Fragen an deutsche Religionsgemeinschaften

Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan hat eine Dynamik in die innermuslimische Debatte hier in Deutschland gebracht, die ich bei den ersten Bildern aus Kabul so nicht vorhergesehen habe. Der entsetzte Blick auf Afghanistan schweifte dann immer mehr und irritiert…

Brüder im Glauben

In einem aktuellen Freitagswort (www.freitagsworte.de) habe ich versucht zu analysieren, warum die muslimischen Verbände in Deutschland weitestgehend zu den Entwicklungen in Afghanistan schweigen. Dabei habe ich darauf hingewiesen, dass die schnelle und vehemente Distanzierung – zum Beispiel bei extremistischen Anschlägen durch Muslime – im Falle der Machtübernahme der Taliban in Kabul unterblieben ist.

Meine Erklärung dieses Schweigens thematisiert die ideelle Nähe insbesondere der türkeistämmigen Verbände zu den theologischen Überzeugungen der Taliban. Dieser Hinweis ist in ersten Reaktionen junger Muslime energisch zurückgewiesen worden. Lassen wir die üblichen persönlichen Entgleisungen mir gegenüber unbeachtet, ist der sachliche Kern dieses Abwehrreflexes kaum nachzuvollziehen.

Jungen Muslimen scheint die Vorstellung, sie würden im Grunde den gleichen Glaubensüberzeugungen folgen wie die Taliban, offenbar unerträglich. Das ist im Grunde auch gut so. Allerdings deutet diese Abwehrhaltung eher auf eine ästhetische Dissonanz hin – man will nicht so menschenverachtend, so skrupellos und unkultiviert erscheinen wie die Taliban. Denn inhaltlich lässt sich diese Zurückweisung nicht begründen.

„Wo der Weg zur Gewalt beginnt“ – Persönliches zum 14.09.2021

Der 14.09.2021 wird ein besonderer Tag für mich werden. Sollte unser Schöpfer es in seinem Ratschluss für segensreich erachten, dass ich diesen Tag bei bester Gesundheit erlebe, werde ich ein sehr glücklicher Mensch sein. Es wird ein Tag sein, an dem ich für mich sehr wichtige Gedanken mit der Öffentlichkeit teile. Das tue ich ohnehin seit einigen Jahren auf dieser Blogseite.

Am 14.09.2021 werden meine Gedanken aber erstmals nicht auf diesem Blog veröffentlicht, sondern in Gestalt eines Buches mit dem Titel:

„Wo der Weg zur Gewalt beginnt – Muslimische Vorstellungen von Überlegenheit, ihre Wirkung auf Extremismus und Terror und was wir dagegen tun können“

https://www.m-vg.de/riva/shop/article/21456-wo-der-weg-zur-gewalt-beginnt/

Der Hass wird nicht verschwinden

Ich hatte nach dem letzten Text zum Thema Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland und seinen Bezügen zum Nahostkonflikt eigentlich nicht vor, erneut dazu etwas zu verfassen.
Allerdings sind die Ereignisse vom Wochenende, die Demonstrationen des Hasses gegen Juden in Deutschland, von so einer „Qualität“, dass ich mich in der Pflicht sehe, den Blick auf unsere gesellschaftliche Situation noch genauer zu fokussieren. Ich formuliere das Vorangegangene ausdrücklich so: Demonstrationen des Hasses gegen Juden in Deutschland. So sah es aus. So hörte sich das an. Und ganz gewiss muss sich das für Jüd:innen auch genau so angefühlt haben.

Nakba – Die große Katastrophe

Ein Kommentar zum Nahostkonflikt aus muslimischer Perspektive ist immer schwierig. Sagt oder schreibt man etwas, droht der Vorwurf, man habe diesen oder jenen Aspekt des Konflikts, diesen oder jenen historischen Kontext außer Acht gelassen, nicht angemessen berücksichtigt, ja vielleicht sogar wissentlich unterschlagen. Eine solche Unvollständigkeit reicht bereits aus, um von den Betroffenen einer der beiden Seiten des Konflikts als Apologet der jeweils anderen Seite verurteilt zu werden. Also flüchten sich viele Stimmen in eine möglichst unparteilich erscheinende Stille oder in Aufrufe zur Deeskalation, in eine möglichst unverbindliche Abwägung des Verhaltens „beider Seiten“.

Neutralität mit und ohne Kopftuch

Der Bundesrat hat einer Gesetzesvorlage zugestimmt, die im April vom Bundestag verabschiedet wurde und mit der das Erscheinungsbild von Beamt:innen bundeseinheitlich geregelt werden soll.

