Wehret den Anfängern!

Am 22.01.2016 veröffentlichte Online Redakteurin Charlotte Zink einen Artikel auf www.focus.de. Er trägt den Titel: „ „Etwa jede zweite Moschee ist anti-westlich“: Experte erklärt Macht der Imame“.

Dieser Focus-Beitrag ist auf vielen Ebenen exemplarisch. Er markiert gleichzeitig den aktuellen Tiefpunkt der Inflation des Begriffs „Experte“ und den Auftakt zu einer infamen neuen Hetzkampagne gegen muslimische Geistliche. Mit stilistischen und sprachlichen Mitteln öffnet sich hier das Tor zu neuen Abgründen der Stigmatisierung und der antimuslimischen, rassistischen Ausgrenzung nicht mehr nur der Muslime als diffuses Kollektiv, sondern konkret ihrer Moscheegemeinden und ihrer Imame.

Es beginnt mit der Einleitung der Beitragsüberschrift. Sie lautet: „Kölner Kleriker sorgte für Skandal“ Dieses sprachliche Detail ist wichtig. Es bezieht sich auf Sami Abu Yusuf, der mit Blick auf die Ereignisse in der Silvesternacht in Köln einen Zusammenhang zwischen der Kleidung der angegriffenen Frauen und den Übergriffen auf sie hergestellt hat.

Früher wären Personen, die durch Vergewaltigungsmythen eine Täter-Opfer-Umkehr praktizieren und damit ihre Misogynie offenbaren, als das bezeichnet worden, was sie sind, nämlich Hassprediger. Mit dieser Bezeichnung wäre klar, dass es sich um eine persönliche Verirrung, ein charakterliches Defizit, eine menschenverachtende Widerwärtigkeit handelt.

Der Begriff des Klerikers und damit des Klerus suggeriert jedoch eine kollektive Verantwortlichkeit für eine vorurteilsbehaftete, stereotype und frauenfeindliche Auffassung über sexuelle Gewalt. Mit diesem sprachlichen Detail wird nahegelegt, die Gesamtheit der Angehörigen eines geistlichen Berufsstandes, nämlich die Imame, teilten mittels Konfession und Profession die zitierten Verharmlosungen und frauenverachtenden Unterstellungen.

 

Um einen Zufall kann es sich dabei nicht handeln. Denn das Infame – und der Begriff der Infamie wird vom Verfasser dieser Zeilen hier ganz bewusst herangezogen, dazu später mehr – das Infame an dem Focus-Artikel ist die Bebilderung, die der Überschrift folgt. (Update: Mittlerweile hat Focus das Bild entfernt. Seine Wirkung bis zur Entfernung bleibt.) Die Bildunterschrift lautet „Imame beim Gebet mit Gemeindemitgliedern in einer Moschee in Köln (Symbolbild)“. Dieses redaktionelle Gebaren des Focus wird in Zukunft tatsächlich als Symbol(bild) der medialen Verantwortlichkeit für die Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte zitiert werden. Wenn man sich später einmal fragen sollte, wie es so weit kommen konnte, wie wir es als Gesellschaft auch nach Dutzenden Übergriffen auf Moscheen und Hunderten Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünften dazu kommen lassen konnten, dass die Ausgrenzung und Hetze gegen Muslime immer neue, immer extremere Dimensionen erreichen konnte, hier in der redaktionellen Arbeit des Focus ist die Antwort darauf.

 

Denn das „Symbolbild“ für Imame wird in der bildlichen Komposition des Artikels in einen Zusammenhang gesetzt mit den weiteren Bildern der dort dargestellten Hassprediger – wozu der vom Focus zitierte „Experte“ Ralph Ghadban ausdrücklich mitgezählt werden muss.

Das Bild zeigt kein Ritualgebet, was vermutlich nur dem kundigen muslimischen Leser auffällt. Es zeigt Imame und Gemeindemitglieder der DITIB Zentralmoschee in Köln Ehrenfeld während eines Friedensgebets und einer Fürbitte im Gedenken an die Opfer des Terroranschlages von Paris im Januar 2014.

Darüber hat der Focus vermutlich nicht berichtet, sonst wäre der tatsächliche Hintergrund des Bildes bekannt. Muslimische Geistliche und muslimische Gemeindemitglieder, die ihre Solidarität mit Opfern von Terroranschlägen zeigen, sich also mit ihrer Religion und ihren religiösen Persönlichkeiten für ein friedliches und gewaltfreies Miteinander einsetzen, werden als „Symbolbild“ in den Kontext von Frauenfeindlichkeit und sexueller Gewalt gestellt, um – so final muss man es angesichts der Umstände ausdrücken – das gesamte geistliche Personal der Moscheegemeinden in Deutschland pauschal zu diskreditieren.

