Erstveröffentlichung im SPIEGEL am 13.03.2026
Der Grünenpolitiker Cem Özdemir wird der erste Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln sein. Viele Menschen mit Migrationsgeschichte haben sich über seinen Wahlsieg sehr gefreut. Bemerkenswert ist aber auch die Ablehnung, mit der ein nicht unerheblicher Teil der türkischen Community auf den Erfolg Özdemirs in Baden-Württemberg reagiert.
Das Netz ist voll mit Schmähungen: »Cem die assimilierte Bokwurst«. Dazu muss man wissen: Bok heißt auf Türkisch Scheiße. »Ein abstoßendes Beispiel für die türkische Gesellschaft«, »Mit Tschäm Ötztemir kann ich mich als Türke nicht identifizieren«, »Ich sage immer das ist ein Verräter Schwein«
Widersprüche zu inhaltlichen Positionen seiner Politik gehören zu einer pluralistischen politischen Debatte. Es gibt Türkeistämmige in Deutschland, die seine Positionen teilen und solche, die sie ablehnen. Dass aber Politiker der AKP, der Regierungspartei von Recep Tayyip Erdoğan, aus der Türkei nach Baden-Württemberg reisen, um Stimmung gegen einen türkeistämmigen Kandidaten zu machen? Das dürfte ein Novum in der Geschichte der deutschen Politik gewesen sein. Mustafa Varank, ein ehemaliger türkischer Minister, soll auf einer Veranstaltung in Esslingen gesagt haben, dass »diejenigen, die die türkische Flagge nicht respektieren, nicht unterstützt werden sollten«. Damit war natürlich Cem Özdemir gemeint.
Dieser türkische Wahlkampf gegen einen deutschen Kandidaten bei einer deutschen Landtagswahl macht sichtbar, vor welchen Herausforderungen unsere Gesellschaft steht, wenn es um unser zukünftiges Zusammenleben geht.
Deutsch zu werden wird als Verrat stigmatisiert
Mehr als 60 Jahre nach dem ersten Zuzug türkischer »Gastarbeiter« nach Deutschland haben viele ihrer Nachfahren die mentale Selbstverortung in der deutschen Fremde nicht überwunden. Sie betrachten sich als nationale Minderheit – als »Westeuropa-Türken«, wie es der politische Jargon der türkischen Regierungspartei AKP vorgibt. Vor diesem Hintergrund wird jede Hinwendung zur deutschen Gesellschaft als Abkehr von der türkischen Identität wahrgenommen.
Die hiesige Migrationsforschung attestiert der deutschen Gesellschaft, sie lasse sogenannte hybride Identitäten nicht zu. Damit ist gemeint, dass sich jemand zwei oder mehreren Kulturen zugehörig fühlen kann. Diese Verweigerungshaltung der Mehrheitsgesellschaft hemme die Integration von Migranten, sagen Wissenschaftler. Tatsächlich ist eine solche Verweigerungshaltung aber auch in weiten Teilen der türkischen Community zu finden: Deutsch zu werden, wird als Verrat an der eigenen Gruppe stigmatisiert. Die Identitäten deutsch und türkisch werden nur als alternative Optionen der Selbstverortung gedacht und zugelassen.
Die Nähe zum Deutschen wird als Assimilation, als servile Haltung und damit als Ausverkauf der türkischen Zugehörigkeit etikettiert. Özdemir nennt sich selbst nicht Türke, sondern anatolischer Schwabe. Er spricht Deutsch mit süddeutschem Dialekt, macht Witze über die Kehrwoche, nennt Bad Urach seine Heimat.
Viele empfinden die Lebensrealität in Deutschland als Zumutung
Die türkische Sprache kennt einen Begriff dafür: »Almanlaşmak«. Und mit dieser Beschreibung, dass ein Türke zunehmend zum Deutschen wird, ist nichts Positives gemeint. Früher, in meiner Kindheit, wurde diese Beschreibung verwendet, um den Sprachverlust der türkischen Gastarbeiterkinder, der »Almancı«, der »Deutschländer« zu kritisieren. Heute empfinden viele in der türkischen Community die Lebensrealität in Deutschland als Zumutung für die nationale Identität der »Westeuropa-Türken«. Deutschland wird nicht gelebt und gestaltet. Deutschland wird ertragen.
