Auchdeutsch

Gestern jährte sich der Anschlag von Solingen zum 25. Mal. Die Gedenkveranstaltungen fanden vor Ort in Solingen und in der Düsseldorfer Staatskanzlei statt. Sie wurden durch zahlreiche Kommentare in der Presse und in den sozialen Medien begleitet. Das Meinungsbild, die Reaktionen auf dieses Ereignis und das Gedenken an die Opfer des Anschlages waren geprägt von zwei Details: Es hat 25 Jahre gebraucht, bis höchste Vertreter der Bunderegierung durch ihre Anwesenheit und ihre tröstenden Worte Beistand und Anteilnahme mit den Hinterbliebenen zum Ausdruck bringen konnten. Und seit 25 Jahren ist es Mevlüde Genç, die durch ihre Weigerung, die Verantwortung für ihren Schmerz der deutschen Gesellschaft als Ganzes zuzuweisen, mit einfachen Worten eine eindrucksvolle Sprache der Versöhnung und des Zusammenhalts findet. Sie ist damit auch ein Beispiel dafür, dass nicht entscheidend ist, wie wir aussehen und in welcher Sprache wir sprechen, sondern wie wir denken und was wir sagen.

Es ist ein löbliches, ein nötiges und ein überfälliges Zeichen der NRW-Landesregierung, dass sie die Erinnerung an Mevlüde Genç durch die Widmung einer Medaille, die künftig für besonderen Einsatz um Versöhnung und Verständigung unter den Kulturen verliehen werden soll, verewigen will. Das ist nicht nur ein Vorhaben, das dem Schmerz der Familie Genç über die Betroffenheit der Angehörigen hinaus eine gesellschaftliche Bedeutung verleiht und die vorbildliche Haltung Mevlüde Gençs dauerhaft in unserem Bewusstsein verankert. Es ist auch ein Schritt, der verdeutlicht und uns jedes Jahr daran erinnern wird, dass wir in den zurückliegenden 25 Jahren nichts dazugelernt haben.

Wir haben nichts dazugelernt

Wir haben die Ziele für unseren Hass und unsere entmenschlichende Sprache von „Türken“ zu „Muslimen“ und von „Asylanten“ zu „Flüchtlingen“ verändert. Mehr noch, wir haben in den letzten 25 Jahren über alle gesellschaftlichen Gruppen hinweg diese „neuen“ Ziele unserer kollektiven Ablehnung mit Narrativen der zivilisatorischen Ungleichwertigkeit, der kulturellen Rückständigkeit und der feindseligen Überwältigungsabsicht markiert und bemühen uns unentwegt darum, damit unsere entmenschlichende Verachtung intellektuell zu legitimieren.

Wir überhäufen Personen und Gruppierungen mit gesellschaftlichen und politischen Gesten der Anerkennung, mit medialer Präsenz und Reichweite für ihre völlig undifferenzierte und kollektive Dämonisierung und Kriminalisierung ganzer Bevölkerungsgruppen und wollen in ihnen unbedingt nur aufgeklärte und liberale Vordenker erkennen.

Wir betreiben eine Politik, die sich nicht um die wachsende ökonomische und soziale Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft kümmert, sondern sich damit begnügt, den vom wirtschaftlichen Abstieg bedrohten Bevölkerungsgruppen gesellschaftlich noch schwächere und benachteiligte Gruppen anzubieten, denen man sich überlegen fühlen kann.

Wir reden von Brennpunktschulen und meinen damit immer nur Schülerinnen und Schüler aber nie Lehrerinnen und Lehrer, die nicht selten der Überzeugung sind, ein Teil ihrer Schüler habe andere, nämlich mindere kognitive Fähigkeiten, nur weil sie einem bestimmten Glauben angehören oder eine bestimmte Herkunft haben. Sie spielen Schicksal in Schulklassen und zerstören den Traum vom Aufstieg durch Bildung, noch bevor er anfangen kann, geträumt zu werden.

Wir verbreiten immer intensiver die Mär vom Scheitern der Integration. Sie dient uns dazu, durch einseitige Schuldzuschreibungen Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung in unserer Gesellschaft zu rechtfertigen. Wir versuchen dadurch, Chancenungleichheit als vermeintliche Folge massenhaften individuellen Versagens zu erklären und so aus dem Verantwortungsbereich aktiver Politik und der eigenen diskriminierenden Verhaltensmuster der sozioökonomischen Gatekeeper heraus zu definieren.