Es wird nicht darüber berichtet, dass die Imame in den fast 900 Moscheegemeinden der DITIB nach den Ereignissen in Köln über die Würde der Frauen, die Achtung und Wertschätzung, mit der man ihnen begegnen muss und das gesellschaftlich angemessene und respektvolle Verhalten in der Öffentlichkeit und im Privaten gepredigt haben. Nein, stattdessen begibt man sich auf die Suche nach randständigen Personen, die mit absurden Vorstellungen als exemplarisch für die muslimischen Gemeinden und Imame präsentiert werden. Und dann wundert man sich, warum der Hass auf Muslime in den Landstrichen am größten ist, in denen es praktisch keine Muslime gibt. An dieser perfiden redaktionellen Sensationslüsternheit wird es wohl kaum liegen.

 

Und inhaltlich leistet Ralph Ghadban den intellektuellen Offenbarungseid für seine ganze Zunft der selbsternannten „Islamexperten“ und demonstriert, was man sich unter Expertentum im Zusammenhang mit dem Thema Islam nach 15 Jahren intensiver Debatte nunmehr vorstellen muss. Das Expertentum erschöpft sich in bloßem Postulat. Gäbe es eine Fußnote zur Quelle der aufgestellten Behauptungen, würde man darunter wohl Ghadbans Kehrseite finden. Zu hart, verehrte Leser? Dann schauen wir uns die Aussagen doch genauer an.

 

„Wenn die Eltern sehr religiös sind, würden sie den Imam um Rat fragen. Der entscheidet dann, ob das Kind zur Geburtstagsfeier gehen darf oder nicht.“

Welchen Informationswert oder welche Expertise enthält so eine Aussage? Wann sind Eltern religiös? Ist das etwas Gutes oder Schlechtes? Ein Rat ist dem Wortsinn nach eine unverbindliche Empfehlung. Warum entscheidet ein Imam, wenn er nur um Rat gefragt wird? Und wie sieht die Empfehlung denn in dieser konkreten Frage aus? Darüber sagt der Experte nichts, um die Assoziation des Lesers nicht zu gefährden, der im Kontext des Artikels natürlich davon ausgeht, die Imame würden Kinder daran hindern, Geburtstagsfeiern zu besuchen.

 

„Im Alltag wird anders als im Christentum alles durch Gesetze geregelt.“

Muslime als religiöse Roboter, die nur mechanisch die Dogmen ihres Glaubens exekutieren. Was ist das für ein absurdes Menschenbild, das man als Experte heutzutage haben muss, um im Focus zitiert zu werden? Haben Muslime „anders als im Christentum?“ einen Katechismus, in welchem sie Alltagsentscheidungen nachschlagen? Haben sie einen über 400-seitigen Erwachsenen-Katechismus mit Kapitelüberschriften wie „Das Wesen der persönlichen Sünde“, „Die Autorität des Lehramtes in sittlichen Fragen“, „ Vergötzung von Genuss und Lust“, „Aberglaube und Magie, Fluchen und leichtfertiges Reden über Gott“, „Die Familie als Hauskirche“, „Empfängnisregelung“, „Liberalismus und Sozialismus“, „Wahrung von Ehre und gutem Ruf“, „Pflicht zur brüderlichen Zurechtweisung“ und, und, und?

Entweder hat da jemand nicht die geringste Ahnung, worüber er spricht oder er ist vorsätzlich unredlich.

 

„Schätzungsweise über die Hälfte der Moscheen in Deutschland predigen einen anti-westlichen Islam“.

Was ist die Methode der Schätzung? Mit einem Auge über den Daumen gepeilt? Geräusche des eigenen Verdauungsapparates? Luzider Traum? Was ist „über die Hälfte“? Alle? Oder nur 51%? Was ist ein „anti-westlicher Islam“? Und was soll im Umkehrschluss ein „westlicher Islam“ sein? Marokko lag bis zum letzten Erdkundeunterricht des Verfassers dieser Zeilen deutlich westlicher als Bosnien. Wird in Marokko jetzt ein „westlicher Islam“ gelehrt? Muss man doch bezweifeln, weil in Marokko ja fast alle Menschen Nordafrikaner sind. Und wie schafft es eine Moschee, zu predigen? Müssen die von radikal-anti-westlich-islamischen Architekten erbaut worden sein, um das zu können?

 

„Die jungen Muslime, die in dritter Generation in Deutschland leben, sind eigentlich gut integriert. Die Imame machen viel kaputt, indem sie auf Fragen aus dem Alltag Antworten geben, die aus Büchern aus dem Mittelalter kommen“.

Imame seien deshalb das „Haupthindernis“ bei der Integration von Muslimen in Deutschland. Ghadban ist Mitglied des Muslimischen Forums Deutschland (MFD). Vor nicht langer Zeit wurde vom MFD noch die Position vertreten, nur eine Minderheit der Muslime wäre in Moscheevereinen organisiert. Die „schweigende Mehrheit“ der Muslime würde sich nicht von Moscheevereinen vertreten fühlen und suche nach anderen Angeboten. Das ist der Gründungsmythos des MFD von Gnaden der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Imame in den Moscheevereinen waren bis gestern also noch Randgruppen mit geringer Reichweite. Heute sind sie das „Haupthindernis“ und „machen viel kaputt“. Welches Mittagessen bekommen die MFDler eigentlich bei der KAS, um so verwirrt zu sein?

