Seiten aus verengt oder gar besetzt gehalten. Von der einen, weil Mitgestaltung als assimilierte Anpassungsleistung an ein feindliches System diffamiert wird. Von der anderen, weil Mitgestaltung als religiöse Kapitulation vor einem säkularen Gegner gilt, dem man ohnehin nichts schuldet. Und es ist bedrückend, wie sich diese beiden Erzählungen innerhalb der muslimischen Community immer mehr annähern.

Die Jugend zwischen den Fronten

Was für die migrantischen Eliten, die ich in „Niemandes Land“ beschrieben habe, ein Legitimationsproblem war, das sich rhetorisch lösen ließ, ist für die muslimische Jugend eine tägliche Zerreißprobe, die sich nicht rhetorisch lösen lässt, weil sie selbst noch keine Position hat, von der aus sie sich rhetorisch behaupten könnte. Ein Jugendlicher, der seine eigene Zugehörigkeit zu diesem Land noch gar nicht ausgehandelt hat, bekommt gleichzeitig vom muslimischen Mainstream und vom radikalen Rand signalisiert, dass diese Aushandlung selbst schon der Fehler ist, weil jede Annäherung an die Mehrheitsgesellschaft als Beweis für Charakterschwäche gilt und/oder weil jede Ambivalenz gegenüber der eigenen Herkunftsgemeinschaft als Schwäche im Existenzkampf gilt.

Was diese jungen Menschen bräuchten, wäre nicht eine Erzählung, die ihnen erklärt, wer sie sein dürfen. Davon gibt es inzwischen genug, von allen Seiten, mit wechselnden Vorzeichen, aber derselben Anmaßung. Was sie bräuchten, wäre, dass die, die sich berufen fühlen, im Namen der muslimischen Gemeinschaft zu sprechen, endlich aufhören, ihnen zu erklären, wer sie nicht sein dürfen.

Die Prophezeiung, die sich selbst erfüllt

Es gibt eine sprachliche Figur, die in innermuslimischen Auseinandersetzungen so verlässlich wiederkehrt, dass man sie fast als eigenes Genre bezeichnen könnte: „Egal, wie sehr ihr euch anpasst, egal, wie tief ihr euch bückt, egal, wie sehr ihr euch anbiedert, ihr werdet von den Deutschen nie akzeptiert werden!“. Was diesen Satz so wirksam macht, ist nicht seine Wahrheit, sondern seine Unwiderlegbarkeit. Er ist so konstruiert, dass ihm kein Gegenbeispiel etwas anhaben kann. Wird jemand tatsächlich akzeptiert, ist er eben die Ausnahme, der Hausmuslim, der Haustürke, der „liberale Muslim“, der „deutsche Muslim“, dessen Anerkennung nur beweist, wie sehr er sich selbst und seine muslimische Gemeinschaft verraten hat, um sie zu bekommen. Bleibt die Anerkennung aus, ist das die erwartete Bestätigung. So oder so gewinnt der Satz. Damit ist er kein empirischer Befund mehr, den man widerlegen oder bestätigen könnte, sondern ein Dogma, das jede Erfahrung im Nachhinein bestätigend für sich einspannt. Bemerkenswert ist dabei auch die Wortwahl selbst, die schon vor jedem Ergebnis ein Werturteil fällt. Wer sich der Gesellschaft, in der er lebt, annähert, „passt sich an“, „assimiliert sich“, „bückt sich“, „biedert sich an“. Diese Wortwahl trägt die Demütigung bereits in sich, unabhängig davon, ob die Annäherung gelingt oder scheitert. Der Satz bestraft also nicht nur das Scheitern der Annäherung, er erklärt schon den Versuch selbst zur Erniedrigung. Damit bleibt demjenigen, der ihn verinnerlicht, keine würdevolle Option mehr übrig außer dem Rückzug in die eigene, geschlossene Reihe, die genau jene Stimmen predigen, die ich weiter oben beschrieben habe.

Was diesen Satz zusätzlich perfide macht, ist seine Funktion als sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wer von vornherein davon ausgeht, dass Annäherung sinnlos, wertlos, ja schädlich ist, investiert nicht mehr in die Beziehungen, aus denen tatsächliche Zugehörigkeit entsteht. Er tritt der Mehrheitsgesellschaft defensiv oder misstrauisch gegenüber, deutet Unklares als Ablehnung, meidet die alltäglichen Reibungen, aus denen Vertrautheit normalerweise wächst. Er beraubt sich selbst der positiven Erfahrungen, die die Erfahrung der Ablehnung relativieren und in einen realistischen Bezug setzen könnten. Und weil er sich so verhält, erlebt er tatsächlich häufiger Distanz, als jemand, der ohne diese Vorannahme in dieselben Situationen geht. Diese Distanz wird dann nicht als Folge der eigenen Erwartungshaltung gelesen, sondern als endgültiger Beweis für ihre Richtigkeit. Der Satz erzeugt damit genau die Wirklichkeit, die er zu beschreiben behauptet, und schließt sich selbst als Kreislauf, aus dem es kein empirisches Entkommen mehr gibt. Wer ihn einmal als Wahrheit über sich selbst und diese Gesellschaft akzeptiert hat, kann sie durch keine eigene Erfahrung mehr korrigieren, weil jede gegenteilige Erfahrung im Zweifel als Ausnahme, als Täuschung oder als Preis der Selbstverleugnung uminterpretiert wird.

Auffällig ist auch die Asymmetrie, die dieser Satz voraussetzt und gleichzeitig für die muslimische Perspektive ignoriert. Er verlangt von der eigenen muslimischen Gemeinschaft, jede pauschale Zuschreibung – nicht alle Muslime sind Islamisten, nicht jede Kopftuchträgerin ist unterdrückt, nicht jeder orthodoxe Muslim ist ein potenzieller Gefährder – zu Recht als Diskriminierung zurückzuweisen. Und im selben Atemzug erlaubt er sich selbst die pauschalste aller Zuschreibungen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft, nämlich dass „die Deutschen“ als geschlossener Block, ausnahmslos und für alle Zeit, zur Ablehnung entschlossen seien. Differenzierung wird für die eigene Gruppe eingefordert und der anderen kategorisch verweigert. Das ist derselbe fundamentale Fehler, den ich weiter oben für den Glauben beschrieben habe, „muslimisch“ sei an sich schon ein Qualitätsmerkmal. Nur steht hier auf der anderen Seite der Gleichung: „deutsch“ sei an sich schon ein Ablehnungsmerkmal und zugleich ein abzulehnendes Merkmal.

Diese doppelte Botschaft ist das eigentliche Ankommensverbot, von dem dieser Text handelt. Sie besteht nicht nur darin, die Ablehnung durch die Mehrheitsgesellschaft zur unumstößlichen Tatsache zu erklären, sondern der muslimischen Jugend gleich mit zu verbieten, sich diese Annäherung, dieses Ankommen überhaupt zu wünschen. Wer ihr diese Botschaft als Wahrheit mitgibt, lange bevor sie selbst die Gelegenheit hatte, sie durch eigene Erfahrungen zu widerlegen, verkauft ihr die eigene Angst, die eigene Fremdheit als muslimisches Schicksal in Deutschland.