In eigener Sache

Seit Dezember 2017 bis März 2018 habe ich keine Texte auf dieser Seite veröffentlicht. Dennoch verzeichneten meine Beiträge  in dieser Zeit  im Schnitt über 650 Aufrufe täglich. Diese Neugier und Aufmerksamkeit rühren mich. Sie sind mir gleichzeitig eine Ermutigung. Und das in einer nicht ganz einfachen Zeit.

Während der Weihnachtsfeiertage 2017 erhielt ich ein Schreiben meines damaligen Arbeitgebers. Der DITIB-ZSU e.V. ließ mir die Kündigung zustellen – ohne schriftliche Begründung.

Regelmäßige Leser meines Blogs werden wissen, dass ich seit dem Februar 2017 nur noch für die Bestattungsdienste der DITIB tätig war und den Bundesverband verlassen musste. Zeitgleich hatte ich alle meine Ehrenämter und Vertretungsfunktionen niedergelegt.

Mein Anliegen, die DITIB davon zu überzeugen, in die Rolle einer deutschen Religionsgemeinschaft hineinzuwachsen, sich als für die gesamte hiesige Gesellschaft verantwortliche zivilgesellschaftliche Institution zu verstehen, ist mit dieser Kündigung nun endgültig gescheitert. Mit einem solchen Engagement bin ich für die DITIB zum Fremdkörper geworden, den sie aus ihrer Organisationstruktur entfernen will.

Osmanische Krieger am Rheinufer

Die türkische Regierungspartei AKP bereitet sich intensiv auf die bevorstehenden Wahlen am 24.06.2018 vor. Auch in Deutschland. Die AKP hat ein „Yurt Dışı Seçim Koordinasyon Merkezi“ – offizielles Kürzel: AKYSKM. Das ist ein „Wahl-Koordinationszentrum für das Ausland“. Seine Aufgabe ist es, die Stimmen der im Ausland wahlberechtigten Türken für die AKP zu mobilisieren. Der Internetauftritt präsentiert sich unter dem Namen „hedef1milyon.net“. Das ist ein Wortspiel, mit welchem die Zielvorgabe der AKP verdeutlicht wird: Das klare Ziel sind 1 Million Stimmen für die AKP aus dem Ausland. Hauptzielgruppe dieser Mobilisierungskampagne sind die Wahlberechtigten in Deutschland.

Auchdeutsch

Gestern jährte sich der Anschlag von Solingen zum 25. Mal. Die Gedenkveranstaltungen fanden vor Ort in Solingen und in der Düsseldorfer Staatskanzlei statt. Sie wurden durch zahlreiche Kommentare in der Presse und in den sozialen Medien begleitet. Das Meinungsbild, die Reaktionen auf dieses Ereignis und das Gedenken an die Opfer des Anschlages waren geprägt von zwei Details: Es hat 25 Jahre gebraucht, bis höchste Vertreter der Bunderegierung durch ihre Anwesenheit und ihre tröstenden Worte Beistand und Anteilnahme mit den Hinterbliebenen zum Ausdruck bringen konnten. Und seit 25 Jahren ist es Mevlüde Genç, die durch ihre Weigerung, die Verantwortung für ihren Schmerz der deutschen Gesellschaft als Ganzes zuzuweisen, mit einfachen Worten eine eindrucksvolle Sprache der Versöhnung und des Zusammenhalts findet. Sie ist damit auch ein Beispiel dafür, dass nicht entscheidend ist, wie wir aussehen und in welcher Sprache wir sprechen, sondern wie wir denken und was wir sagen.

Ramadan kein alter deutscher Brauch – und Demokratie?

Ein Auszug aus meinem letzten Blogbeitrag: „Erst kürzlich schrieb mein Freund Eren Güvercin im Feuilleton des Deutschlandfunk Kultur über Ramadan „als alten deutschen Brauch“ – natürlich eine bewusst überspitzte Formulierung. Die Reaktionen darauf waren vorhersehbar und sind exemplarisch. Die große Entrüstung über diese Formulierung kommt von jenen, für die Muslime mit ihren Bräuchen nie wirklich „Deutsche“ sein oder werden können. Sie waren es in der Vergangenheit nicht und sie sollen es auch in der Zukunft nicht sein können.

Eigentore und Brötchenschlangen

Was sind wir doch für eine überreizte Gesellschaft geworden. Jedes Ereignis, jeder öffentlich ausgesprochene Satz, jedes Bild löst mittlerweile Eruptionen der Empörung aus, führt zur sofortigen Gegenrede, die dann ebenso plakativ und grobschlächtig auf die empfunden oder tatsächlich plakative und grobschlächtige Provokation eindrischt. Wir nehmen uns weder Zeit, den Gegenstand unserer Empörung näher zu betrachten, noch unternehmen wir den Versuch, ihn auf seine Bedeutungs- und Wirkungsebenen hin zu durchleuchten. Damit bleiben wir sprunghaft, reagieren auf öffentliche Diskurse nur noch reflexartig, statt uns um Differenzierung und kritische Analyse zu bemühen.

