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Der Bruch im Verborgenen

Seit einiger Zeit thematisiere ich bereist in diesem Blog die Problematik einer nationalistisch-identitären Bewegung innerhalb türkisch-muslimischer Gruppen in Deutschland. Ein aktuelles Streitgespräch auf Facebook über die Doppelmoral in diesen Kreisen, insbesondere beim Thema Antisemitismus, lies mich aufhorchen.

Macht man sich die Mühe, aus dem Wust persönlicher Beschimpfungen und hässlicher, denunziatorischer Andeutungen, die Kernargumente herauszuschälen, stößt man auf folgende Denkfigur: Rassismus und Antisemitismus widersprechen dem Islam, also kann kein Muslim antisemitisch oder rassistisch sein.

Dieses Argument wird verstärkt durch die These, historisch hätten sich das Osmanische Reich und die Türkei in Zeiten antisemitischer Verfolgung in Europa als Zufluchtsstätte für viele Juden erwiesen und also könne kein Türke antisemitisch oder rassistisch sein.

Diese Haltung ist Merkmal eines größeren Problems und soll deshalb an dieser Stelle ausführlicher besprochen werden.

Die beschriebene Denkweise ist typisch für die angesprochene Szene. Sie dient der fortgesetzten Idealisierung des eigenen Bildes als Türke und Muslim. Es wird mit diesen Gedankenfiguren ein klar national-religiös abgrenzbares gedankliches Territorium markiert, in welchem vermeintlich das absolut Gute zur Entfaltung kommt und zum Wohle der türkischen Nation und des Islam – und letztlich der ganzen Welt – wirkt. Ein häufig wiederholtes Narrativ ist jenes der Türkei als letzte „Festung des Islam“. In dieser Gedankenwelt ist alles, was nichttürkisch und nichtmuslimisch ist, außerhalb dieser Festung und damit naturgemäß absolut böse und feindlich.

Ideologie der Eindeutigkeit

Diese Ideologie fordert nun in sich folgerichtig die geschlossene Verteidigung des einzig Guten gegenüber dem äußeren Bösen durch eine vollständige Adaptation des eigenen untadeligen Selbstbildes als Muslim und Türke. Jede Differenzierung, jeder Hinweis auf Ambivalenzen wird – wieder in sich schlüssig – als Ausdruck von Feindseligkeit interpretiert. In dieser Denklogik ist dann jede Kritik, jedes Hinterfragen der internen Denkstrukturen ein Ausdruck kollektiver Nichtzugehörigkeit, des Verrates und der Selbstenttarnung als nur vorgeblicher Muslim und illoyaler Türke.

Die zwingende Eindeutigkeit dieser Gedankenwelt macht es dann auch notwendig, jedes Fehlverhalten, das sich innerhalb dieses Kollektivs manifestiert, zu leugnen, zu verdrängen und jeden, der auf dieses Fehlverhalten hinweist, als den wirklichen „Täter“ aus diesem Kollektiv herauszudefinieren.

Historisch lässt sich diese Denkweise natürlich nicht widerspruchsfrei durchhalten. Nur durch selektive Wahrnehmung historischer Fakten ist in der Anhängerschaft dieser Szene eine kognitive Dissonanz zu vermeiden.

So wird häufig und gern die Aufnahme insbesonderer sephardischer Juden im 15. Jahrhundert, die in Folge der spanischen Reconquista vertrieben wurden und Zuflucht im Osmanische Reich fanden, als Beweis dieser kategorischen Unmöglichkeit eines muslimischen Antisemitismus bemüht. Tatsächlich wurde das heutige Thessaloniki, das damalige osmanische Selanik, durch die Ansiedlung dieser jüdischen Flüchtlinge zum zweitgrößten Handelszentrum des Osmanischen Reiches.