Der völkische, rechtsradikale Rand der deutschen Politik und Gesellschaft will mit dem Begriff des »Passdeutschen« abwertend ausdrücken, dass es angeblich biologische Hürden gibt, die ein Türke – unabhängig von seinen Leistungen und inneren Überzeugungen – niemals überwinden kann. Dass er also niemals ein echter Deutscher werden kann. Auch nicht durch seine Einbürgerung. Diese Stimmen wollen in Cem Özdemir stets und ausschließlich den Türken sehen. Den krummsäbeligen Muslim, der gekommen ist, um sie zu unterwerfen. Als lebten wir im Mittelalter.
Aber für viel zu viele Menschen aus der türkischen Community beschreibt dieser Begriff des »Passdeutschen« präzise ihr pragmatisches Selbstverständnis: ein formales, nützliches Verhältnis zu diesem Land und zu dieser Gesellschaft. Dieses ist verbunden mit einem inneren Exil, aus dem sie mit Geringschätzung auf beides blicken. Und auf alle, die diese Distanz nicht teilen, sondern sich als Teil dieser deutschen Gesellschaft begreifen und sich für das Wohl dieses Landes – ihres Landes – einsetzen wollen. Diese Stimmen sehen in Cem Özdemir nicht ihresgleichen, der es in diesem Land zu etwas gebracht hat. Für sie ist er »Cemfried Özmann«, der die falsche Aussprache seines Namens nur deshalb nicht korrigiert, weil er nicht fordernd erscheinen will. Einer, der gekommen ist, um sich zu unterwerfen.
Dieses innere türkische Exil hat nichts mit sozioökonomischen Bedingungen zu tun. Es findet sich in allen sozialen Gruppen innerhalb der türkeistämmigen Community. In den türkisch-muslimischen Verbänden sowieso. Da gehört es quasi zum Stallgeruch. Da kann man nur ein gescheiter Muslim sein, wenn man auch ausschließlich Türke ist. Ein »deutscher Muslim« gilt dort als eine gescheiterte Existenz. Aber auch in erfolgreichen Biografien, in der Wirtschaft, Politik, Kultur, Wissenschaft gibt es unter Türkeistämmigen diese merkwürdige permanente Kränkung durch das Deutsche.
Der rassistische Blick auf alles Türkische ist ein reales Problem
Gewiss ist dieses Gefühl auch entstanden, weil sich viele Türkeistämmige verletzt und abgelehnt fühlten. Die jahrelange Diskussion über die Loyalität von Doppelstaatlern, das furchtbare Wort vom »Beileidstourismus« nach den Brandanschlägen in Mölln und Solingen in den Neunzigerjahren. Der rassistische Blick auf alles Türkische ist ein reales Problem.
Aber negative Erfahrungen können nicht immer die Ausrede für dieses innere Exil sein. Sie gehören zum Inventar aller Aushandlungsprozesse einer sich durch Migration verändernden Gesellschaft. Die türkische Sprache und Kultur sind wunderschön. Ihr Erhalt ist eine Bereicherung und Kern vieler sozialer Bindungen und Persönlichkeiten. All das gilt ebenso für das Deutsche. Mehr noch: Das Deutsche ist die gemeinsame Grundlage aller Menschen, die in diesem Land leben. Es ist die Bedingung, ohne die ein Zusammenleben nicht gelingen kann.
Die erste Gastarbeitergeneration lebte mit der Illusion, Deutschland sei nur ein Zwischenstopp. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Jenen, die sich selbst nur als »Passdeutsche« begreifen wollen, sollte der Wahlsieg Cem Özdemirs vor allem eines zeigen: Es wird Zeit, hier anzukommen.