Die Grenze des Sagbaren immer weiter verschoben

Auch 25 Jahre nach Solingen führt es nicht zur gesellschaftlichen Ächtung, sondern gehört es zu einer vermeintlich kritischen Geisteshaltung, Sondergesetze für bestimmte Bevölkerungsgruppen zu fordern, die kategorische Schädlichkeit und Gefährlichkeit bestimmter Religionen zu behaupten, eine  religiöse Lebensführung als ein Risiko für unsere Gesellschaft zu verorten und in der puren Existenz religiöser Minderheiten die Kategorie des Bösen in unserer Mitte zu erkennen.

Anders als vor 25 Jahren verstecken sich diese Geister nicht auf den hinteren Bänken der etablierten Volksparteien. Sie sitzen als Oppositionsführer im Bundestag und stellen Anfragen zu inzuchtbedingten Behinderungen und verhöhnen die verstorbenen Eltern ihrer politischen Gegner. Sie erinnern uns daran, dass keine gesellschaftliche Schicht, keine Berufsgruppe, keine akademische Szene, dass niemand immun ist gegen den verborgenen Faschisten im Inneren seines Selbst.

Ich erinnere mich an ein Ereignis zu meiner Schulzeit, im Geschichtsunterricht in der Oberstufe. Die Lehrerin stellte zur Diskussion, ob eine Dokumentation über die Shoa im Unterricht abgespielt werden soll. Die Aufnahmen seien teilweise sehr drastisch. Die überwiegende Mehrheit der Klasse stimmte dagegen. Die Shoa sei die Schuld früherer Generationen und habe mit ihrer gegenwärtigen Lebenswelt nichts mehr zu tun. Ich war der einzige Schüler, der sich das VHS-Band auslieh, um es zu Hause anzusehen. Diese Diskussion ist mir über die Jahre hinweg stets in Erinnerung geblieben. Ich musste daran zurückdenken, als über Martin Walser und seine „Schlussstrich“-Rede in der Frankfurter Paulskirche diskutiert wurde – fünf Jahre nach dem Anschlag in Solingen.

Kein Ausweichen vor der historischen Verantwortung

Und ich muss auch heute noch daran zurückdenken, wenn es immer häufiger vorkommt, dass Politiker dazu ansetzen, unsere deutsche Geschichte umschreiben zu wollen und verächtlich über die Erinnerungskultur polemisieren. Wenn wir abfällig und entmenschlichend über Religionen reden, wenn wir Glaubensangehörige kollektiv zum Bösen erklären, müssen wir uns daran erinnern, dass wir Deutschen es waren, die Menschen nicht nur wegen ihres anderen Glaubens vernichtet haben, sondern dass wir sie dabei auch noch verhöhnten. Es war Franz Paul Stangl, Lagerkommandant in Treblinka, der den Eingang der Gaskammer mit einem Davidstern versehen ließ und die Menschen dazu zwang, die Gaskammern durch einen Synagogen-Vorhang zu betreten, darauf die hebräische Inschrift „Dies ist das Tor, durch das die Gerechten eingehen“.

Wir müssen darüber nachdenken, ob wir im Geschichtsunterricht nicht einen deutlicheren Schwerpunkt auf unsere neuere und zeitgenössische Geschichte legen müssen. Die Seeschlacht bei Salamis 480 v.Chr. und die Klärung der Faschoda-Krise 1899 mögen zum klassischen Wissenskanon gehören. Aber welche gesellschaftlichen Entwicklungen erwarten uns, wenn die kommenden Generationen bestens über die Kap-Kairo-Kabul-Pläne des britischen Empire im 19. Jahrhundert informiert sind, aber nichts von der historischen Verantwortung wissen wollen, die uns unsere Geschichte der letzten 100 Jahre auferlegt?