Selektive historische Wahrnehmung

Was etwa 400 Jahre später mit ihren Nachkommen passierte, ist im historischen Bewusstsein der meisten Türken hingegen überhaupt nicht präsent. Mitte der 1930er Jahre kam es insbesondere im europäischen Teil der Türkei zu teilweise pogromartigen Übergriffen, kollektiver Gewalt, Misshandlung und anschließender Vertreibung der jüdischen Bevölkerung. Im damaligen Nationalverständnis handelte es sich um Nichtmuslime und damit „Nichttürken“. Ihre Präsenz in Grenzgebieten der Türkei wurde als Sicherheitsrisiko wahrgenommen und ihre Vertreibung als Lösung im Sinne einer Homogenisierung der ansässigen Bevölkerung verstanden. Dieses politische Klima förderte den Hass antisemitischer Kreise und gipfelte in der kollektiven Gewalt gegenüber den einheimischen Juden vor allem in den ostthrakischen Städten Edirne, Uzunköprü, Kırklareli, Keşan, Silivri und Lüleburgaz. Tausende Menschen jüdischen Glaubens mussten jene Heimat verlassen, in der sie seit über 400 Jahren gelebt hatten. Im Bewusstsein der türkischen Öffentlichkeit haben diese Ereignisse kaum Platz, die wenigsten kennen sie, noch wurden sie wissenschaftlich aufgearbeitet.

Diese Muster der Verdrängung wiederholen sich. So wird gern darauf verwiesen, dass die Türkei den durch den Nationalsozialismus verfolgten Juden ein sicheres Exil bot. Viele Wissenschaftler und Geschäftsleute fanden zwischen 1933 und 1945 Zuflucht in der Türkei, halfen beim Aufbau der neuen Republik und waren häufig bei der Institutionalisierung von akademischer Forschung und Industrie in der Türkei beteiligt.
Türkische Diplomaten im europäischen Ausland zeichneten sich durch persönlichen Mut aus. Allen voran Selahattin Ülkümen, aber auch Behiç Erkin, Namık Kemal Yolga oder Necdet Kent halfen durch die Ausstellung türkischer Pässe dabei, Juden vor dem Holocaust zu retten.

Muster der Verdrängung

Weniger bekannt ist die Tatsache, dass dieser persönliche Einsatz im Widerspruch zum staatlichen Dekret stand, das vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erlassen wurde und es Diplomaten verbat, ausländischen Juden türkische Visa auszustellen. Diese restriktive Politik war mitursächlich für die Versenkung der „Struma“ durch die sowjetische Marine im Jahr 1942. Fast 800 jüdische Flüchtlinge ertranken im Schwarzen Meer, nachdem ihnen die Einreise in die Türkei versagt und das Schiff aus dem Bosporus geschleppt wurde.

Im gleichen Jahr 1942 und danach bis ins Jahr 1944 wurde in der Türkei die „Varlık Vergisi“, die Vermögenssteuer erhoben. Offiziell mit einer möglichen Kriegsbeteiligung im Zweiten Weltkrieg begründet, diente die Steuererhebung vornehmlich dazu, nichtmuslimische Geschäftsleute faktisch zu enteignen.
Das Motto der Pogrome gegen die jüdische Minderheit in Ostthrakien knapp 10 Jahre zuvor, prägte auch die Motivation für die Vermögenssteuer: „Milli olan her şey bizimdir!“ („Alles Nationale gehört uns!“).
Der federführende Ministerpräsident Şükrü Saraçoğlu befürwortete die Vermögenssteuer als Gelegenheit, die Wirtschaft in der Türkei zu nationalisieren und den Vermögensstand nichtmuslimischer Eigentümer in private türkische oder staatliche Hände zu überführen.

Begleitet von antisemitischen Karikaturen und öffentlichen Schmähungen gegenüber nichtmuslimischen „Kriegsgewinnlern“ begann die rigorose Einziehung der Vermögenssteuer. Die Höhe der Steuer betrug für Muslime knapp 5 %, für Griechen 156 %, für Juden 179 %, für Armenier 232 %. Konnte die Steuer nicht gezahlt werden, wurde Eigentum enteignet. Vermögen im heutigen Gegenwert von etwa 3 Mrd. US-Dollar wurde so zu ungefähr 70 % an private türkisch-muslimische Eigentümer und zu etwa 30 % an die öffentliche Hand umverteilt.

