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Keine Zukunft ohne Versöhnung, keine Versöhnung ohne Wahrheit – Gedanken zum 9. November

„Geht es wirklich um Versöhnung?“ Mit dieser Frage beginnt Mehmet Daimagüler seinen aktuellen Gastbeitrag zum Tode Mevlüde Gençs im SPIEGEL. Am Ende des Textes hat man das Gefühl, dass es eine unbeantwortete Frage bleibt. Daimagüler schreibt über das Engagement Mevlüde Gençs, die beim Brandanschlag von Solingen im Mai 1993 fünf Familienmitglieder verliert. Er würdigt ihren Einsatz gegen Hass. Aber Versöhnung? Dieses Wort, das häufig in Verbindung mit dem Wirken Mevlüde Gençs zitiert wurde, stellt Daimagüler gleich zu Beginn seines Textes in Zweifel. Er schreibt: „Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr Zweifel habe ich bei dieser Wortwahl. Setzt Versöhnung nicht einen Konflikt zwischen mindestens zwei Seiten voraus? Suggeriert er nicht, dass hier die Opfer und die Täter, dass alle Seiten gleichermaßen Beteiligte eines Konflikts sind – und damit moralisch gleich zu werten sind?“

Mitten in Berlin

In der vergangenen Woche war ich zu Gast bei der Verleihung des Leo Baeck Preises des Zentralrates der Juden in Deutschland an Cem Özdemir. Die Feier fand in Berlin Mitte statt. Buchstäblich im Zentrum unserer Hauptstadt. Die prägenden Begriffe des…

Der Hamburger Vertrag mit muslimischen Verbänden – 10 Jahre Stillstand

(Anm.: Eine Kurzfassung des Textes erschien auf https://www.experteninitiative-religionspolitik.de/)

Vor zehn Jahren unterzeichneten die Freie und Hansestadt Hamburg und die drei muslimischen Verbände, der DITIB-Landesverband Hamburg (DITIB), SCHURA – Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg (SCHURA) und der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) einen Vertrag „mit dem Ziel, die Beziehungen zwischen der Freien und Hansestadt Hamburg und den islamischen Religionsgemeinschaften partnerschaftlich weiterzuentwickeln“ – wie es u.a. in der Präambel des Vertrages formuliert wird.

Die satanischen Verse von heute

Bei dem Mordversuch an Salman Rushdie geht es nicht vorrangig um die Frage, ob das Ereignis einer satanischen Einflüsterung falscher Koranverse und die anschließende Korrektur dieser Verse durch eine göttliche Offenbarung historisch tatsächlich stattgefunden hat. Rushdie behandelt in seinem Roman in wiederkehrenden Wandlungen vielmehr die Frage des fundamentalen Zweifels an absoluten Gewissheiten und am „Absolutismus des Reinen“ – im Bezug zur Religion und im Bezug zur Identität.

Die mörderische Verteidigung der Männlichkeit

(Dieser Text erschien am 18.07.2022 als Gastbeitrag auf SPIEGEL-ONLINE) Was steckt hinter islamistischer Gewalt gegen Schwule? Es ist der Hass auf Männer, die ihre Maskulinität aufgeben. Vor einigen Tagen verübte ein norwegischer Staatsbürger iranischer Herkunft, der 42-jährige Zaniar M., in…

Srebrenica, Mirsada Malagić, Witness 50 und viele andere

Seit 27 Jahre erinnern wir an den Völkermord an muslimischen BosnierInnen, mit dem die Existenz muslimischer Menschen auf dem Balkan ausgelöscht werden sollte. Ich weiß nicht, wem welche Gedanken im Augenblick des Erinnerns gegenwärtig sind. Ich weiß nicht, welche Bilder vor Augen treten, welche Laute in den Ohren klingen, wenn wir uns an Srebrenica erinnern.

Sivas

Am 2. Juli vor 29 Jahren wurde der Brandanschlag auf das Madımak Hotel in Sivas verübt, bei dem 33 alevitische Hotelgäste und zwei Mitarbeiter des Hotels getötet wurden. Wer Details zu diesen Ereignissen und meine Meinung zu diesem Pogrom wissen will, kann sich die ausführliche Podcast-Folge der Dauernörgler anhören: https://dauernoergler.org/2020/07/02/episode-18-unutmadlm-aklimda-das-pogrom-von-sivas/

In diesem Text geht es mir um ein anderes Detail. Ich habe am 2. Juli ganz bewusst geschwiegen und genau hingeschaut, wie an dieses Pogrom erinnert wird und wer sich wie und wer sich wieder nicht äußert. Was mir auffällt, ist erneut – bis auf ganz wenige individuelle Ausnahmen – das Schweigen der sunnitisch-muslimischen Gemeinschaft. Aber auch die Art und Weise des Erinnerns der vielen alevitischen Stimmen wirkt auf mich in einem ganz bestimmten Detail unvollständig oder vielleicht besser formuliert: zu unpräzise.

Mit klarem Blick auf die Verhältnisse

Die Debatte um muslimische Organisationen in Deutschland steckt nach mehr als zwanzig Jahren intensiver öffentlicher Diskussionen in einer Sackgasse. Eigentlich sind es mehrere Sackgassen, die von diversen Missverständnissen begleitet werden und sie variieren je nach Perspektive des Betrachters oder Kommentators der institutionellen muslimischen Verhältnisse.

Lost in Diaspora

Kürzlich haben die beiden Autoren Harry Harun Behr und Meltem Kulaçatan die Studie „DITIB Jugendstudie 2021 – Lebensweltliche Einstellungen junger Muslim:innen in Deutschland“ veröffentlicht.

Es ist anzunehmen, dass die Studie gerade in behördlichen und zivilgesellschaftlich engagierten Kreisen viele LeserInnen finden wird, die sich mit der Frage konfrontiert sehen, in welchem Umfang und mit welcher inhaltlichen Ausrichtung wieder oder weiter mit dem Ditib Bundesverband und seinen Untergliederungen zusammengearbeitet werden kann. Schließlich sind innerhalb des DITIB Verbandes mehr als 800 Moscheegemeinden zusammengefasst. Aus dieser mitgliedschaftlichen Struktur erwächst und behauptet die DITIB-Führung immer wieder eine Repräsentativität und damit eine quantitative Relevanz bei der Frage der Kooperation mit staatlichen Stellen.

Der Gastarbeiter im PEN-Club

Deniz Yücel ist Präsident des PEN-Zentrum Deutschland. Wenn es nach einigen PEN-Mitgliedern geht, soll er das nicht lange bleiben. Vordergründig geht es um seine öffentlichen Aussagen zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Tatsächlich besteht Anlass zu der Vermutung, dass es nicht um die Frage geht, wie ein PEN-Präsident öffentlich auftreten darf, sondern darum, wie ganz konkret dieser PEN-Präsident öffentlich aufzutreten hat. „Jetzt sind die Gastarbeiter auch im PEN-Club angekommen“, soll ihm ein Mitglied nach der Wahl Yücels im Oktober 2021 in größerer Runde gesagt haben. Dazu hat Yücel gepostet: „Jetzt steht besagte Autor:in weit oben auf der Liste von 36 Mitgliedern, die mich auf der kommenden Mitgliederversammlung im Mai in Gotha als Präsident des PEN-Zentrum Deutschland absetzen wollen.“