 

Und dann natürlich noch der Klassiker jedes „Islamexperten“, sozusagen der „Evergreen“ der islamkritischen Expertise, mit der die Ghadbans unserer Tage quasi inbrünstig „I Did It My Way“ trällern und die Abfahrt auf die Schnellstraße des Fear Mongering nehmen:

„Imame stellen die Scharia über das Grundgesetz.“

In seiner ganzen Schlichtheit suggeriert dieser Satz immer wieder, dass Muslime – und hier jetzt konkret ihre Imame – nicht rechtstreu sind. Muslime sind das Fremde, das Bedrohliche, der potentielle Verbrecher. Ohne große kognitive Dissonanz schafft es Ghadban in zwei Sätzen vom Grundgesetz zum Strafgesetzbuch zu kommen, Verfassungsrecht und Strafrecht zusammen zu würfeln, um letztlich die Schraube der Kriminalisierung der Muslime weiterzudrehen: Der gemeine Muslim ist nicht nur theoretisch ein Gegner unserer Verfassungsordnung, seine Religion stiftet ihn auch noch ganz praktisch zu Straftaten an und seine Vorbeter begehen aus religiöser Überzeugung Strafvereitelung.

Das ist also die Stimme der „schweigenden Muslime“. Hätte sie sich doch bloß ein Beispiel an denen genommen, die sie zu vertreten behauptet – man müsste sich etwas weniger schämen.

 

Die intellektuelle Leistung der Differenzierung religiöser Normen von einer weltlichen Verfassung wagt man angesichts dieses geballten Expertentums ja gar nicht mehr zu erwarten. Aber man wundert sich schon, dass diese Äußerungen dem Leser als ausgrenzende Etikettierung von „Wir“ und „Die“ mit den einleitenden Worten „anders als im Christentum“ angeboten werden. Wieder offenbart sich die Unwissenheit – oder ist es vielleicht doch Unaufrichtigkeit? – des „Experten“. „Wir“ sind gut, rechtstreu, zivilisiert, weil es „die Muslime“ nicht sind. Sie können fast nichts dafür, weil es ihnen ja durch die Imame eingeflüstert wird.

„Jesus erkennt zwar das Recht des Staates auf das, was ihm gebührt, an, schränkt es aber auch durch die Oberhoheit Gottes ein. Er geht über die politische Fragestellung hinaus und proklamiert das Recht Gottes als das höhere.“, „Wo staatliche Stellen ihre von Gott gesetzten Schranken überschritten, traten dem von Anfang an die Christen entgegen.“, „Immer steht die Autorität Gottes höher als die Autorität des Staates.“ Mit solchen Positionen – wieder aus dem katholischen Erwachsenen-Katechismus – müssen wir uns nicht beschäftigen, solange wir uns vor der Gefahr des Islam und seiner Imame fürchten können.

 

Streng betrachtet darf man den Ghadbans eigentlich nicht böse sein. Sie nähren sich an den Tischen der Verachtung und der Skandalisierung, die ihnen unsere Medien aus politischem Kalkül oder schlichter Auflagengier reichhaltig decken. Von Zeit zu Zeit stoßen sie ihr „Expertenwissen“ auf und zeigen sich so dankbar für Speis und Trank und hoffen auf weitere Gänge – im Fernsehen, im Hörfunk oder in Parteistiftungen.

 

Den eigentlichen Vorwurf muss man den Medien machen, mit ihrer manipulativen redaktionellen Gestaltung, ihrem Desinteresse an Differenzierung und ihrer Gleichgültigkeit angesichts so anorektisch-dünner „Expertise“.

Denn diese Haltung ist infam -im wahrsten Sinne des Wortes Infamie. Rechtshistorisch beschreibt Infamie den Zustand eingeschränkter Rechtsfähigkeit, die Einschränkung oder den Verlust von Rechten. Die Medien schwingen sich auf zum Richter über Glaubensfragen, über die Disqualifizierung ganzer Bevölkerungsgruppen, ihrer Religionsfreiheit und ihrer Freiheit, ihre Gemeinden ihrem Glauben und ihren Wünschen gemäß organisieren zu dürfen. In diesen Zusammenhang muss man die aktuelle Agitation des Focus einordnen.

Als Spatenstich der Entrechtung der muslimischen Imame, der Moscheegemeinden und letztlich der Muslime selbst. Flankiert von politischen Parteien, die wie die Grünen schon begonnen haben, Muslimen und ihren Religionsgemeinschaften den Schutz unserer Verfassung abzusprechen. Und sekundiert von „muslimischen Experten“, die in einer bemerkenswerten Form des Selbsthasses schon staatliche Eingriffe in die Moscheegemeinden (LIB-Kaddor) oder Entrechtung durch verfassungswidrige Islamgesetze nach Österreichischem Vorbild (MFD-Khorchide, ZMD-Mazyek) fordern.

Da kann man die Aussagen eines Ghadban fast schon als ordinären Rülpser verzeihen.