Wir dürfen uns nicht abwenden. Und damit meine ich auch jene, die sich in den letzten Tagen aus türkischer Perspektive zum Gedenken an Solingen geäußert haben. Viel zu häufig schwangen da in den Solidaritätsbekundungen auch Resignation, Pessimismus und eine Entfremdung von der hiesigen Gesellschaft mit. Bei manchen hat man gar das Gefühl, es ginge ihnen weniger um die Erinnerung an die Opfer und die Angehörigen, als um das Feiern der eigenen Betroffenheit als Beweis der moralischen Überlegenheit gegenüber „den Deutschen“. Auch das ist gefährlich. Denn es spaltet unsere Gesellschaft. Jede Form der Abwendung von der Gesellschaft ist die Aufkündigung des Zusammenhalts und der gemeinsamen Anstrengung, die Lebensumstände hier zu verbessern.

Die türkische Perspektive: Abwendung von der Gesellschaft ist keine Option

Die Schwierigkeiten auf diesem Weg, die Rückschläge, die wir dabei erfahren, dürfen nicht dazu führen, dass wir unser Ziel aus den Augen verlieren. Die Feststellung, dass sich die gesellschaftlichen Zustände in den letzten 25 Jahren nicht verbessert und teilweise sogar verschlechtert haben, die Feststellung, dass wir aus dem Anschlag in Solingen nicht die richtigen gesellschaftlichen und politischen Lehren gezogen haben, dürfen uns nicht dazu bewegen, aufzugeben und uns von der Gesellschaft abzuwenden. Im Gegenteil gilt es, uns noch intensiver und deutlicher als zuvor für ein gedeihliches Zusammenleben in Frieden und Gleichberechtigung für alle und für den Erhalt der Demokratie einzusetzen.

Denn auch das ist das Vorbild Mevlüde Gençs: Sie sagt, die Türkei ist ihre Heimat, weil sie dort geboren ist. Aber Deutschland ist auch ihre Heimat, weil sie hier satt geworden ist. Das ist eine tiefe aufrichtige Empfindung der ersten sogenannten Gastarbeitergeneration, die hier nie richtig gehört oder verstanden worden ist. Die aufrichtige Haltung einer Generation von Menschen, die neben 12-Stunden-Schichten und härtesten Arbeitsbedingungen vielleicht keine Gelegenheit gefunden haben, richtig Deutsch zu lernen, aber diesem Land gegenüber tiefe Dankbarkeit und Zuneigung empfunden haben, sich und ihre Kinder durch die Kraft der eigenen Arbeitsleistung ernähren und aufziehen zu können.

Und zum richtigen Verständnis dieses Gefühls gehört es heute auch, dass die Nachkommen in der zweiten und dritten Generation diesem Land zwar keine Dankbarkeit schulden, weil ihr Dasein hier und heute eine Selbstverständlichkeit ist. Aber sie müssen Verantwortung für diese deutsche Heimat übernehmen, daran teilhaben und sie mitgestalten. Trotz und entgegen aller Widrigkeiten und Zurückweisungen. Egal, wie sie sich selbst vornehmlich empfinden, als türkisch, arabisch, bosnisch, als muslimisch oder als was auch immer. Sie sind in jedem Fall auch deutsch. Auchdeutsch. Teilnahmslosigkeit, Entfremdung, Abwendung sind keine Alternativen für eine bessere Zukunft.

Liebe ist im Verhältnis zwischen dem Staat und seinen Bürgern etwas, was aus türkischer Perspektive sehr wichtig ist. Aus deutscher Sicht, gerade vor dem Hintergrund des historischen Missbrauchs dieser Gefühle, sind solche emotionalen Kategorien der Vaterlandsliebe aber hochproblematisch. Die türkische Sehnsucht nach dem Gefühl des Angenommen-Werdens, des emotionalen Bandes wurde vor 25 Jahren durch das Verhalten des damaligen Bundeskanzlers (Stichwort „Beileidstourismus“) vollkommen enttäuscht. Heute, 25 Jahre danach, scheint ein zartes Verständnis für diese Bedürfnisse entstanden zu sein.

Ob wir jemals einen empathischen Augenblick, ein politisches Signal, einen symbolischen Moment des Zurückgeliebt-Werdens erfahren werden, mag dahinstehen. Das liegt nicht in unserer Macht. Aber wir können uns mit aufrichtiger Verbundenheit für das Wohl dieser Gesellschaft und für die Zukunft dieses Landes einsetzen. Vielleicht ist das unsere historische Aufgabe, damit es uns und allen Menschen in diesem Land in 25 Jahren besser geht als heute.