Versuchen wir das Gegenteil. Versuchen wir, einen differenzierten Blick auf die Ereignisse der letzten Tage zu werfen:

Das unendliche Kopftuch

In Österreich wird ein Kopftuchverbot für muslimische Mädchen an Kindertagesstätten und Grundschulen diskutiert. Jetzt schon melden sich Stimmen zu Wort, die ein solches Vorhaben auch auf weiterführende Schulen und Universitäten ausdehnen wollen. Vermutlich nicht ganz unberührt von diesen Entwicklungen will nun auch das Integrationsministerium in NRW über ein Kopftuchverbot für muslimische Mädchen diskutieren.

Wer und was ist „Deutsch“?

Als die ersten Nachrichten über die Amokfahrt in Münster über den Bildschirm liefen, ging mir ein Gedanke durch den Kopf. Vermutlich war das ein Gedanke, der gleichzeitig vielen Muslimen in Deutschland durch den Kopf ging; den sie vielleicht als stille Hoffnung, vielleicht als Stoßgebet formuliert haben: „Lass den Todesfahrer bitte kein Muslim sein!“ Dieser Wunsch schleicht sich ein in die Gedanken. Bei manchen blitzt er vielleicht auch so grell auf, dass er die Sorgen um die Opfer einer solchen Tat verdrängt, sich vor diesen menschlichen Reflex des Mitgefühls zwängt.

Empörungsbescheinigung

Ich verfolge in den Sozialen Medien und nun auch in türkischsprachiger Presse seit einigen Tagen einen Fall, in welchem eine muslimische Frau durch eine behördliche Stelle aufgefordert wird, für die Ausstellung eines amtlichen Dokumentes – im konkreten Fall ein Führerschein – ein Lichtbild ohne Kopftuch vorzulegen oder einen schriftlichen Nachweis einer Moschee einzuholen, aus dem hervorgeht, dass sie aus religiösen Gründen zum Tragen eines Kopftuches verpflichtet ist. Dieser Nachweis wird als „Kopftuchbescheinigung“ bezeichnet.

Einige Akteure der politischen Verbandslandschaft sind sofort empört, befinden sich nach eignen Angaben gegenüber türkischsprachigen Medien geradezu im Schockzustand und verlangen publikumswirksam eine Erklärung der „deutschen Dienststellen“.

Große Erwartungen, falsche Voraussetzungen

Die aktuellen Diskussionen um den Beirat des geplanten Islam-Instituts an der Humboldt-Universität in Berlin verlaufen – wie so oft – entlang eingeübter Positionen und erschweren dadurch den Blick auf die tatsächlichen Schwierigkeiten bei der Etablierung islamisch-theologischer Studien an Hochschulen in Deutschland.

Was ist konkret passiert? Vier der fünf beteiligten muslimischen Verbände verweigern die Unterzeichnung der Gründungsvereinbarung. Da verfassungsrechtlich – sehr verkürzt dargestellt – ohne eine die bekenntnisgebundenen Details der universitären Lehre legitimierende Religionsgemeinschaft keine Hochschultheologie möglich ist, droht das Vorhaben zumindest ins Stocken zu geraten, wenn nicht gar gänzlich zu scheitern.

Drei Seelen in einer Brust

Vorbemerkung: Seit drei Monaten ist es still auf diesem Blog. Das hat Gründe. Allen interessierten Leserinnen und Lesern schulde ich eine Erklärung für diese Stille. Dafür brauche ich noch ein wenig Zeit. Für den Moment nur so viel: Ditib und ich gehen seit Anfang des Jahres getrennte Wege. Ich werde bald ausführlicher dazu Stellung nehmen.

Die Islam-Debatte der letzten Tage hat mich nicht in Ruhe gelassen. Deshalb nun – vor einer Erklärung in eigener Sache – der folgende Text:

Als Muslim

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“ und die muslimische Gemeinschaft rotiert, als ob ein gesellschaftliches Tabu gebrochen worden wäre. Und so, als ob seit 8 Jahren dieser Satz nicht unendliche Male zitiert, beklatscht, verflucht, gelobt oder bestritten wurde. Reflexartig folgen ebenso apodiktische und ebenso oberflächliche Bekundungen, dass ja genau das Gegenteil der Fall sei.