Steuerpflichtige, die nicht binnen 30 Tagen zahlen konnten, wurden festgenommen. Betroffen waren etwa 1200 Steuerpflichtige, ausnahmslos Nichtmuslime, die im Arbeitslager von Aşkale in der Proviz Erzurum interniert wurden. Im Sommer 1943 wurden etwa 900 von ihnen ins Internierungslager in Sivrihisar verlegt.
Die Steuer wurde erst im Jahr 1944 – wohl auch auf ausländischen Druck – abgeschafft. Eine Aufarbeitung dieser Ereignisse hat praktisch nicht stattgefunden. Der Name des verantwortlichen Ministerpräsidenten Şükrü Saraçoğlu ziert heute das Stadion des Istanbuler Traditionsclubs Fenerbahçe.

Politik der Homogenisierung

Adnan Menderes ist ein anderer Ministerpräsident der Türkei. Unter seiner Regierung kam es nach weiteren gut 10 Jahre nach der Abschaffung der Vermögenssteuer, im September 1955, zum Pogrom von Istanbul. Bis heute ist umstritten, ob es sich bei den Gewaltausbrüchen um eine von der Regierung Menderes orchestrierte Aktion handelte oder die politischen Verantwortlichen im anhaltenden Zypernkonflikt der Eskalation der Gewalt zwischen Griechen und Türken freien Lauf ließen und ein effektives Einschreiten der Sicherheitskräfte verhinderten.

Jedenfalls kam es zu systematischer und organisierter Gewalt, ausgehend von tausenden Schlägern und Plünderern, die teilweise von außerhalb Istanbuls angereist waren und spontan von Einheimischen unterstützt wurden. Dem Mob fielen 15 Menschen zum Opfer, weitere wurden schwerverletzt. Kirchen und Schulen vornehmlich der griechischen Minderheit in Istanbul aber auch anderer christlicher Gemeinschaften wurden in Brand gesetzt und verwüstet, über 3.000 Privatwohnungen wurden geplündert, über 100 Hotels und mehr als 4.500 Ladengeschäfte und wirtschaftliche Unternehmen wurden ausgeraubt und zerstört. Wohnungen und Geschäfte in der heutigen Flaniermeile İstiklal Caddesi wurden mit Fahnen beflaggt und somit dem Mob kenntlich gemacht, in welchem Objekt Muslime/Türken wohnen oder arbeiten und damit zu verschonen sind.

Dieser Ausbruch kollektiver, organisierter und zumindest staatlich geduldeter Gewalt führte zu einer massiven Auswanderung christlicher Minderheiten aus Istanbul und der Türkei.

Adnan Menderes wurde nach dem Militärputsch 1960 zusammen mit anderen Mitgliedern seiner Regierung in den Yassıada-Prozessen neben vielen anderen Verfahren auch wegen seiner Beteiligung am Pogrom von Istanbul angeklagt und in diesem Einzelverfahren zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Menderes und viele andere Angeklagte wurden wegen des Vorwurfs der Abrogation der türkischen Verfassung zum Tode verurteilt. Gegen drei Angeklagte, Menderes, Zorlu und Polatkan wurden die Todesurteile durch das sogenannten Komitee der Nationalen Einheit bestätigt und im September 1961 vollstreckt. Alle wurden in den späteren Jahren rehabilitiert. Menderes Gebeine wurden 1990 mit einem Staatsakt in ein Mausoleum überführt. Der Internationale Flughafen der Stadt Izmir trägt seit Ende der 1980er Jahre seinen Namen. Seine Rolle beim Pogrom von Istanbul ist in der Türkei kein Thema und in der Öffentlichkeit größtenteils völlig unbekannt.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf

All diese Ereignisse zeigen, dass die Geschichte eines Landes, einer Gesellschaft und jeder Gemeinschaft nicht frei von dunklen Seiten sein kann. In keinem Bereich der menschlichen Existenz gibt es Kategorien des absolut Guten oder des absolut Bösen. Licht und Schatten müssen gleichermaßen wahrgenommen und verarbeitet werden.

