Der Hass wird nicht verschwinden

Ich hatte nach dem letzten Text zum Thema Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland und seinen Bezügen zum Nahostkonflikt eigentlich nicht vor, erneut dazu etwas zu verfassen.
Allerdings sind die Ereignisse vom Wochenende, die Demonstrationen des Hasses gegen Juden in Deutschland, von so einer „Qualität“, dass ich mich in der Pflicht sehe, den Blick auf unsere gesellschaftliche Situation noch genauer zu fokussieren. Ich formuliere das Vorangegangene ausdrücklich so: Demonstrationen des Hasses gegen Juden in Deutschland. So sah es aus. So hörte sich das an. Und ganz gewiss muss sich das für Jüd:innen auch genau so angefühlt haben.

Nakba – Die große Katastrophe

Ein Kommentar zum Nahostkonflikt aus muslimischer Perspektive ist immer schwierig. Sagt oder schreibt man etwas, droht der Vorwurf, man habe diesen oder jenen Aspekt des Konflikts, diesen oder jenen historischen Kontext außer Acht gelassen, nicht angemessen berücksichtigt, ja vielleicht sogar wissentlich unterschlagen. Eine solche Unvollständigkeit reicht bereits aus, um von den Betroffenen einer der beiden Seiten des Konflikts als Apologet der jeweils anderen Seite verurteilt zu werden. Also flüchten sich viele Stimmen in eine möglichst unparteilich erscheinende Stille oder in Aufrufe zur Deeskalation, in eine möglichst unverbindliche Abwägung des Verhaltens „beider Seiten“.

Neutralität mit und ohne Kopftuch

Der Bundesrat hat einer Gesetzesvorlage zugestimmt, die im April vom Bundestag verabschiedet wurde und mit der das Erscheinungsbild von Beamt:innen bundeseinheitlich geregelt werden soll.

In der muslimischen Landschaft ist von einem Kopftuchverbotsgesetz die Rede. Formulierungen wie Diskriminierung, Stigmatisierung, „so fängt es an“, Kopftuchverbot durch die Hintertür etc. dominieren die wütende muslimische Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt. Dieser Reflex des ständig verfolgten, benachteiligten Opfers tut unseren gesellschaftspolitischen Debatten nicht gut und leistet keinen sinnvollen oder auch nur ansatzweise Erfolg versprechenden Beitrag zu einer professionellen Artikulation muslimischer Belange im öffentlichen Raum. Dieser Ton und Inhalt verfestigen Fronten und vertiefen Gräben innerhalb einer Gesellschaft, in welcher es gilt, Vorstellungen von „Wir“ und „Ihr“ zu überwinden, anstatt sie zu zementieren.

Das hat was mit uns Muslimen zu tun

Nach dem grausamen Mordanschlag in Frankreich ist es still geblieben in der muslimischen Verbandslandschaft in Deutschland. Gab es irgendeinen muslimischen Dachverband, der sich öffentlich in einer Stellungnahme oder Pressemitteilung zu Wort gemeldet hat? 

Auf Bundesebene waren keine solchen Veröffentlichungen wahrzunehmen. Der Ditib Landesverband Hessen war wahrscheinlich einer der wenigen muslimischen Verbände, der sich die Mühe zu einer öffentlichen Positionierung gemacht hat. Im Bundesverband der Ditib in Köln hat man das wohl als ausreichendes Maß der öffentlichen Stellungnahme erachtet.   

Außer spärlichen Tweets oder Facebook Postings war nichts zu lesen oder zu hören. Selbst das Wenige, das zu beobachten war, folgte einer Dramaturgie, die mittlerweile zunehmend als eingeübte, ritualisierte Betroffenheitsfolklore wirkt. Fast schon genervt klangen diese Erklärungen. Man habe doch all die Jahre jetzt immer und immer wieder erklärt, dass solche Taten nichts mit dem Islam zu tun haben und man sie natürlich verurteilt. Wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt usw., usw. 

Das Karussell der Kulturvereine

Am 18.10.2020 veröffentlich die der IGMG zurechenbare „Islamiq“-Onlineredaktion einen Gastbeitrag des Dr. Ahmet Inam mit dem Titel „Das Projekt „deutscher Islam“.