In der muslimischen Landschaft ist von einem Kopftuchverbotsgesetz die Rede. Formulierungen wie Diskriminierung, Stigmatisierung, „so fängt es an“, Kopftuchverbot durch die Hintertür etc. dominieren die wütende muslimische Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt. Dieser Reflex des ständig verfolgten, benachteiligten Opfers tut unseren gesellschaftspolitischen Debatten nicht gut und leistet keinen sinnvollen oder auch nur ansatzweise Erfolg versprechenden Beitrag zu einer professionellen Artikulation muslimischer Belange im öffentlichen Raum. Dieser Ton und Inhalt verfestigen Fronten und vertiefen Gräben innerhalb einer Gesellschaft, in welcher es gilt, Vorstellungen von „Wir“ und „Ihr“ zu überwinden, anstatt sie zu zementieren.

Das hat was mit uns Muslimen zu tun

Nach dem grausamen Mordanschlag in Frankreich ist es still geblieben in der muslimischen Verbandslandschaft in Deutschland. Gab es irgendeinen muslimischen Dachverband, der sich öffentlich in einer Stellungnahme oder Pressemitteilung zu Wort gemeldet hat? 

Auf Bundesebene waren keine solchen Veröffentlichungen wahrzunehmen. Der Ditib Landesverband Hessen war wahrscheinlich einer der wenigen muslimischen Verbände, der sich die Mühe zu einer öffentlichen Positionierung gemacht hat. Im Bundesverband der Ditib in Köln hat man das wohl als ausreichendes Maß der öffentlichen Stellungnahme erachtet.   

Außer spärlichen Tweets oder Facebook Postings war nichts zu lesen oder zu hören. Selbst das Wenige, das zu beobachten war, folgte einer Dramaturgie, die mittlerweile zunehmend als eingeübte, ritualisierte Betroffenheitsfolklore wirkt. Fast schon genervt klangen diese Erklärungen. Man habe doch all die Jahre jetzt immer und immer wieder erklärt, dass solche Taten nichts mit dem Islam zu tun haben und man sie natürlich verurteilt. Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt usw., usw. 

Das Karussell der Kulturvereine

Am 18.10.2020 veröffentlich die der IGMG zurechenbare „Islamiq“-Onlineredaktion einen Gastbeitrag des Dr. Ahmet Inam mit dem Titel „Das Projekt „deutscher Islam“.

Im Kurzportrait des Gastautors heißt es: „Ahmet Inam (Dr. phil.), 1976 geb. in Herne, hat an der Ruhr-Universität Bochum Islamwissenschaften/Orientalistik und Religionswissenschaften studiert. Nach seinem Masterstudium in Islamwissenschaften promovierte er 2015 an der Frankfurter Goethe-Universität am „Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam“ mit dem Titel „Die theologischen, juristischen und sozialen Dimensionen der Sünde im Koran“. Seit 2017 leitet er bei der DITIB-ZSU die Abteilung „Übersetzung, Lektorat und Edition“.“

Bereits zuvor habe ich mich auf diesem Blog mit den ganz besonderen Ansichten des Dr. Inam befasst. Weniger aufgrund ihrer gedanklichen Substanz als vielmehr wegen der interessanten Einblicke, welche diese Texte in die Gedankenwelt jener Figuren ermöglichen, die mit ihren seltenen öffentlichen Ausbrüchen aus der Front des kollektiven Schweigens der muslimischen Verbände uns eine Ahnung darüber verschaffen, was die dortigen Motive und Grundsätze im Kern ausmacht.

Diese spärlichen Offenlegungen des gedanklichen Selbst der muslimischen Verbände ist wichtig, um die Grundlagen ihres Handelns oder Nicht-Handelns zu verstehen und einschätzen zu können, ob und wie eine gemeinsame Zukunft des öffentlichen muslimischen Engagements in Deutschland möglich sein kann.

Die neue Türkei und die neuen Türken in Deutschland

Früher war nicht alles besser. Auch wenn man mit zunehmendem Alter dazu neigt, die Vergangenheit im nostalgischen Rückblick zu verklären und sich nur an das zu erinnern, was einem als besonders positiv im Gedächtnis geblieben ist. Im Rückblick auf meine persönliche Geschichte über und mit der Türkei sind es eine Vielzahl an Erinnerungen, über die ich gerne und ausführlich berichten würde. Gleiches gilt für die Erfahrungen innerhalb der türkeistämmigen Bevölkerung hier in Deutschland. 

Das M-Wort

“12 Ausländer, 9 Deutsche, 3 Deutsche mit Migrationshintergrund”. So beschreibt die Bild-Zeitung den Kreis der bislang verhafteten mutmaßlichen Täter der Stuttgarter Randalenacht. Das Wort „Migrationshintergrund“ wird mir in diesem Moment, in welchem ich diesen Text tippe, vom Textverarbeitungsprogramm als Schreibfehler angezeigt. Ich schaue nochmal aufmerksamer auf die Buchstaben, um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht vertippt habe. Mi-gra-tions-hin-ter-grund. Nein, alles richtig. Wirklich?