Im türkisch-muslimischen Kontext ist dies besonders schwierig, gilt doch jedes Eingeständnis von Fehlbarkeit, jede öffentliche Debatte um die Schatten der nationalen Geschichte als Gesichtsverlust.

Im muslimischen Kontext gilt der Grundsatz, dass ein Glaubensbruder die Schwächen, die Verfehlungen eines anderen Glaubensbruders verdecken, im Heimlichen belassen soll. Eine öffentliche Konfrontation mit Fehlverhalten, der öffentliche Vorwurf der Verfehlung gilt als mindestens unschicklich, ja gar als unislamisch. Dies mag für die Sphäre des Privaten angemessen sein. Im Maßstab kollektiver Verantwortung wirkt dieser Grundsatz jedoch als Verhinderung jeder kontroversen Auseinandersetzung mit historischer Schuld oder Verantwortung.

Es gibt überdies eine türkische Redewendung: „Kol kırılır, yen içinde kalır.“, „Der gebrochene Arm bleibt unter dem Hemd verborgen.“ Brüche, Risse, der Makel soll also im Verborgenen bleiben. In der Öffentlichkeit gilt es, die Fassade der Makellosigkeit, der Unversehrtheit zu bewahren.
Diese tief in der türkischen Seele verwurzelte Einstellung verhindert ebenfalls eine öffentliche Debatte um historische Ereignisse. Dort aber, wo Fehlverhalten, wo Fehler und Schuld nicht wirksam, also auch kollektiv und öffentlich verarbeitet werden, bleibt eine Gesellschaft dazu verdammt, ihre Fehler immer wieder aufs Neue zu wiederholen.

Verdrängung führt zu neuer Gewalt

Die öffentliche Verarbeitung problematischer Ereignisse mag schmerzvoll sein und Wunden schlagen. Sie öffnet aber das Bewusstsein für die Existenz von aktuellen Problemen. Und das ist die erste und grundlegendste Voraussetzung, um Probleme überhaupt zu lösen.

Eine solche Auseinandersetzung bedeutet nicht die Entwertung des eigenen Selbst oder der eigenen kollektiven Geschichte. Das türkisch-muslimische Erbe ist reich an Licht und Würde. Aber wie alles Menschliche, ist sie, ist in ihr auch Schatten. Ein aufrichtiger Umgang mit diesem wichtigen und wertvollen Erbe kann nicht unter Verleugnung der Fehlbarkeit menschlichen Handelns stattfinden.

Dort wo Probleme verdrängt und geleugnet werden, wo jeder als Nestbeschmutzer und Verräter gilt, der diese Selbsttäuschung offen anspricht, muss die Erzählung über das absolut Gute der eigenen Identität und Geschichte im Zweifel durch Abgrenzung, Ausschluss und Verdrängung aufrechterhalten werden. Das kann nur zum Preis der Abwertung und Entmenschlichung des Anderen gelingen. Und genau dieser Effekt ist das Einfallstor für kollektive und individuelle Gewalt und damit der Einstieg in die Wiederholung dessen, was buchstäblich mit aller Gewalt geleugnet werden soll.

Wenn uns die türkisch-muslimische Existenz in Deutschland eines ganz deutlich vor Augen führt, dann doch dies: Es gibt keine Alternative zur Verarbeitung kollektiver Schuld und gemeinschaftlicher Verantwortung. Nur dort, wo es die Bereitschaft dazu gibt, können Menschen trotz aller Verletzungen und Schmerzen zueinander finden. Dort aber, wo Schlussstriche gezogen werden, wo Probleme wie der Antisemitismus als nichtexistent geleugnet werden, beginnt die Geschichte, sich zu wiederholen.

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