Im Kurzportrait des Gastautors heißt es: „Ahmet Inam (Dr. phil.), 1976 geb. in Herne, hat an der Ruhr-Universität Bochum Islamwissenschaften/Orientalistik und Religionswissenschaften studiert. Nach seinem Masterstudium in Islamwissenschaften promovierte er 2015 an der Frankfurter Goethe-Universität am „Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam“ mit dem Titel „Die theologischen, juristischen und sozialen Dimensionen der Sünde im Koran“. Seit 2017 leitet er bei der DITIB-ZSU die Abteilung „Übersetzung, Lektorat und Edition“.“

Bereits zuvor habe ich mich auf diesem Blog mit den ganz besonderen Ansichten des Dr. Inam befasst. Weniger aufgrund ihrer gedanklichen Substanz als vielmehr wegen der interessanten Einblicke, welche diese Texte in die Gedankenwelt jener Figuren ermöglichen, die mit ihren seltenen öffentlichen Ausbrüchen aus der Front des kollektiven Schweigens der muslimischen Verbände uns eine Ahnung darüber verschaffen, was die dortigen Motive und Grundsätze im Kern ausmacht.

Diese spärlichen Offenlegungen des gedanklichen Selbst der muslimischen Verbände ist wichtig, um die Grundlagen ihres Handelns oder Nicht-Handelns zu verstehen und einschätzen zu können, ob und wie eine gemeinsame Zukunft des öffentlichen muslimischen Engagements in Deutschland möglich sein kann.

Die neue Türkei und die neuen Türken in Deutschland

Früher war nicht alles besser. Auch wenn man mit zunehmendem Alter dazu neigt, die Vergangenheit im nostalgischen Rückblick zu verklären und sich nur an das zu erinnern, was einem als besonders positiv im Gedächtnis geblieben ist. Im Rückblick auf meine persönliche Geschichte über und mit der Türkei sind es eine Vielzahl an Erinnerungen, über die ich gerne und ausführlich berichten würde. Gleiches gilt für die Erfahrungen innerhalb der türkeistämmigen Bevölkerung hier in Deutschland. 

Das M-Wort

“12 Ausländer, 9 Deutsche, 3 Deutsche mit Migrationshintergrund”. So beschreibt die Bild-Zeitung den Kreis der bislang verhafteten mutmaßlichen Täter der Stuttgarter Randalenacht. Das Wort „Migrationshintergrund“ wird mir in diesem Moment, in welchem ich diesen Text tippe, vom Textverarbeitungsprogramm als Schreibfehler angezeigt. Ich schaue nochmal aufmerksamer auf die Buchstaben, um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht vertippt habe. Mi-gra-tions-hin-ter-grund. Nein, alles richtig. Wirklich?

Plädoyer eines Haustürken

Die Debatten innerhalb der türkeistämmigen muslimischen Bevölkerung in Deutschland sind seit mehreren Jahren einem Veränderungsdruck ausgesetzt, der sich als Phänomen der Reflexion gesellschaftlicher und politischer Veränderungen in der Türkei darstellt.

Der politische und damit auch der öffentliche Raum in der Türkei ist seit mindestens zehn Jahren durch eine Rhetorik der kategorischen Feindschaft geprägt. Es ist ganz konkret dem politischen Stil Erdogans geschuldet, dass gesellschaftliche Kontroversen nicht mehr als Streit politischer Lager oder gegensätzlicher politischer Meinungen ausgetragen werden.

Sein wollen, was man nicht sein darf

Das hessische Kultusministerium hat vor einigen Tagen bekannt gegeben, dass die Vollziehung des Bescheides von 2012 zur Einrichtung eines bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterrichts in Kooperation mit Ditib Hessen zum Ende des laufenden Schuljahres ausgesetzt wird. Als Grund für diese Aussetzungsentscheidung werden Zweifel an der Erfüllung der notwendigen Kriterien durch Ditib Hessen angeführt. Es geht insbesondere darum, dass Ditib Hessen die Zweifel an ihrer hinreichenden Unabhängigkeit vom türkischen Staat nicht ausräumen konnte.

Verstaubte Verwaltungsbeamte des Islam

Die aktuellen Herausforderungen der Corona-Krise sind gleichzeitig auch eine Herausforderung des organisierten Islam in Deutschland.

Seit knapp zwei Monaten zeichnet sich ab, dass wir alle in unterschiedlichen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens vor Problemen stehen, die bisher – zumindest in unserer Generation – ohne Beispiel oder bisher durchlebte Erfahrung sind. Niemand von uns weiß, was der ideale Weg ist, der Pandemie zu begegnen, ihre Folgen für die Gesellschaft und unser Gesundheitssystem soweit zu mindern, dass keine akute Notlage eintritt.